FAZ 29.01.2026
13:50 Uhr

Australian Open: Djokovic und das Glück des Süchtigen


Mit 38 Jahren steht Novak Djokovic im Halbfinale der Australian Open, weil ihm bisher fast alles in Melbourne in die Karten spielt. Hat er aber auch gegen Jannik Sinner noch ein Ass im Ärmel?

Australian Open: Djokovic und das Glück des Süchtigen

Der König von Melbourne hat schon fast alles erlebt. So nennen sie Novak Djokovic, wenn er bei den Australian Open aufschlägt, weil niemand öfter das Turnier gewonnen hat als der 38 Jahre alte Mann mit seinen zehn Titeln. Djokovic weiß, wie sich hier die großen Siege anfühlen. Dass er an diesem Freitag (9.30 Uhr MEZ bei Eurosport) wieder im Halbfinale steht, ist nichts Neues in der Welt des Rekordchampions. Doch der Weg dorthin ist es schon. Djokovic steht unter den besten vier, ohne im Achtel- oder im Viertelfinale einen Satz gewonnen zu haben. Zweimal haben seine Gegner aufgegeben. Und am Mittwoch schien das ein ziemlich glücklicher Umstand für ihn zu sein, weil der Italiener Lorenzo Musetti schon zwei Durchgänge für sich entschieden hatte, bevor er wegen einer Verletzung das Handtuch warf. Das alles verfestigte einen Eindruck, der Djokovic nun schon eine ganze Weile begleitet: Der König von einst scheint in der Gegenwart zunehmend auf Gaben derjenigen angewiesen zu sein, die er früher beherrschte. Musetti, die Nummer fünf der Welt, war mit seiner variablen und dadurch unberechenbaren Spielweise der dominantere Akteur. „Er war der viel bessere Spieler, ich war schon auf dem Weg nach Hause heute“, gab Djokovic im Interview auf dem Platz zu. Sein Gegner habe alles „unter Kontrolle“ gehabt. Dass Musetti aufgeben musste, tue ihm leid. Djokovic spendete ein wenig Trost, obwohl er ihn wohl selbst gut hätte gebrauchen können. Später klang der Serbe, dessen Auftritte stets etwas Staatsmännisches haben, auf der Pressekonferenz jedenfalls eher wie einer, der gerade in eine Regierungskrise gestürzt war. Djokovic wirkte unzufrieden, weil er sein Level nicht erreicht habe, leicht ratlos und auch ganz schön angekratzt. Djokovic: „Ich schreibe meine eigene Geschichte“ Als ein Journalist seine Frage mit einem Vergleich einleitete und den Bogen vom Anfang von Djokovics Karriere, als dieser Roger Federer und Rafael Nadal jagte, zum Ende spannte, an dem er nun Jannik Sinner und Carlos Alcaraz jagt, fiel ihm der Serbe ins Wort. „Ich jage Jannik und Carlos?“, fragte er zurück und legte noch mal nach, als der Fragesteller gerade dabei war, sich zu erklären: „Ich bin also immer der Jäger, nie der Gejagte?“ Als der Journalist dann entgegnete, dass Djokovic in der Zwischenzeit 24 Grand-Slam-Titel gewonnen habe, reagierte dieser noch patziger: „Danke. Es lohnt sich, das manchmal zu sagen, oder?“ Er finde das „ein bisschen respektlos“, diesen Fakt auszuklammern, sagte Djokovic. Und im Übrigen fühle er sich auch nicht als Jäger: „Ich schreibe meine eigene Geschichte.“ Da schwang wieder vieles mit von dem, was ihn seine ganze Karriere schon begleitete, vor allem das Gefühl, nicht genug wertgeschätzt zu werden. Sich fragen lassen, warum er noch spielt, und Vergleiche von früher zu heute ziehen lassen muss Djokovic ständig. Meist wirkt es so, als könne er das nicht nachvollziehen. Er spiele ja immer noch auf dem höchsten Level, sagt er dann. Warum also aufhören? In Melbourne verriet er dieser Tage noch ein wenig mehr: Seine Motivation seien Titel, das ist klar. Aber da sei auch noch etwas anderes. „Die Liebe zum Spiel, die Interaktion mit den Leuten, die Energie, die man fühlt, wenn man auf den Platz geht, der Adrenalinrausch“, zählte Djokovic auf: „Es ist fast wie eine Droge.