Im Jahr 1825 zeichnete Johann Gottfried Tulla eine erstaunliche Landkarte. Sie zeigt einen Abschnitt des Rheins mit jeder seiner Schlaufen und Schlingen, jedem Bruch, jeder Aue. Äcker sind gestrichelt, Wälder grün getupft, die Bäume werfen sogar Schatten. Quer durch die detailversessen dokumentierte Flusslandschaft zieht sich fingerdick ein roter Streifen: Der mäandernde Strom, zum Kanal gebändigt dank Tullas Ingenieurskunst. Die Zeichnung hängt in der Ausstellung „Natur und deutsche Geschichte“ im Pei-Bau des Berliner Deutschen Historischen Museums. Die Ausstellungsmacher hatten die gute Idee, sie noch einmal nachzubilden als Objekt zum Anfassen, bei dem man den alten und den neuen Flussverlauf mit Fäden selbst legen und dem eigenen Staunen über die Machbarkeitsphantasie nachspüren kann, die in jahrzehntelanger Arbeit Wirklichkeit wurde. Als Tullas Projekt 1876 abgeschlossen war, war der Rhein achtzig Kilometer kürzer. Wenn man bei der Rheinbegradigung ankommt, hat man knapp 600 Jahre der chronologisch angelegten Ausstellung schon hinter und gut 200 noch vor sich. Spätestens an dieser Stelle wird klar, was die Schau nicht erzählt – und warum das schade ist. Die Industrialisierung, an deren Anfang die Rheinbegradigung steht, stellt einen Wendepunkt im Naturverhältnis dar, das die Ausstellung in seinen unterschiedlichen Ausprägungen vom Mittelalter bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts beleuchtet. ist der Moment einer Kraftumkehr. Bis dahin wurden der Natur ihre Ressourcen abgerungen. Durch den nun eingeleiteten Quantensprung in der Energieerzeugung durch Verbrennung fossilierter Reste früheren Lebens potenzieren sich die Möglichkeiten ihrer Indienstnahme. Die Vorstellung, der Mensch stehe außerhalb der Natur, scheint sich zu bestätigen. Heute ist klar, dass das ein Irrtum war. Das Erdsystem hat auf die Übernutzung reagiert. Die Konsequenzen der Idee, Natur lasse sich unendlich nutzen, schreiben nun selbst Geschichte, beeinflussen Lebenschancen, Migrationsströme, Kriege. So geht es beim Mittelalter nicht um Bestiarien mit Einhörnern oder um Hexenprozesse, in denen angebliche Handlangerinnen des Teufels für Naturkatastrophen verantwortlich gemacht wurden. Gezeigt wird vielmehr ein frühes Beispiel dafür, dass die Tragik der Allmende keine sein muss. Die Obrigkeiten und Zünfte rund um den Bodensee praktizierten vom 14. Jahrhundert an eine nachhaltige Verwaltung der geteilten Ressource Fisch. Festgelegt wurden Höchstmengen beim Fang und ein beschränkter Einsatz besonders ergiebiger Fangwerkzeuge. 1536 wurde ein Vertrag geschlossen, der mit insgesamt 93 Artikeln keine Schlupflöcher ließ. Der Wolf als Symbol brutaler Gewalt Die frühe Neuzeit wird mit der Unternehmerfamilie Fugger eingeleitet, die die wachsenden Möglichkeiten internationalen Warenaustauschs und des Zugriffs auf Rohstoffe für sich zu nutzen wusste. Zuerst handelte man mit Barchent, einem Mischgewebe aus Leinen und Baumwolle. Dann wurde der Abbau von Metallen zum wichtigsten Geschäftsfeld. Die Neuausrichtung des Unternehmens machte sogar das Königreich Portugal zum Abnehmer, das Metalle beim Handel mit Indien gut gebrauchen konnte. Alexander von Humboldt konterte diese Sichtweise mit einem zu seiner Zeit revolutionären Naturbild, das die Wissenschaft seitdem bestätigt hat. Kaum zu glauben, dass die Ausstellung ohne seine Theorie vom Netzwerk des Lebens auskommt, in dem jedes Glied eine Funktion hat. Zum Kronzeugen der Verwissenschaftlichung des Naturbegriffs, der mit dessen politischer Vereinnahmung einherging, wird Ernst Haeckel: Zoologe, Zeichner, Verfechter der Evolutionstheorie mit ordentlich rassistischem Einschlag. Otto von Bismarck, dem die Abstammungslehre nicht geheuer war, schmeichelte er, indem er ein Strahlentierchen nach ihm benannte. Fortan erhielt Haeckel vom Reichskanzler Geburtstagstelegramme. Dass die Evolutionstheorie von rechts wie links auf ihre Übertragbarkeit geprüft wurde, zeigt eine weitere Korrespondenz. Einen bewundernden Brief von Karl Marx an Darwin – Marx sah von dessen Werk seine Thesen untermauert – beantwortete der Naturforscher mit einem diplomatischen Schreiben, dem man heute noch die Qual anmerkt, unverfängliche Worte zu finden. Die zunehmende völkische Instrumentalisierung dessen, was „Natur“ und somit „natürlich“ sei, kulminierte im Nationalsozialismus. Hier richtet die Ausstellung den Fokus auf eine finstere Personalie: Der Ornithologe Günther Niethammer, Wachmann in Auschwitz, wurde für vogelkundliche Forschung freigestellt, die in den Aufsatz „Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz“ mündete. Niethammers „Handbuch der deutschen Vogelkunde“ war voller rassenideologischer Begrifflichkeiten, was eine Nachkriegskarriere am Bonner Naturkundemuseum indessen nicht verhinderte. Im letzten der fünf Abschnitte der Schau sind wir im Kalten Krieg. BRD und DDR antworteten auf steigenden Energiebedarf mit dem Bau von Kohle- und Atomkraftwerken, stellten die Landwirtschaft mit Monokultur und Massentierhaltung in den Dienst der Produktionssteigerung. Interessant, dass die Abkehr von traditionellen bäuerlichen Strukturen in Ostdeutschland unerschrockener kommuniziert wurde: Ein DDR-Kinderbuch zeigt einen nüchternen Stall und an Melkmaschinen angeschlossene Kühe, eines aus der BRD Rinder vor einem urigen Bauernhof. Das letzte Exponat ist eine Fotografie, auf der Hans-Dietrich Genscher mit zwei Jugendlichen das Brettspiel „Toxifax“ spielt, bei dem es um Umweltverschmutzung geht. Das Bild ist von 1973. Man wolle mit der Ausstellung über die aktuelle Fokussierung auf Themen des Umwelt- und Naturschutzes hinausgehen, sagte DHM-Präsident Raphael Gross beim Eröffnungsrundgang. Dennoch wäre es im Sinne des Ausstellungskonzepts gewesen, noch ein Fenster in eine Gegenwart zu öffnen, die ihre Vorstellung von der Natur nicht mehr trennen kann vom Wissen um deren Bedrohung. Es hätten gar nicht die Proteste im Hambacher Forst sein müssen oder festgeklebte Mitglieder der Letzten Generation. Im Einklang mit dem Ausstellungsuntertitel „Glaube – Biologie – Macht“ hätte es auch die 2015 veröffentlichte Enzyklika „Laudato Si“ sein können: Ein Papst mahnt zur Erhaltung der Schöpfung und beruft sich dabei – keine Selbstverständlichkeit – auf die Wissenschaft. „Natur und deutsche Geschichte. Glaube – Biologie – Macht“ im Deutschen Historischen Museum, Berlin, bis 7. Juni 2026. Das Begleitbuch kostet 28 Euro.
