In Pompeji gab es kein klares Graffiti-Verbot. Die Stadtbewohner machten sich an Häusern oder öffentlichen Gebäuden Luft. Bisher wurden etwa 10.000 solcher Inschriften gefunden. Unter anderem an der Wand des Theaterflurs, der das kleine und das große Theater miteinander verband. Ein Forschungsprojekt mit dem Titel „Bruits de Couloir“ („Flurfunk“), das von Louis Autin und Éloïse Letellier-Taillefer von der Sorbonne und Marie-Adeline Le Guennec von der Universität Québec mit dem Archäologischen Park konzipiert wurde, hat den Korridor mithilfe neuer Methoden unter die Lupe genommen und, wie das E-Journal der Ausgrabungen von Pompeji berichtet, Erstaunliches zutage gefördert. Ein kämpfendes Gladiatorenpaar Mittels RTI, einer computergestützten Fototechnik, wurden 79 neue Gravuren identifiziert und etwa 200 lesbar gemacht. Sie erzählen von Liebe, Sehnsüchten, Frust oder Ärger: „Erato amat“ – „Erato liebt“, heißt es da oder: „Ich habe es eilig; mach’s gut, meine Sava, lass mich dich lieben!“. „Miccio-cio-cio, du hast deinem Vater, der sich auf dem Klo erleichtert hat, den Bauch kaputtgemacht; schaut mal, wie es Miccio geht!“ Ein Graffiti bezieht sich auf eine Sexarbeiterin namens Tychè, die „ad locum“, „an diesen Ort“, gebracht wurde, um mit drei Männern gegen Geld Sex zu haben. Der Flur war ein Zugang zu den Theatern, wurde aber mit seiner Öffnung zur Via Stabiana auch als ein Ort des Durchgangs, des Spaziergangs, des Verweilens genutzt. Die meisten Gravuren sind auf Lateinisch oder Griechisch verfasst. Die Forscher fanden zudem welche auf Safaitisch, einen altnordarabischen Dialekt. Zudem entdeckten sie ein etwa zehn Zentimeter hohes, in die Wand geritztes Gladiatorenpaar, das eine solche Lebendigkeit ausstrahlt, als habe sein Schöpfer zuvor selbst einen Kampf gesehen: Zwei Schilder prallen aufeinander, der linke Gladiator hat sein rechtes Bein nach vorne gestellt und neigt den Oberkörper nach hinten, als weiche er einem Schlag aus, während sein Arm ein Schwert nach vorne reckt. Die Inschriften seien ein „immenses Erbe“, sagte Gabriel Zuchtriegel, der Direktor des Archäologischen Parks. Man arbeite an einem Projekt zu deren Schutz und Aufwertung. „Nur der Einsatz von Technologie kann die Zukunft dieser Erinnerungen an das Leben in Pompeji sichern.“