“ Gewinnt Djokovic seinen 25. Grand-Slam-Titel? Spätestens seitdem scheint klar: Djokovic will nicht einfach nur nicht ans Aufhören denken. Er kann gar nicht anders. Und bis zu diesem Match gegen Musetti hatte viel dafürgesprochen, dass er in Australien noch mal eine echte, vielleicht letzte Chance bekommt auf den 25. Grand-Slam-Titel, der ihn zum alleinigen Rekordhalter unter Frauen und Männern machen würde. Die Auslosung schien einigermaßen günstig. Weitere Faktoren auch: Der Court in der Rod Laver Arena ist laut Alexander Bublik einer der „langsamsten“ neben dem in Indian Wells, was dem Altmeister im Zeitalter des Powertennis von Sinner und Alcaraz entgegenkommt. Und weil der Tscheche Jakub Menšík im Achtelfinale wegen einer Verletzung nicht antrat, konnte der zu Saisonbeginn noch fittere und – abgesehen von einer Blase am Fuß – ohne größere Blessuren angereiste Djokovic Kräfte sparen, die ihm nach eigener Aussage im vergangenen Jahr in den späteren Phasen der Grand-Slam-Turniere gefehlt hatten. „Ich denke, es ist wahrscheinlich hier die beste Chance, weil es der Anfang der Saison und mein Körper noch frischer ist“, sagte Djokovic, der auch Glück dabei hatte, dass er nicht disqualifiziert wurde, als er in der dritten Runde mit der Filzkugel bei einem Wutausbruch ein Ballkind knapp verfehlte. Bislang schien ihm fast alles in die Karten zu spielen. Doch die Frage bleibt, ob noch reicht, was er auf der Hand hat. „Sind sie derzeit besser als ich und alle anderen?“ Im Moment braucht es jedenfalls eine Menge Phantasie, sich vorzustellen, wie Djokovic eine Chance haben will gegen Sinner im Halbfinale, der den US-Amerikaner Ben Shelton im Viertelfinale genauso überrollte wie Alcaraz den Australier Alex de Minaur. Abschreiben sollte man Djokovic nie. Doch gegen ihn spricht nicht nur die Leistung gegen Musetti. Es sind auch die Zahlen. Letztmals ein Spiel gegen Sinner oder Alcaraz gewonnen hat er Anfang 2025. Damals besiegte er Alcaraz im Viertelfinale von Melbourne, ehe er gegen Alexander Zverev im Halbfinale verletzt aufgeben musste. In den drei weiteren Grand-Slam-Halbfinals, die Djokovic im vergangenen Jahr erreichte, verlor er jeweils glatt in drei Sätzen gegen einen der beiden neuen Dominatoren. Sinner hat er in keinem der vergangenen fünf Matches besiegt. All das ist Djokovic bewusst. Er hoffe, dass er sein Spiel von nun an wieder abrufen könne, denn das brauche er mindestens, um eine Chance zu haben. „Sind sie derzeit besser als ich und alle anderen? Ja, das sind sie. Ich meine, die Qualität und das Niveau sind beeindruckend. Es ist großartig. Es ist phänomenal“, sagte Djokovic zu Sinner und Alcaraz: „Aber bedeutet das, dass ich mit einer weißen Flagge auf den Platz kommen werde? Nein. Ich werde bis zum letzten Schlag, bis zum letzten Punkt kämpfen und mein Bestes geben, um sie herauszufordern.“ Das klang schon wieder mehr nach dem alten Djokovic – und stand ein wenig im Widerspruch zu dem, was er noch auf dem Platz nach dem fast verlorenen Match gegen Musetti gesagt hatte: „Ich verdoppele heute meine Gebete und danke Gott, der mir eine weitere Chance gibt.“ Der Glaube, heißt es, kann Berge versetzen. Ob dem einstigen König von Melbourne das allein reicht?