FAZ 19.01.2026
17:37 Uhr

Ausgeraubt, dann das erste Tor: Uhr weg, Schmuck weg, Umlaut weg – alle lieben „Fullkrug“


Wenige Tage nachdem er im Hotel bestohlen wird, trifft Niclas Füllkrug erstmals für die AC Mailand. Der Nationalspieler erobert die Herzen der italienischen Anhänger im Sturm – und beweist Talent als Influencer.

Ausgeraubt, dann das erste Tor: Uhr weg, Schmuck weg, Umlaut weg – alle lieben „Fullkrug“

Umlaute sind in der Südkurve des Giuseppe-Meazza-Stadions in Mailand keine Alltäglichkeit. Es klang deshalb ein wenig unvertraut, als die Tifosi der AC Mailand am Sonntagabend den Nach­namen ihres neuen Idols in das alte Rund hinein skandierten. „Fullkruuuug, Fullkruuuug“, hörten die knapp 55.000 Zuschauer, auch musikalisch war jener Chor eher rudimentär entwickelt. Die Rufe galten dem deutschen Mittelstürmer Niclas Füllkrug, einem Mann mit einer bewegten Fußballerkarriere, der gerade das jüngste Kapitel seiner persönlichen Achterbahnfahrt als Profifußballer geschrieben hatte. Trainer Massimiliano Allegri hatte den Stürmer aus Hannover in der 73. Minute im Spiel gegen US Lecce eingewechselt. Milan war gegen Lecce drückend überlegen, hatte aber kein Glück beim Torabschluss. Nur drei Minuten nach der Einwechslung erzielte der erst vor ein paar Wochen von West Ham United ausgeliehene Mittelstürmer dann seinen ersten Treffer in der Serie A. Alexis Saelemaekers flankte in den Strafraum, die Lecce-Abwehr hatte Füllkrug aus den Augen verloren, und der köpfte den Ball geschickt ins linke untere Eck zum 1:0 (76. Minute). Füllkrugs Tor des Tages war eine Erlösung für seine Mannschaft und für ihn selbst. Als Nebeneffekt schaffte es der 32-Jährige mit seinem Treffer am Montag auf die Titelseite der „Gazzetta dello Sport“, die nicht unbeteiligt ist an der Entscheidung, wer in der Serie A zum Helden wird. Der ehemalige Bundesligaprofi (Werder Bremen, Borussia Dortmund) durfte auf Seite eins groß als Posterboy mit gut sichtbarer Zahnlücke, angewinkeltem Bizeps und breitem Grinsen posieren. Diebstahl im Hotelzimmer Man weiß bei Füllkrug nicht so genau, wie ironisch so eine Geste gemeint ist. Der Fußballer hat Höhen und Tiefen in seiner spät Fahrt aufnehmenden Karriere erlebt und diese stets einzuschätzen gewusst. Nun bastelt er offenbar an einem möglichst turbulenten Ausgang, der ihn am besten dem Traum von einer zweiten persönlichen WM-Teilnahme im Sommer mit der Nationalmannschaft näherbringen soll. Auch nach Ende des Spiels wurde der Deutsche zum Zentrum der Mailänder Feierlichkeiten. Die Mitspieler umringten „Fülle“, der erst wenige Tage zuvor in seinem Mailänder Hotelzimmer seiner Uhren und Schmuckstücke im Wert von angeblich 500.000 Euro beraubt worden sein soll, offenbar aber nicht seines Smartphones. Mit jenem Gerät zeichnete der Stürmer sich selbst, das Stadion und eine für ihn unvergessliche Atmosphäre auf. Offenbar geht solches Influencer-Talent in eigener Sache heute Hand in Hand mit der klassischen Kategorie des Torjäger-Instinkts. Den scheint Füllkrug jedenfalls nicht eingebüßt zu haben, obwohl sein letzter Treffer schon beinahe ein Jahr zurücklag. Zuletzt hatte der Hannoveraner im April für West Ham United in der Premier League getroffen. Später, wie auch früher schon in seiner Karriere, warfen ihn Verletzungen zurück. Auch deshalb berücksichtigte Bundestrainer Julian Nagelsmann den Deutschen für die WM-Qualifikation nicht. Die AC Mailand im Hoch Die italienische Presse jedenfalls füllte ihre Seiten ausgesprochen ausschweifend mit dem Füllkrug-Märchen. Als „Panzer, der mit einer Fraktur eines Zehs spielt“ feiere ihn „La Repubblica“ ab. Tatsächlich soll der Deutsche unbestätigten Berichten zufolge unter der Woche einen Zehenbruch erlitten haben. Der „Corriere della Sera“ bezeichnete Füllkrug als „letal“. Die „Gazzetta“ wunderte sich, wie der Stürmer „in Rekordzeit“ die Zuneigung des Publikums und seiner Mitspieler bewerkstelligt habe. Füllkrug sei „bescheiden, entscheidend, ein alter Weiser des Strafraums“. „Uns fehlte ein Spieler mit solchen Eigenschaften“, kommentierte Vorbereiter Saelemaekers. Der Betroffene selbst sagte über seine Mailänder Wochen: „Der erste Monat ist unglaublich gut gelaufen.“ Auch die AC Mailand mit ihren Leitwölfen Luca Modrić (40) und Adrien Rabiot (30) befindet sich in einem Hoch. Seit 20 Spielen ist die Mannschaft in der Liga unbesiegt, so eine Serie gab es seit 1993 nicht mehr. Am Sonntag kletterte Massimiliano Allegris Team auf Platz zwei der Tabelle, drei Punkte hinter Lokalrivalen Inter. Eigentlich bevorzugt Trainer Allegri im 3-5-2-System eine bewegliche Doppelspitze, meist mit dem Portugiesen Rafael Leão (zehn Saisontreffer) und dem Amerikaner Cristian Pulisic (acht). Füllkrug, der in fünf Spielen viermal eingewechselt wurde und nur einmal von Beginn an spielte, ist nun Allegris Alternative für tief stehende Gegner, deren Abwehr sich weniger mit feinen Kombinationen als mit traditionellen Methoden überwinden lässt. Der Coach bezeichnete Füllkrug als „wichtige Lösung für diese Phasen am Ende des Spiels“. Für den Deutschen ist das eine bekannte und viel versprechende Rolle. In vergleichbarer Funktion erlebte der Stürmer in der Nationalelf bei der WM 2022 und der EM 2024 die bisherigen Höhepunkte seiner Karriere.