Die wahre Bedeutung eines Baumeisters ließ sich in der Moderne anachronistischerweise auch an den Direktaufträgen ablesen. Demzufolge war der 1917 im chinesischen Guangzhou geborene und 2019 mit 102 Jahren gestorbene Ieoh Ming Pei einer der größten, mit 200 verwirklichten Projekten, davon die drei Museen Louvre, Doha und DHM in Berlin als Direktvergaben. Im Jahr 1982 erhielt Pei den Louvre-Auftrag, 1989 zur 200-Jahr-Feier der französischen Revolution wurde die Pyramide als Entree des größten Museums der Welt eingeweiht. Und auch wenn ganze Bücher über den Konnex dieser Pyramide zu den ägyptischen Schätzen im Louvre und der schon im Revolutionsjahr dort aufgestellten Holzpyramide fabriziert wurden, ging es Pei doch weit mehr um die perfekte Form im goldenen Schnitt mit einem quasi unsichtbaren Metallhalterungssystem für die insgesamt 673 Glassegmente. Eine gläserne Pyramide in dieser Dimension, die trotz ihrer 180 Tonnen Gewicht zu schweben scheint und die Hauptakteure eines Museums, die Besucher, so quirlig-lebendig wie demokratisch sichtbar macht, hatte vor Pei jedenfalls noch nie jemand gebaut. Einen perfekten Bogen zu Peis zweiter wichtiger Pyramide schlägt nun die Ausstellung zur Entstehungsgeschichte des im Golf vor Doha schwebenden Museum of Islamic Art (MIA) mit einer der besten Sammlungen islamischer Kunst weltweit. Der Untertitel der Schau im MIA ist mit „From Square to Octagon and Octagon to Circle“ treffend gewählt, wandelt sich doch die massive kubische Grundform über den kleinteiligeren achteckigen Zikkurat-Tambour aus wie in einer arabischen Mihrab-Gebetsnische gegeneinander versetzten kantigen Formen im Innern zu einer Decke aus schier endlosen Kreisformen auf allen Etagen, was noch durch einen riesigen, gleichsam mit seinem diffusen Licht kreisenden Radleuchter im pyramidenhohen Foyer verstärkt wird. Ausgestellt sind neben Peis Modell des MIA auch die originalen Wettbewerbsentwürfe großer und größter Namen der Architekturwelt, bei deren teils unterirdischen Einreichungen man mehr als einmal den Kopf schüttelt. Irgendwann reichte es dem Emir von Katar, und er beauftragte wie Mitterrand und Kohl freihändig Pei. Im Kern steckt fast immer eine Treppen-Helix Sekundiert wird die Genese eines seiner ikonischsten Gebäude durch die bislang größte und beste Schau zu Pei und der wie bei seinen Vorbildern Le Corbusier und Gropius unauflöslich engen Verknüpfung von Beruf und Leben – „Life Is Architecture“ – in der nächst dem MIA gelegenen hangargroßen „Qatar-Museums-Gallery“-Halle. Die Schau erklärt überzeugend, warum nahezu keines der Gebäude Peis aus seinen fast achtzig Jahren Bautätigkeit heute alt aussieht, noch nicht einmal jene aus den Siebzigern, die für gewöhnlich am schlechtesten altern: die Reduktion auf wenige geometrische Baukörper, die seit Jahrtausenden verwandt werden, gepaart mit chinesischen Traditionen wie den fließenden Übergängen zwischen Innen und Außen sowie dem Einbezug der Natur, das Ganze zudem sensibel eingepasst in die jeweilige Umgebung. Als er sich einmal bei einer Siedlung in den USA zwischen der Aufstellung einer teuren Skulptur Alexander Calders oder wahlweise der Anpflanzung von vierzig Bäumen entscheiden muss, siegt klar die Natur. Im Innern hingegen findet sich fast immer die Urform einer spiralförmigen Treppen-Helix, am prägnantesten in seinem Erweiterungsbau für das Deutsche Historische Museum Unter den Linden, das – von außen unscheinbar – doch den Blick auf die Pei so wichtige Wendeltreppe als gläserne Ecke stark inszeniert. Der Vater war weltläufig genug, den Sohn 1935 in die USA an die Universität zu schicken. Dort absolvierte Pei 1940 seinen Bachelor in Architektur am MIT in Philadelphia und bei Walter Gropius 1946 seinen Master an der Kaderschmiede der Harvard Graduate School of Design. Nachdem er einige Projekte mit und für den einstigen Bauhausdirektor als Assistant Professor umsetzen konnte, die Gropius auch öffentlich pries, realisierte er die nächsten Jahrzehnte vor allem US-Projekte, von nationalen Institutionen wie dem Ostflügel der National Gallery in Washington, der Kennedy Presidential Library und Privatmuseen über ausgedehnte Wohnsiedlungen bis zu Universitäten. Ein schaffensreiches Leben von hundertundzwei Jahren ist unmöglich gerecht nachzuerzählen, doch zeichnen sich deutlich rote Fäden ab. Den Auftrag des Immobilientycoons Bill Zeckendorf von 1955, für dessen Bauentwicklungsfirma Webb & Knapp er vierzehn Jahre lang gearbeitet hatte und dessen riesige Büroetage in New York er vollständig umbauen sollte, setzte er derart bravourös um, dass er viele prestigeträchtige Folgeaufträge nach sich zog und Pei sich noch im selben Jahr selbständig machen konnte. 