FAZ 25.12.2025
10:13 Uhr

Ausländische Communitys: Ein kleines Stück alte Heimat in der neuen


Tausende EU-Ausländer prägen das Zusammenleben im Rhein-Main-Gebiet. Viele haben hier längst einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden. Aber auch Orte, um die Traditionen, die Sprache und die Kultur des Herkunftslandes zu pflegen.

Ausländische Communitys: Ein kleines Stück alte Heimat in der neuen

International, weltoffen und eine transnationale Wirtschaftsregion: Das Rhein-Main-Gebiet mit seinen fast sechs Millionen Einwohnern wird auch durch die vielen internationalen Gemeinschaften geprägt. Insbesondere die EU forciert diesen Schmelztiegel, denn aufgrund der Freizügigkeit innerhalb der europäischen Grenzen ist Europa längst zusammengewachsen. Während kleinere Gruppen von EU-Ausländern, wie etwa die elf in Wiesbaden lebenden Malteser, kaum öffentlich wahrgenommen werden, haben die zahlenmäßig größeren Communitys sehr oft schon vor Jahrzehnten Vereine gegründet, deren vielfältige Angebote das kulturelle Portfolio der Region bereichern. Stand früher noch die tägliche Lebenshilfe für EU-Migranten im Vordergrund, ist es heute eher der Anspruch, Kultur, Traditionen und die Muttersprache zu pflegen. Wer italienisch kocht und bulgarisch tanzt, trägt seine Heimat im Herzen. In Frankfurt lebten Ende vergangenen Jahres insgesamt knapp 249.000 Menschen mit einem ausländischen Pass. Sie kommen aus 178 Nationen und stellen etwa 32 Prozent der Einwohner. Der größte Anteil, nämlich rund 161.000 von ihnen, hat europäische Wurzeln. Jüngerer Generation Heimatkultur nahebringen Neben den circa 15.000 Kroaten sind die etwa 14.900 Italiener die zweitgrößte Gruppe von EU-Ausländern in der Mainmetropole. Zahlreiche italienische Kirchengemeinden sind für die überwiegend katholischen Gläubigen zu Orten der Gemeinschaft geworden.  Schon in den Sechzigerjahren hatte sich in Frankfurt die deutsch-italienische Vereinigung gegründet, die sich die Pflege der italienischen Kultur auf die grün-weiß-rote Trikolore geschrieben hat. Es geht laut Satzung darum, die „kulturellen, wissenschaftlichen und menschlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien zu fördern und zu vertiefen“. Auch viele Deutsche sind Mitglieder der Vereinigung, deren Arbeit von der Stadt gefördert wird. In Frankfurt lebende Italiener können aber auch Mitglied der „Associazione Famiglie Italiane“ (A.F.I.) werden. „Wir sind wie eine große Familie“, sagt deren Vorsitzende Mammoliti Assunta. Jeden ersten Sonntag im Monat treffen sich die Italiener im Saalbau in Nied. „Wir sind dort zusammen und sprechen bei Bedarf auch über Probleme, aber wir tanzen gemeinsam und pflegen unsere Folklore.“ Zudem werden Ausflüge und Veranstaltungen, wie Silvesterpartys und Fastnachtsfeste, angeboten. „Wir helfen unseren Mitgliedern auch bei der Rentenberatung oder bei Fragen des Sozialrechts“, schildert Assunta eine weitere Aufgabe des Vereins, die aber nicht im Vordergrund steht. Der 1987 gegründete A.F.I. ist gemeinnützig und zählt nach Auskunft der Vorsitzenden aktuell noch rund 50 Mitglieder. Vor einigen Jahren waren es noch mehr als 100. „Wir sind leider immer weniger geworden. Das hängt auch damit zusammen, dass vor allem junge Leute keine Lust mehr haben, sich bei uns zu engagieren“, sagt die Vorsitzende. Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt bei 60 Jahren. Bei den Treffen in Nied wird auch zusammen gekocht. „Jeder bringt etwas aus einer Heimatregion mit, und dann essen wir alle zusammen“, berichtet Assunta. Folkloregruppe übt bulgarische Tänze ein Frankfurts Bulgaren können sich im Verein Impuls organisieren. Die „Deutsch-Bulgarische Initiative für Kultur, Bildung, Business und Soziales“ wird von Petya Guintchev als Vorsitzende geleitet. In der Stadt leben rund 9000 Bulgaren, womit auch sie zu einer der größeren Gruppen von EU-Ausländern im Rhein-Main-Gebiet gehören. In der Initiative sind nach Auskunft der Vorsitzenden derzeit rund 45 Mitglieder aktiv. Seit der Gründung vor neun Jahren wurden 120 Workshops, Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen und Stammtische veranstaltet.  „Wir haben drei große Klubs, die sich regelmäßig treffen“, sagt die Vorsitzende. Eine Tanzgruppe trainiert jeden Freitag zur Probe im Saalbau Schönhof in Bockenheim.  „Wir treten auch europaweit auf und waren zum Beispiel in diesem Jahr im französischen Lyon, wo sich zahlreiche Folkloregruppen getroffen hatten.“ Auf seiner Internetseite wirbt der Verein um neue Tänzer:  „Kommen Sie zu uns und lassen Sie uns gemeinsam den Geist Bulgariens lebendig halten.“ Ein weiterer Klub beschäftigt sich mit Literatur. Die Teilnehmer treffen sich in Frankfurt im Amt für multikulturelle Angelegenheiten (AMKA). Dort diskutieren sie alle vier Wochen gemeinsam über unterschiedliche Bücher, die sowohl in bulgarischer Sprache, aber auch auf Englisch oder Deutsch erschienen sind. Der dritte Klub der bulgarischen Community befasst sich mit dem kreativen Denken. In Workshops wird unter anderem gemeinsam meditiert, und es werden Wege aufgezeigt, wie gewohnte Denkmuster durchbrochen werden. Ort ist ebenfalls der Saalbau AMKA. Vor drei Jahren hatte der gemeinnützige Verein begonnen, Hilfe bei Themen wie Nebenkostenabrechnungen, Mietrecht und Schulsystem anzubieten. Dafür wurden Workshops organisiert und Dozenten eingeladen. „Es handelte sich um alle wichtigen Themen, die die Menschen betreffen, wenn sie nach Frankfurt kommen“, sagt Guintchev. Dieses Projekt sei aber mittlerweile beendet. Wenn sich doch noch Bulgaren meldeten, werde ihnen geholfen. „Das machen wir dann am Telefon oder per E-Mail“, sagt die Vorsitzende. Polnische Sprache bewusst pflegen „Wir sind im kulturellen Bereich sehr aktiv und fördern und unterstützen den kulturellen Austausch zwischen Bulgarien und Deutschland“, berichtet Guintchev. Unter anderem würden insbesondere in den Wintermonaten bulgarische Theateraufführungen in Frankfurt angeboten werden. Bis zu 700 Besucher kommen dann in den Saalbau Gallus, um dort auch Schauspieler aus Bulgarien zu sehen oder aber um Rockkonzerte zu besuchen. Das wiederum hat den Vorteil, dass Impuls mit seinen 45 Mitgliedern sehr viele Landsleute erreicht. Auch die Polen im Rhein-Main-Gebiet machen einen großen Anteil der EU-Ausländer aus. 15.000 leben allein in Wiesbaden und Frankfurt. Iwona K. kam im Alter von 22 Jahren aus Polen nach Deutschland und hat sich über ihren Job völlig problemlos integriert sowie zügig die deutsche Sprache gelernt. „Ich habe natürlich viel Kontakt mit meiner Familie gehabt, aber durch den Kindergarten und die Arbeit hatte ich auch mit sehr vielen Menschen aus Deutschland und anderen Nationen zu tun“, erinnert sich die zweifache Mutter. Mit polnischen Familien traf sie sich nur selten. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass wir zu Hause immer weniger Polnisch und dafür immer mehr Deutsch gesprochen haben“, sagt sie. Ihre Bemühungen, den Töchtern Julia und Flavia – die in Deutschland geboren wurden – das Lesen von polnischen Texten beizubringen und damit auch die Geschichte ihrer Heimat zu vermitteln, waren wenig erfolgreich. Unterricht in Muttersprache an speziellen Schulen Iwona wollte jedoch, dass die beiden Mädchen ihre familiären Wurzeln und Traditionen nicht komplett vergessen, und hatte sie daher in einer Zusatzschule in Wiesbaden angemeldet, damit sie dort Polnisch lernen konnten. In der Schule wurde