FAZ 07.05.2026
10:42 Uhr

Aus im Halbfinale: Wie Paris den FC Bayern zum Hasen gemacht hat


Im Champions-League-Halbfinale zwingt der FC Bayern Paris zu einem anderen Spiel – und scheitert. Wie schnell wird diese Chance wieder kommen? Und werden die Bayern bis dahin haben, was es braucht, um sie nutzen?

Aus im Halbfinale: Wie Paris den FC Bayern zum Hasen gemacht hat

In der 89. Minute rennt ein Spieler in rotem Trikot in Richtung Tor, der mit dem Ball Haken schlagen kann wie ein Hase. Und wenn Michael Olise, der französische Außenstürmer des FC Bayern, in den Hasenmodus wechselt, gibt es keinen Außenverteidiger, der ihm hinterherkommt. Nicht Nuno Mendes, der Portugiese, der der Beste auf seiner Position ist, aber ausgewechselt wurde. Schon gar nicht Lucas Beraldo, der Brasilianer, der eingewechselt wurde, aber auch mit frischen Beinen fällt es ihm in der Arena in München nicht leicht, diesen Spieler vom Tor fernzuhalten, über den gesagt wird, dass er in dieser Saison der Beste auf seiner Position und darüber hinaus sei. Dort steht es an diesem Mittwochabend seit der dritten Minute 1:0 für Paris Saint-Germain. Damit brauchen die Bayern in dieser 89. Minute immer noch zwei Tore, sonst werden sie das Finale der Champions League nicht erreichen, sonst werden sie aus einer bisher sehr guten Saison nicht noch eine sehr, sehr gute machen können. Damit brauchen sie den Besten. Damit brauchen sie Michael Olise. Als er einen Haken schlägt, kommt nicht nur Lucas Beraldo, sondern auch Lucas Hernández für einen kurzen Moment nicht hinterher. Doch als er den Ball in dem kurzen Moment dann in den Strafraum hineinflankt, köpft Marquinhos, der Kapitän der Pariser, ihn sofort wieder heraus. In dieser 89. Minute erinnert Olise wieder an einen Hasen. Allerdings an den aus dem Märchen der Gebrüder Grimm. Denn wann immer er an diesem Abend in seinem roten Trikot beim Dribbeln oder Flanken in Richtung Tor einen Spieler in einem schwarzen Trikot hinter sich lässt, taucht vor ihm auf einmal wieder ein Spieler in einem schwarzen Trikot auf, der ihm zu sagen scheint: Ich bin schon hier! Wenn das Hinspiel des FC Bayern gegen Paris Saint-Germain wie das Rennen Scott gegen Amundsen war, ist das Rückspiel wie das Rennen des Hasen gegen den Igel. Obwohl Harry Kane in der vierten Minute der Nachspielzeit noch das 1:1 schießt, fallen die Hasen aus München schließlich um. Und müssen danach mitansehen, wie die cleveren Igel aus Paris dank des 5:4 im ersten Spiel die Arena in München als Sieger verlassen und nun im Stadion in Budapest gegen den FC Arsenal das Finale der Champions League spielen dürfen. Als Joshua Kimmich später in der Interviewzone in München steht, sagt er: „In dieser Saison wäre es auf jeden Fall möglich gewesen.“ Mit „es“ meint er das größte, was es für einen Spieler des FC Bayern gibt: den Champions-League-Sieg. Er sagt danach, dass „ein paar Dinge“ gefehlt hätten. Welche? Da wäre wieder dieses frühe Gegentor, dieses Mal durch Ousmane Dembélé, weil die Bayern mit einem einzigen Pass wieder überspielt worden sind, dieses Mal durch Fabián Ruiz. Da wären „zu viele einfache Fehler in entscheidenden Momenten“. Aber wäre da auch der Schiedsrichter? Es spricht sehr für Kimmich, dass er auch auf Nachfrage nicht über den Schiedsrichter und damit über die Szene in der 29. Minute sprechen will. Als der Schiedsrichter einen Freistoß für Paris gegeben hat. Wenn er aber nicht auf Handspiel von Konrad Laimer (das keines war, zumindest war auch in der Zeitlupe keines zu sehen) entschieden hätte, hätte er auf Handspiel von Nuno Mendes und damit wohl auch auf eine Gelb-Rote Karte entscheiden müssen. Doch Kimmich, der Sportsmann, sagt: „Es bringt nichts, über den Schiedsrichter zu sprechen. Es ist vernünftiger, wenn wir über unsere Leistung sprechen.