1955 erhielt er auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Auf das Dach von Zeckendorfs typisch amerikanischem Neorenaissance-Bürohochhaus hatte Pei verschiedene Urformen der Architektur wie einen Café-Kranzler-haften Glaspavillon in ätherischer Leichtigkeit, weitere kubische Aufbauten und einen terrassierten Garten mit chinesischem Ziergehölz gruppiert. So schuf er hoch über den Dächern der Stadt eine futuristische Gebäudelandschaft mit spektakulärem Panorama, die wiederum ein anderer Einwanderer, der Szenograph Klaus-„Ken“-Adams aus Berlin, einige Jahre später in seinen Filmbauten für Bond-Bösewichte duplizierte. Er arbeitete früh gegen das Ausbluten der Innenstädte an Solche Gebäudegruppen sollten Peis Markenzeichen werden, angereichert mit der zukunftsträchtigen Idee, bei seinen Büro- und Wohnbauten müsse immer auch ein Kongresszentrum fester Bestandteil der Ensembles sein, um durch hohe Besucherfrequenz und Hotellerie ein Stadtviertel möglichst rund um die Uhr zu beleben. Sein 1958 in Betrieb genommenes Denver Convention Center ist bis heute die Blaupause gegen die Verödung von Innenstädten mit hohem Büroanteil. Der Pavillon reckt seine spitzen Ahornblätter aus Beton in alle Himmelsrichtungen, was die abstrakt-vegetabile Moderne erheblich auflockert und stilprägend wurde. So nimmt es angesichts dieser ikonisch-zeitlosen, gewissermaßen chinesisch-japanischen Naturform in Beton nicht Wunder, dass der Bau zehn Jahre später von dem genialen Architekten Ulrich Müther als Ministerialkantine der DDR auf der Berliner Fischerinsel mit fünf Paraboloid-Betonschalen zitiert wurde und umgehend vom Berliner Volksmund den Spitznamen „Ahornblatt“ erhielt. Die Qualität des Baus lässt bis heute unverständlich erscheinen, wie diese Hyparschalen-Ikone trotz Denkmalstatus im Jahr 2000 abgerissen werden konnte. In den Siebzigerjahren prasselten die internationalen Aufträge auf Pei nur so ein. Sein in Doha ausgestellter Reisepass birst fast vor Stempeln aus aller Welt von Singapur über Iran und dem damals noch nahezu unbekannten Katar. Die Vielfalt der Bauaufgaben ist dabei stupend. Interessanterweise sollte Pei auch ab 1975 in Teheran mit dem Kapsad Projekt einen großen Komplex in der Stadt errichten, was nur durch die islamische Revolution 1978/79 vereitelt wurde. Im chinesischen Taichung entwarf Pei für die Tunghai University die zeltartige Luce Memorial Chapel in Konoidform, die er als Kirche außen mit goldenen Fliesen verkleiden ließ, in China die traditionelle Farbe für Kaiser und Gottheiten. Selbst im kommunistischen China Deng Xiaopings durfte er als US-amerikanischer Architekt sofort nach dessen Regierungsantritt 1979 den gigantischen Pekinger Hotelkomplex Fragrant Hill bauen, der, ohne sich im Mindesten anzubiedern, dennoch nicht als Fremdkörper in der pittoresken chinesischen Landschaft wirkt und mit Fensterrahmen in grauem Granit genau wie das MIA gegliedert ist. Peis Faible für Grau als dezent wandgliederndes Element zeigte sich schon früh in seiner Präferenz für Beton anstelle von Ziegelwänden oder Holz. Allein für den Fragrant-Hill-Auftrag erstellte er eine Liste von nicht weniger als vierzig Bäumen vom Ural bis in Kanadas Wälder, die diesen Komplex möglichst homogen rahmen sollten. Der Bau markiert auch seine Rückkehr nach China. Sein schönstes Museum und in vielem die Blaupause für Doha ist sein von 2000 bis 2006 entstandener Bau für die älteste permanent bewohnte Stadt der Welt, die chinesische Kaiserresidenz Suzhou nahe Shanghai, aus der seine Familie stammt. Über Monate sprach Pei mit Nachbarn in den traditionellen alten Häusern und passte das weitläufige Ensemble in weißen Putzflächen und grau abgesetzten Fenstern mit einer Seenlandschaft innerhalb seiner Mauern und Zickzackbrücken gegen Dämonen feinfühlig in die von Kanälen und Gärten bestimmte Stadt ein. In Doha schließt sich so mit dem MIA als letztem vollendeten Werk der Kreis einer Architektur mit Ewigkeitsanspruch. I. M. Pei: Life Is Architecture und I. M. Pei and the Making of the Museum of Islamic Art. From Square to Octagon and Octagon to Circle. Qatar Museums Gallery Al Riwaq und MIA, Doha; bis zum 14. Februar. Kein Katalog.