ihnen auch die Geschichte der Heimat ihrer Eltern vermittelt. Iwona und ihre Kinder sind katholisch. „Es gibt in Wiesbaden auch viele polnische Kirchen, aber die haben wir kaum besucht“, erzählt sie. Stattdessen erhielten Julia und Flavia ihre Firmung in einer katholischen Kirche in Taunusstein im Rheingau-Taunus-Kreis, wo die Familie heute wohnt. Die 17 Jahre alte Julia spricht heute gut Polnisch, und ihre 14 Jahre alte Schwester Flavia versteht zumindest alles. „Ich wollte mit dem Schulbesuch eigentlich auch erreichen, dass meine Töchter mehr Kontakt zu anderen polnischen Kindern knüpfen und neue Freunde finden, das hat nicht so gut funktioniert“, sagt Iwona. Gleichwohl ist sie zufrieden. Ihre Töchter wachsen bilingual auf und kennen die polnische Geschichte. Über Weihnachten und Ostern sind Iwona und ihre Töchter ohnehin fast immer zu Familienbesuch in Polen. „Auch so halten wir unsere Traditionen aufrecht, denn die Feiertage sind dort irgendwie immer ein bisschen anders als in Deutschland“, sagt sie. Darauf angesprochen, ob es ihr gelungen sei, das Beste aus zwei Welten für sich und ihre Familie zu erreichen, lacht Iwona und antwortet: „Ja, das könnte man so sagen.“ Sprachkenntnisse zu vermitteln und Traditionen zu pflegen – Herausforderungen, denen sich auch rund 650 tschechische Staatsbürger allein in Frankfurt immer wieder stellen. Um den Kindern Kultur und Traditionen der Heimat zu vermitteln und um eine zweisprachige Erziehung zu ermöglichen, hat sich der Deutsch-Tschechische Kultur- und Bildungskreis (DT-Kubik) gegründet, der seit 2010 auch eine tschechische Schule in Langen unterhält. Dort können die Kinder ihre Heimatsprache lernen. Katerina Michalec ist die stellvertretende Vorsitzende des Vereins. „Wir haben seit fünf Jahren einen Vertrag mit dem tschechischen Bildungsministerium und unterrichten die Kinder jeden Samstag“, sagt sie. Der Kulturverein bietet seinen Mitgliedern zudem zahlreiche Veranstaltungen an, wie etwa muttersprachliche Führungen in Frankfurter Museen. Aktuell zählt der Verein rund 50 Mitglieder. „Wir haben uns primär gegründet, weil wir unseren Kindern, die damals sehr klein waren, tschechische Lieder und Gedichte beibringen wollten“, sagt Michalec. Heute besuchen 43 Kinder die Schule im internationalen Bildungszentrum in Langen. Bei den Eltern handelt es sich ihrer Auskunft nach oft um gemischte Ehen, bei denen einer der Partner deutsch ist. „Wir haben aber auch Kinder, deren Eltern bereits hier geboren wurden, die sich jedoch dafür entschieden haben, ihren Kindern die Kultur ihrer Großeltern zu vermitteln“, sagt die Vizevorsitzende. Aber, so berichtet sie weiter, es gibt auch Familien, die aufgrund des Jobs nur zeitweise im Rhein-Main-Gebiet leben und möchten, dass ihre Kinder weiter in ihrer Heimatsprache unterrichtet werden. Es geht aber nicht nur um die Sprache. Nächstes Jahr kommt eine ältere Tschechin auf Einladung des Vereins nach Frankfurt. Sie weiht die Mitglieder in die Kunst der Blaudrucke ein, die für tschechische Trachten verwendet werden. „Anfang dieses Jahres waren einige Mütter mit ihren Kindern im Skiurlaub in Tschechien, so etwas machen wir als Gemeinschaft“, schildert Michalec die Aktivitäten und ergänzt: „Es macht uns einfach glücklich, wenn wir sehen, dass die Kinder daran interessiert sind.“ Bei den im Rhein-Main-Gebiet lebenden Tschechen zeigt sich ein ähnliches Bild wie bei anderen Vereinen der EU-Ausländer. Es geht vorrangig um das Bewahren der kulturellen Identität und nicht mehr so sehr um konkrete tägliche Hilfe. „Das sind europäische Länder. Die sind so verschmolzen, dass es bürokratisch keine großen Hürden mehr gibt, wenn man von Tschechien nach Deutschland kommt“, bestätigt Michalec.