Er ist schon lange weg, weit weg. Solange, dass er zum großen Unbekannten der deutschsprachigen Mode geworden ist. Helmut Lang lebt auf Long Island, weit weg also, und versteht sich als Künstler, nicht mehr als Designer im engeren Sinne. Einerseits ist das logisch, denn wenn man bald 70 Jahre alt wird, und bei ihm ist es schon am 10. März 2026 so weit, dann will man mit dem schnellen Wechsel der Saisons nicht mehr viel zu tun haben und noch weniger mit den grausamen Eitelkeiten der Modebranche. Andererseits passt das irgendwie nicht, weil man schließlich an seinem Erbe werkeln und an seinem Mythos arbeiten könnte. Aber dann muss man wiederum sagen: Braucht er ja gar nicht. Denn im Museum für angewandte Kunst (MAK) in Wien gibt es Fachleute, die sich gern um den wichtigsten Modemacher kümmern, den Österreich je hervorgebracht hat. Das größte und einzige offizielle öffentliche Archiv zu seinem Werk ist seit 2011 Teil der Sammlung. Und bis zum 3. Mai 2026 ist im MAK nun die erste umfassende Ausstellung seines Œuvres zu sehen. In Großbuchstaben: „SÉANCE DE TRAVAIL“ – Arbeitssitzung. Die Großbuchstaben sind wichtig. Die serifenlosen Versalien waren ein Markenzeichen dieses jungen Designers, der sich Anfang der Achtzigerjahre international etablieren wollte. Den Nachnamen Scepka legte er ab und ersetzte ihn durch den glatten Familiennamen der Mutter. Seine fehlende Mode-Ausbildung kompensierte der junge Mann, der einen Abschluss als Kaufmann hatte und dann als Kellner und Barkeeper arbeitete, durch seinen Perfektionsdrang. Die Sehnsucht nach Schönheit drückte sich in ultramodernen Hemden und Anzügen aus, die er erst trug und dann verkaufte. Und schließlich auch in der radikalen typographischen Modernität: Die Logotype „HELMUT LANG“ ist eine Mischung aus den drei meistverwendeten Groteskschriften Akzidenz, Helvetica und Neue Haas. Auch durch Taxis bekannt geworden Man wird dem Menschen Helmut Lang nicht zu nahe treten, wenn man darauf hinweist, dass sein Name noch mehr durch Taxis als durch Mode bekannt wurde. Ja, in Wien wurde er schon deshalb einflussreich, weil er von 1993 bis 1996 als Professor der Modeklasse an der Universität für angewandte Kunst arbeitete. Und ja, mit seinen Schauen in Paris setzte er mit der fast minimalistischen Mode einen starken Kontrapunkt zu Mugler, Montana, Gaultier – und wurde so auch zu einem Vorläufer von Designern wie Raf Simons und Phoebe Philo. Aber dem großen Publikum wurde er bekannt, als er 1998 nach New York ging und sein Logo als Dachwerbung auf die Taxis setzte. Statt auf Werbetafeln am Times Square begegnete er möglichen Kunden durch Werbeflächen auf Augenhöhe, auf der Straße, dort, wo man seine Mode auch tragen sollte. Es war ein seltsames Gefühl: Den Avantgarde-Designer mit dem Laden an der Greene Street brachte man irgendwie nicht zusammen mit einer knalligen mobilen Außenwerbung amerikanischer Art. Aber das war natürlich der Witz. Helmut Lang hatte immer Lust, alles auf links zu drehen. Als er nach New York kam, präsentierte er seine Kollektion einfach vor der Mailänder Modewoche statt viel später – und viele folgten ihm, so dass Manhattan bis heute den Schauenreigen eröffnet. Und was die Werbung angeht: Er schaltete lieber Anzeigen in „National Geographic“ als in Modezeitschriften, und sogar auf Brandmauern nutzte er seine Wortmarke. Helmut Lang habe „die Uniform für eine neue Generation von intellektuellen Kreativen“ entworfen, sagt die MAK-Kuratorin Marlies Wirth. Der Weg zur eigenen Identität werde über Kleidung verstärkt, es gebe Berührungen zur Subkultur, zu Punk und Grunge. In seiner Mode begegnen sich auch „high“ und „low“, „formell“ und „locker“. „Die Ausstellung soll betonen, wie Helmut Langs Haltung und seine Gestaltungsstrategien Relevanz für heute haben“, sagt Wirth. Alles füge sich zu einem Bild: „Produktfreie Werbung, Backstage-Polaroids und Sitzpläne der Séance de Travail zeigen, dass es bei Lang stark um soziale und kulturelle Aspekte geht.“ Ob Helmut Lang selbst kommen wird, um sich die Ausstellung anzuschauen? Wer weiß das schon! Aber den Wienern und allen Mode-Fans ist er nun wenigstens indirekt nah. Gut so, denn er ist schon lange weg, weit weg. „HELMUT LANG. SÉANCE DETRAVAIL 1986–2005.“ Museum für angewandte Kunst, Wien. Vom 10. Dezember 2025 bis zum 3. Mai 2026.
