Es war sicher einen Versuch wert, was die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch vor ein paar Wochen unternahm, als sie in einem Brief an den Fußballweltverband einige konkrete Fragen aufwarf. Man war neugierig geworden, welche „formalen Kriterien“ die FIFA bei ihrem sogenannten Friedenspreis benutzt, über den bekannt geworden war, dass er zum ersten Mal vergeben werden sollte. Man wollte zudem wissen, ob es eine Liste der Nominierten gebe und eine Jury, die entscheidet, an wen die Auszeichnung gehen soll. Auf eine Antwort wartete man allerdings vergeblich. Wohl auch deshalb, weil man in der Chefetage des Verbands kein Interesse daran hatte, dass auf diesem Weg die Mitglieder des 37-köpfigen FIFA-Rats herausgefunden hätten, was ihr Präsident ohne ihre Zustimmung am Freitag in Washington durchzuziehen beabsichtigte. Es gibt nämlich Mitglieder in diesem Entscheidungsorgan, die sich schon länger über Gianni Infantinos unziemlichen Flirt mit Donald Trump ärgern. Sie hätten womöglich einen Weg gefunden, das Vorhaben intern zu torpedieren. Zweitklassige Comedyshow vor Millionenpublikum Stattdessen wurden sie und Millionen Fernsehzuschauer weltweit Zeugen, wie der Verband die Auslosung des WM-Turniers 2026 in den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko aus dem Stegreif zu einer zweitklassigen Comedy-Show umfunktionierte. Die Hauptdarsteller der Darbietung auf der Bühne des John F. Kennedy Center for the Performing Arts: der Schweizer Sportfunktionär Infantino, der sich bei solchen Gelegenheiten gerne zum Humanisten stilisiert, während ihm gleichzeitig jede kritische Reflexion seiner Rolle im Welttheater abhold ist. Und ein Selbstdarsteller namens Donald Trump, den dieser Infantino seit Monaten so oft es geht mit einer Überdosis an Schmeicheleinheiten füttert. So wie bei der Verleihung, als er unterstrich, dass der amerikanische Präsident diese Auszeichnung aufgrund seines „Engagements“ und „seiner Erfolge absolut verdient“ habe. Und der könne deshalb „jederzeit auf meine Unterstützung und die Unterstützung der gesamten Fußballgemeinschaft zählen“. Das Ziel: Trump „zu helfen, Frieden zu schaffen und die Welt zum Wohlstand zu führen“. Ein „Karneval des Fremdschämens“, wie die New York Times dieses bizarre Schmierenstück charakterisierte. Und das nicht nur, weil Trump das Band mit der Medaille aus der Schatulle fingerte, die er an diesem Tag neben einem dicken Goldpokal erhielt, und sie sich selbst um den Hals hängte. Es war vor allem deshalb „peinlich“, wie die Online-Sportplattform SB Nation schrieb, weil der FIFA-Präsident eine „getürkte Auszeichnung“dazu benutzt, sich „vor einem globalen Publikum die Gunst von Präsident Donald Trump zu sichern“. Der bedankte sich artig: „Das ist wirklich eine der großartigsten Ehrungen meines Lebens.“ Und er fügte nonchalant hinzu, dass er in nur wenigen Monaten mit seinen diplomatischen Initiativen „zig Millionen Leben“ gerettet und sogar „Kriege gestoppt habe, kurz bevor sie losgingen“. Infantino aalt sich in der Rolle als Trump-Flüsterer Die Behauptung, wonach er seit der Amtsübernahme im Januar rund um die Welt acht Kriege beendet habe, gehört seit Wochen zum Da capo der Trumpschen Propaganda-Partitur. Was nicht nur nach Einschätzung der New York Times „umstritten ist und, wenn es hochkommt, übertrieben“. Und im klaren Kontrast zu einer ganzen Reihe seiner Direktiven steht. Wie jener, aufgrund der eine Behörde namens USAID dichtgemacht wurde, das wichtigste Entwicklungshilfeprojekt der USA im Einsatz gegen Hunger, Krankheiten und Wetterkatastrophen im Rest der Welt. Die Maßnahme könnte Expertenschätzungen zufolge zum frühen Tod von mehr als zehn Millionen Menschen führen. Ähnliches spiegelt sich in der von Trump veranlassten Umbenennung des Verteidigungsministeriums in Kriegsministerium wider, das inzwischen vor der Küste von Venezuela, Tausende von Kilometern von den USA entfernt, ohne völkerrechtliche Basis Boote und deren Besatzung bombardiert, die angeblich illegale Drogen transportieren. Oder auch in den Sympathieerklärungen für Wladimir Putin, die auf eine Legitimierung des russischen Überfalls auf die Ukraine hinauslaufen. Diesen Ausschnitt der Realität blendet Gianni Infantino konsequent aus.Er aalt sich lieber in der Rolle als Trump-Flüsterer, der schließlich schon häufiger im Weißen Haus war als irgendein ausländischer Staatschef. Es gefällt ihm, dass er auf Einladung von Trump beim Gaza-Friedensgipfel in Scharm asch-Schaich in Ägypten dabei sein durfte und mit dem US-Präsidenten im Mai einen Ausflug nach Qatar und Saudi-Arabien machen konnte. Dass er deshalb mit mehreren Stunden Verspätung beim FIFA-Kongress in der paraguayischen Hauptstadt Asunción eintraf, spielte er herunter. FIFA als PR-Bühne einer autoritären US-Regierung Der Schweizer hat schließlich eine Mission: die korrupte, altväterliche Omnipräsenz eines Sepp Blatter vergessen zu machen, die FIFA als Geldmaschine in Schwung zu halten und sich trotz mancher herben Anwürfe – „Despoten-Groupie“ (The Guardian), ein „erschreckendes Beispiel für politische Speichelleckerei“ (Daily Mirror) – die eigene autoritäre Macht im Verband zu festigen. Zwei Tage vor der Auslosung hatten mehrere amerikanische Menschenrechtsorganisationen in Washington gegen die Preisverleihung protestiert und vor einer Durchführung der WM in den USA gewarnt.„Während sich die FIFA und die Ausrichterstädte auf die Spiele vorbereiten“, sagte Jamil Dakwar von der American Civil Liberties Union, „verschärft die Trump-Regierung gefährliche Maßnahmen, die sowohl Einwanderergemeinschaften, ausländische Besucher als auch Einwohner gefährden.“ Angesichts dessen laufe die FIFA Gefahr, zu einer Bühne und „zu einem PR-Instrument zu werden, um eine zunehmend autoritäre US-Regierung zu normalisieren“. Was bis zu einer Einmischung in die Abwicklung des Turniers im kommenden Sommer gehen könnte. Trump deutete bei einem Besuch von Infantino im September bereits an, dass er gerne Spiele aus Städten abziehen würde, in denen demokratische Bürgermeister regieren und die Mehrheit der Wähler gegen ihn gestimmt hatte. Der FIFA-Präsident stand daneben und sagte nichts. Tatsächlich hat die Bundesregierung in Washington mit der Abwicklung der Spiele selbst überhaupt nichts zu tun. Einen Monat später verriet Trump bei einer Kabinettssitzung, wie er solche Absichten trotz mangelnder Zuständigkeit durchsetzen könnte: „Ich würde Gianni anrufen und sagen: Lass uns damit an einen anderen Ort umziehen. Er würde es nicht gerne machen. Aber er würde es ganz einfach tun.“
