FAZ 16.01.2026
08:16 Uhr

Auswandern auf Zeit: Die schneebedeckten Berge rufen: Worauf wartest du?


Wintersport gehört in Kanada zur DNA. Die Familienmitglieder unserer Autorin sehnen den ersten Skitag herbei, aber sie selbst hat riesige Angst. Wird sie diese besiegen?

Auswandern auf Zeit: Die schneebedeckten Berge rufen: Worauf wartest du?

Die Tür fällt ins Schloss, der Wagen rollt die Straße hinunter. An Bord meine Familie, unbändige Vorfreude steht in den Gesichtern. „Ich habe noch nie so was Geiles gemacht, wie spontan Ski fahren zu gehen“, war es aus unserem großen Sohn herausgebrochen, als klar war: Heute geht es auf den Cypress Mountain, einen der Hausberge von Vancouver, wo man Ski fahren kann – nur 30 Minuten von Downtown entfernt. Die Wildnis beginnt hier unmittelbar hinter der Lions Gate Bridge, im Norden der Stadt. Es ist Vancouvers claim to fame, dass man an einem Tag vormittags auf der Skipiste stehen und nachmittags am Strand rumhängen kann. Also jedenfalls theoretisch. Für mich ist die Lage etwas komplizierter. Ich bin ein Kind der norddeutschen Tiefebene, Ski fahren habe ich erst mit Mitte 20 gelernt, während meines Auslandsjahres genau hier, in Westkanada. Beigebracht hat es mir ein finnischer Austauschstudent, gleich neben der Piste. Nach zehn Minuten hatte ich die Basics drauf, bremsen, Linkskurve, Rechtskurve. Damals eine solide Basis, um mich den ersten Hang meines Lebens herunterzustürzen. 25 Jahre später scheint mir diese Ausbildung jedoch etwas dürftig, um mich noch einmal auf die Bretter zu trauen. Die Angst funkt mir dazwischen. Werde ich mich auf die Skier wagen? Ich gehe also am Strand spazieren, während die anderen drei durch den frischen Schnee wedeln. Mein Blick fällt auf exakt den Berg, den sie wahrscheinlich gerade im Schuss runterbrettern. Der Schnee glitzert verführerisch in der Sonne, der Himmel ist strahlend blau, die Bäume sehen aus wie mit Puderzucker bestäubt. Ich stehe unten und frage mich, wie es sein kann, dass ich jetzt nicht dabei bin. Will ich das wirklich bis zum Ende unserer Zeit in Vancouver durchziehen? Oder will ich meine Angst bezwingen, mich doch noch mal auf die Skier wagen, um dieses einmalige Erlebnis mit dem Rest der Familie teilen zu können? In British Columbia stellt sich die Frage mit einer ganz anderen Dringlichkeit als in Berlin. Wintersport gehört zur DNA von Vancouver, wie überhaupt der Winter eigentlich die kanadischste aller Jahreszeiten ist. Vor unserem Fenster erheben sich die schneebedeckten Berge wie ein Mahnmal. Jeden Tag rufen sie mir zu: Worauf wartest du? Nun, mich macht schon die Aussicht fertig, unseren Söhnen dabei zuzusehen, wie sie im Affenzahn die Hänge hinunterrasen. Als Elternteil macht man sich sowieso ständig Sorgen um die Kinder, aber je älter sie werden, desto mehr muss man lernen, diese für sich zu behalten. Man will ihnen ja nicht seine eigenen Ängste aufhalsen. Aber wie soll ich das schaffen, ausgerechnet hier, wo meine Hasenherzigkeit auf ihre Endgegner trifft: Abfahrten steil wie Canyonwände, schroffe Felsvorsprünge, Skigebiete, durch die Luchs und Puma schleichen. Durch meinen Kopf flackern Bilder von Schädelbasisbrüchen, Helikopter-Einsätzen, Notaufnahmen. Es ist viel zu verlockend, um es nicht wenigstens zu versuchen Ende Dezember spitzt sich die Lage noch einmal zu: Wir fahren nach Whistler, in das ultimative Skiparadies. Aus der ganzen Welt kommen sie her, um einmal diese Pisten zu spüren. Irgendwelche lauwarmen Ausflüchte lässt mir jetzt keiner mehr durchgehen, am wenigsten ich selbst. Ich starte einen Feldversuch. Fahre mit der Gondel auf den Berg, ohne Skier, um herauszufinden, wie sich das anfühlt: Wird mich diese spektakuläre Landschaft verführen, wird die Erinnerung an meine Skifahrerinnen-Zeiten hier oben alle Sorgen zukleistern, oder wird mein Hasenherz schon die Handbremse ziehen, wenn die Gondel über die mörderischen Abgründe schwebt? Als ich oben aussteige und die schneebedeckten Gipfel vor mir in den Himmel ragen, bin ich für einen Moment wild entschlossen, mir sofort die Skier anzuschnallen. Es ist viel zu verlockend, um es nicht wenigstens zu versuchen. Doch dann rast ein Sanitäter vorbei, er zieht eine orangefarbene Bahre hinter sich her. Etwas weiter unten liegt eine Skifahrerin unter einer Rettungsfolie, über unseren Köpfen kreist der Hubschrauber. Mein Heldenmut fällt in sich zusammen wie ein Soufflé – und meine Angst kommentiert süffisant: „Hab ich dir ja gleich gesagt!“ Sie ist ein schlechter, aber leider lautstarker Berater. Schneeschuhwandern, der urkanadische Wintersport Die Skier bleiben also im Skiverleih. Ich bin ein wenig geknickt, dass ich so ein verdammter Angsthase bin und jetzt nicht als strahlende Heldin am Hang stehe, die Bindungen zuschnappen lasse und mit meinen Kindern die Pisten runtersause, ein leuchtendes Beispiel dafür, wie man seine Ängste niederringt. Aber ich fühl es einfach nicht. Und eine Sache ist definitiv noch schlimmer, als vom Rand aus zuzusehen: mit zitternden Knien den Hang hinunterzubremsen und dem Rest der Familie meine Warnungen hinterherzubrüllen. Zurück in Vancouver erzähle ich unserem Nachbarn kleinlaut von meinem Nicht-Skiurlaub in Whistler. Er fragt, ob ich denn nicht Schneeschuhwandern ausprobiert hätte, diesen urkanadischen Wintersport? Ich bin wie elektrisiert – habe ich nicht! Wir brechen gleich am nächsten Wochenende zu unserer ersten Schneeschuhtour auf. Die Bergkulisse des Cypress Mountain, der Schnee, der unter den Schuhen knirscht, die hohen, schmalen Nadelbäume: Es ist märchenhaft schön, die Kinder sprinten durch den Winterwald und holen wirklich alles aus ihren Schneeschuhen heraus. Nach einer Dreiviertelstunde blitzen die Lichter der ersten Schutzhütte verheißungsvoll durch die Zweige, wir marschieren darauf zu und kehren ein, bestellen heißen Kakao, spielen Karten. Keine Schussfahrten, keine Schädelbasisbrüche, keine weiteren Fragen: Schneeschuhwandern ist der perfekte Wintersport. Wenn der Berg ruft, bin ich am Start.