Einen nicht ganz so kleinen Anteil an der Faszination für den Fußball, für das beliebteste Spiel der Welt, macht ein kleiner Gedanke aus: Alles kann passieren. Jederzeit. Spiele wenden sich rein zufällig, als wären die Minuten davor nichts wert gewesen. Nur den besten Mannschaften dieser Welt gelingt es, dieses Prinzip manchmal auszuhebeln. Eine gute, wenn auch nicht die beste Mannschaft dieser Welt ist Qarabağ Ağdam. Der aserbaidschanische Meister hat in dieser Saison Benfica Lissabon und Kopenhagen geschlagen und gegen den FC Chelsea unentschieden gespielt. Er kann schön Fußball spielen, seine Fans nennen ihn deshalb das „Barça des Kaukasus“. Aber sind wir ehrlich: Eine besonders gute Mannschaft muss man nicht mehr sein, um ein Tor gegen die Eintracht zu schießen. Ein Pass auf die Außenbahn, ein paar kluge Laufwege in die Mitte, schon ist die Frankfurter Defensive überfordert. Das hat sich bis ans Kaspische Meer herumgesprochen. Mit Zufall hat das nichts zu tun. Ağdam schoss die Eintracht am Mittwochabend nach einem 3:2-Sieg aus der Champions League. In vier Spielen im neuen Jahr mussten die Frankfurter zwölf Gegentore hinnehmen. Das sind drei pro Partie, nicht nur im Schnitt. In jedem Spiel trafen ihre Gegner dreimal. Keines dieser Tore entstand, weil die Frankfurter den Ball arglos verloren. Nein, jedes Mal stand die Eintracht-Abwehr sortiert und wartete darauf, was der Gegner tat. Zum Beispiel: ein Pass auf die Außenbahn, ein paar kluge Laufwege in die Mitte. Ağdam traf so dreimal. Zweimal über die rechte Frankfurter Seite (4. Minute: 1:0, 80. Minute: 2:2), einmal über die linke (90. + 5: 3:2). „Das ist Unvermögen“, sagte Sportvorstand Markus Krösche nach dem Spiel. 59 Gegentore haben die Frankfurter auf ihrer Rechnung, mehr als jedes andere Team in Deutschland, England, Italien, Spanien oder Frankreich. 19 sind es in der Champions League, mehr als jedes andere der 32 Teams. Dabei war die zweite Königsklassensaison der Eintracht spektakulär gestartet: Die Frankfurter schlugen Galatasaray Istanbul 5:1, Can Uzun imitierte vor dem eigenen Gesicht einen Scheibenwischer, als könne er es selbst nicht glauben. Das war im September. Danach aber ging der Eintracht die Sicht verloren. In Madrid verlor sie gegen eine überragende Mannschaft. Gegen Liverpool, Barcelona und Bergamo gab sie das Spiel innerhalb weniger Minuten her, kopflos. Sie führte gegen zwei dieser Teams, verteidigte aber so unkonzentriert, dass der Vorsprung nach ein paar Momenten passé war. In Neapel verteidigte sie besser, nach vorne gelang ihr wenig. So auch in Baku: Im Grunde war der aserbaidschanische Vertreter am Mittwoch 90 Minuten lang überlegen – und das, obwohl sein Kader ein Zehntel von dem der Frankfurter wert ist. Er liegt damit auf dem Niveau des Karlsruher SC oder von Darmstadt 98. Auf dem vereisten Boden passten sich die Ağdam-Spieler den Ball teilweise minutenlang zu, die Eintracht rutschte hinterher und traute sich selbst nur selten, den Ball länger zu halten. „Die Verunsicherung der Mannschaft ist deutlich zu spüren“, sagte Krösche. Wieder verspielt die Eintracht eine Führung Nach dem Spiel in der Kälte von Aserbaidschan sagte einer ihrer Protagonisten, der erfahrene Ansgar Knauff, sinngemäß: Wir müssen lernen. Das hat etwas vom Hollywoodfilm „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, in dem der Protagonist jünger und unerfahrener wird, je weiter die Zeit voranschreitet. Der seltsame Fall der Frankfurter Eintracht: Die Spieler werden von Partie zu Partie fehlerhafter. Nationalverteidiger wie Kristensen, Koch, Brown oder Theate verlernen es, vorherzusehen, wenn in ihrem Rücken der Gegenspieler wegläuft. Gelernt hat in dieser Saison Can Uzun. Der Stürmer war es, der in einem schwachen Spiel hervorstach. In der zehnten Minute glich er die frühe Führung Ağdams aus. Wenn sich die Eintracht danach dem Tor näherte, war er am Ball. Seine Kollegen Ritsu Doan und Ansgar Knauff wirkten ebenso gehemmt wie die Defensivspieler. Als Interimstrainer Dennis Schmitt Uzun 20 Minuten vor Schluss auswechselte, war es das Ende der Frankfurter Gefahr. Auch wenn die Eintracht noch einmal vors Tor kam: Knauff wurde gefoult, Farès Chaïbi traf zur 2:1-Führung (78. Minute). Wieder aber verspielten die Frankfurter sie nach zwei späten Gegentoren. Wie gegen Barcelona und Liverpool, wie gegen Dortmund, Stuttgart und Bremen. Es war verdient, weil sie zu selten vors Tor der Aserbaidschaner kamen. Selbst gegen die am wenigsten gute Mannschaft, gegen die die Eintracht spielte, waren die Frankfurter das schlechtere Team. Das ist kein Zufall. Die Gründe: eine desaströse Defensive, viele Verletzte, ein Trainerwechsel kurz vor einem der wichtigsten Spiele des Jahres. Aber selbst unter anderen Vorzeichen lautet das Fazit dieser Frankfurter Champions-League-Saison: Für die Besten war die Eintracht nicht gut genug.
