Es war verdächtig, dass die Mail, die der Fußball-Bundesligaklub FC Augsburg spätestens an Montagmittagen an seinen Presseverteiler verschickt, diesmal nicht kam. Kürzlich hatte der Verein sogar schon am Sonntagnachmittag sein wöchentliches „Medienangebot“ bekanntgegeben. Es war nach einer der Niederlagen, die im Fan-Umfeld die Skepsis, ob Sandro Wagner der richtige Trainer ist, weiter gesteigert hatte. Doch der Verein wollte das Signal aussenden: Keine Diskussion darüber. Und am Donnerstag werde der Coach wie gewohnt über seine Planungen für das kommende Wochenende Auskunft geben. Dieses „Business as usual“ hat der FC Augsburg zu Beginn dieser Woche durchbrochen. Die Pressemitteilung, die hinausging, war überschrieben mit „FCA und Sandro Wagner beenden Zusammenarbeit“. Keine Überraschung, weil die in frostiger Atmosphäre verlaufene Ordentliche Mitgliederversammlung vorige Woche Präsidium und Geschäftsführung bedeutet hatte, dass der Verein mit Wagner auf dem Weg in eine schwere Identitätskrise war. Andererseits kam der Schritt doch unerwartet, da sich die Klubführung fest vorgenommen hatte, mit dem Trainer auch eine schwere Phase zu überstehen. Denn mit Wagner verbunden war vor allem die Vision von Geschäftsführer Michael Ströll, den Verein im 15. Jahr der Erstligazugehörigkeit aus dem Mittelmaß zu heben. Der Sommer war bestimmt gewesen von der Freude, beim begehrten Assistenztrainer der Nationalmannschaft zum Zuge gekommen zu sein, und von der Erwartung, dass der Neue den FCA beflügeln würde: zu einem offensiveren und attraktiveren Spielstil, zum Einbau der Talente aus dem Nachwuchsleistungszentrum und in der Folge zu höheren Transfererlösen, die wiederum Investitionen ermöglichten. Wagner sollte eine Spirale des Guten in Gang setzen. Fachlich nicht so gut wie erhofft Doch was geplant war für drei Jahre, endete nach fünf Monaten mit einem klaren Schnitt, der sofortigen Auflösung des Vertrags. Für den Verein zudem mit der Erkenntnis, dass es Konstellationen gibt, die einfach nicht passen, und man diese Gefahr nicht wahrgenommen hat. Und für Sandro Wagner, dass Cheftrainer in der Bundesliga zu sein doch etwas anderes ist, als im Fernsehen den launigen Erklärer zu geben oder beim DFB in der zweiten Reihe als Spielerversteher, aber ohne Verantwortung für das große Ganze, zu wirken. Letztlich ist Sandro Wagner in Augsburg auf klassische Weise gescheitert: Er brachte die Mannschaft nicht voran, in ihrem Irrlichtern spiegelte sich Wagners Mangel an Erfahrung. Nach dem 0:3 bei der TSG Hoffenheim am Samstag, seinem 38. Geburtstag, konnte er seine zunehmende Ratlosigkeit nicht mehr überspielen. Es gab kein „Learning“ (einer seiner Lieblingsbegriffe) fürs nächste Spiel mehr. Ströll und Sportdirektor Benjamin Weber, der im Sommer erst nach Wagner eingestellt worden war, nahmen bei Wagner nicht mehr wahr, was sie für unerlässlich hielten: „Glaube und Überzeugung.“ Der Trainer Sandro Wagner war fachlich nicht so gut, wie die Figur Sandro Wagner, bekannt aus seiner Zeit als Bundesliga- und kurzzeitig auch Nationalspieler und danach als Medienfigur bei DAZN und ZDF, das hatte vermuten und erhoffen lassen. Das ist eine schwere Niederlage für Michael Ströll, der sich in den vergangenen Jahren eine Art Alleinentscheiderschaft im FC Augsburg sicherte. Bis vor zwei Jahren hatte Ströll, der als Praktikant begonnen hatte, die kaufmännische Seite verantwortet, sehr erfolgreich, fürs Sportliche war Stefan Reuter zuständig. 2023 wurde der Weltmeister von 1990, der bei den Fans in der Kritik stand, in eine Beraterrolle abgeschoben. Als Sportdirektor holte man den Schweizer Marinko Jurendic, ihn und den sehr beliebten dänischen Trainer Jess Thorup entließ der FC Augsburg nach zwei überdurchschnittlich guten und ruhigen Jahren, weil man der Verlockung eines Coups mit Sandro Wagner nicht widerstehen konnte. Die neue Realität des FCA ist aber die Wiederkehr des Klassenverbleibs – und ein Umfeld, das die Wagner-Monate aufgewühlt haben. Wie geht es für Wagner weiter? Nun hat Benjamin Weber, der neue FCA-Sportdirektor, Gelegenheit, sich zu profilieren. Von Wagner wurde Weber, ehemals enger Mitarbeiter von Thomas Tuchel bei Paris Saint-Germain und dem FC Chelsea, einmal spöttisch als „der nette Herr Weber“ bezeichnet. An seiner vorigen Station in Paderborn traf Weber mit Lukas Kwasniok eine Trainerentscheidung, die zum Erfolg führte; er regelte auch noch die Nachfolge mit Ralf Kettemann, was ebenfalls funktioniert. Manuel Baum, der in Augsburg von 2016 bis 2018 schon einmal Cheftrainer war und im Juli 2025 als „Leiter Entwicklung & Fußballinnovation“ zurückkehrte, wird die FCA-Profis nur bis zur Winterpause anleiten. Was aus Sandro Wagner wird? Zunächst einmal: ein offizieller Fußballlehrer. Er stecke in den letzten Zügen seiner Ausbildung beim DFB, er wollte das zweigleisig erledigen: Job in der Bundesliga und Lizenzerwerb, für den er gelegentlich im Augsburger Trainingsalltag fehlte. Jetzt kann er sich auf die Prüfungen konzentrieren. Der Praxisblock in der Bundesliga ist vorbei.
