FAZ 22.02.2026
11:29 Uhr

Aus voller Kehle: Weshalb Kirchenmusik ein guter Einstieg in die Welt der Töne ist


Auch heute noch ist die Musik in der Kirche für viele der erste oder einzige Kontakt zur Musik. Ein enorm wichtiges Gut. Davon spricht auch der Theologe und Musikwissenschaftler Meinrad Walter in Frankfurt.

Aus voller Kehle: Weshalb Kirchenmusik ein guter Einstieg in die Welt der Töne ist

Neulich, im Advent. Auf dem Liedzettel steht ein sehr bekannter Text: „Tauet, Himmel, den Gerechten“. Also fröhlich losgeschmettert. Dumm nur, dass das Mitsingen in der Frankfurter Frauenfriedenskirche schnell ausgebremst wurde. Denn der Text mochte genau derselbe sein, den man von Kindesbeinen an gesungen hat – aber die Melodie nicht. Der Grund: regionale Besonderheiten. Das Bistum Limburg hat dem Lied 1974 eine regionale Fassung verpasst. Zu finden sind solche Extras im „Diözesanteil“ des „Gotteslobs“, des katholischen Gesangbuchs. Dort steht auch „Wäre Gesanges voll unser Mund“ (1999), mit einem Text des einstigen evangelischen Frankfurter Stadionpfarrers Eugen Eckert, Gründungsmitglied der Band Habakuk, die von Frankfurt aus ab 1975 das sogenannte Neue geistliche Lied besonders geprägt hat. Lieder dieser Stilrichtung waren einst, in beiden großen christlichen Konfessionen, regelrecht revolutionär. Heute sind sie mal ins Standardrepertoire gerutscht, mal Exoten, die kaum jemand singen kann, so selten werden sie für die Gottesdienste ausgesucht. Dann wird der Gemeindegesang, der ohnehin oft schütter ist, weil die Kirchen Mitglieder verlieren und diejenigen, die kommen, nicht mehr beherzt mitsingen, ganz leise und unsicher. Singen als Kulturtechnik geht verloren Dass „Wäre Gesanges voll unser Mund“ es im 2013 erneuerten „Gotteslob“ nur in den Regionalteil und nicht in den allgemeinen Teil geschafft hat, hält Meinrad Walter rückblickend für einen Fehler. Das Lied sei doch ungeheuer populär, sagt der Freiburger Theologe und Musikwissenschaftler. Populär ist es jedenfalls bei den Frankfurter Künstlern, Kreativen und Interessierten, die sich zum traditionellen „Aschermittwoch der Künstler“ im Frankfurter Haus am Dom eingefunden haben. Sie singen es kräftig mit, sogar ein bisschen mehrstimmig. Beweis für eine der vielen Thesen im bunten Aschermittwochsvortrag Walters, der sich den „Musikalischen Tonarten der Verkündigung“ widmete, unter tatkräftiger Hilfe der Musiker Norbert Hoppermann und Andreas Großmann im praktischen Teil. Das Thema ist schillernd, und es ist trotz schwindender Mitgliederzahlen weiter wichtig: 23 Prozent der Amateurmusiker finden über die Kirchen zur Musik. Chöre und Konzerte der Kirchen sind in manchen Gegenden das einzige kulturelle Angebot. Gleichzeitig sind die großen geistlichen Kompositionen höchst beliebt im Konzertbetrieb jenseits der Kirchen. Singen aber als Kulturtechnik geht in Schulen wie in der Freizeit verloren. Umso größer die Verantwortung der Kirchenmusik. Den Beweis trat im Aschermittwochsgottesdienst im Dom eine kleine Schola an, die den Gemeindegesang sicher durch die Fährnisse komplizierter Melodien lotste. Ob es solche Hilfe öfter geben sollte? Im Haus am Dom will man nun in Workshops Fragen der Kirchenmusik weiter nachgehen. Wo liegt die Verbindung von Musik und Theologie? Stimmt das oft Augustinus zugeschriebene Diktum, „Wer singt, betet doppelt“? Was bedeutet das für die Profikirchenmusiker, die gern komplexe Werke bieten, aber zugleich den Gemeindegesang neu entfachen sollen? Verstehen sie sich als Seelsorger? Und welche Musik soll überhaupt gesungen werden? Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind „alle Formen wahrer Kunst“ im Gottesdienst möglich. Da gibt es viel zu singen.