“ Wenn man über die Leistung der Bayern spricht, kann, nein, muss man dann aber zum dem Schluss kommen, dass sie nicht wegen des Schiedsrichters ausgeschieden sind. Das widerspricht nicht dem, was der Mittelfeldspieler Kimmich danach noch so sagt. Dass diese Bayern-Saison alles in allem spielerisch die beste gewesen sei, seit er 2015 nach München gekommen ist, besser sogar als die Triple-Saison. Dass er weiter das Gefühl habe, dass diese Mannschaft die Champions League gewinnen könne. Dass er diesem Team und diesem Trainer vertraue. Er sagt aber auch: „Die Enttäuschung ist groß, weil man weiß, dass der Weg dorthin nicht so einfach ist.“ So bleibt die Frage, die immer bleibt, wenn eine Gelegenheit so gut war: Wie schnell wird sie wiederkommen? In der Startelf des FC Bayern stehen an diesem Abend nur drei Spieler, die 25 Jahre oder jünger sind: Michael Olise, Jamal Musiala und Aleksandar Pavlović. In der Startelf von Paris sind es sechs. Das machte deren Champions-League-Sieg 2025 schon so beeindruckend: dass die wohl beste Mannschaft der Gegenwart eine mit Zukunft ist. Wie sieht die Zukunft der Bayern aus? Wird der 32-jährige Harry Kane, der in dem Duell mit PSG doch große Mühe damit hatte, dass das Spiel so schnell war, in der nächsten Saison nochmal so viele Tore schießen, wie er in dieser geschossen hat? Wird der 29-jährige Luis Díaz nochmal so gut spielen, wie er gegen Madrid und Paris gespielt hat? Wird der 40-jährige Manuel Neuer nochmal so gut halten, wie er gegen Madrid (Hinspiel!) und Paris (Rückspiel!) gehalten hat? Das sind Fragen, die in den nächsten Wochen und Monaten diskutiert werden können, aber fürs Erste sollte eine andere geklärt werden: Warum war Paris in diesen 180-Halbfinal-Minuten besser als Bayern? Enrique kann sich Spieler aussuchen, die perfekt zu seiner Idee passen In dem Pressesaal in der Arena kommt an diesem Abend Luis Enrique als erster Trainer aufs Podium. Er, der mit seiner Mannschaften zum zweiten Mal in Serie im Finale des Wettbewerbs steht, sagt dort, dass er seine Spieler nicht fürs Verteidigen ausgesucht habe, aber: „Wenn wir es müssen, können wir es.“ Man muss immer wieder sagen, dass Enrique sich in Paris dank des Geldes aus Qatar die Spieler aussuchen kann, die perfekt zu seiner Spielidee passen. Mitten in der vergangenen Saison war das Chwitscha Kwarazchelia, der georgische Außenstürmer, der, wenn man alle 180 Minuten dieses Halbfinales zusammenzählt, der beste Spieler war. Am Mittwoch bereitet er das 1:0 von Dembélé vor. Und hilft danach, wenn er nicht selbst dribbelt, Olises Dribblings zu verhindern. Die Bayern hätten den besten Olise gebraucht. Er kann noch der beste werden, aber an diesem Abend hat sich gezeigt, dass er es in dieser Saison doch noch nicht war. Damit hat auch ein Enrique-Trick zu tun. Der Trainer lässt seinen Torhüter alle Abstöße, die auf Olises Seite gehen, absichtlich ins Aus schießen. Damit der Außenstürmer, der kaum zu stoppen ist, wenn er auf seiner Seite Platz hat, durch die vielen Einwurfsituationen weniger Platz hat. Das wirkt. Olise findet in diesem Spiel nie seinen Flow. An Chwitscha Kwarazchelia wiederum sieht man, warum Paris weiterkommt: weil seine Mitspieler und er innerhalb von einer Woche sowohl der Hase als auch der Igel sein konnten. Dort, wo Luis Enrique gerade gesprochen hat, spricht kurz danach auch Vincent Kompany. Der Trainer sagt immer wieder, dass sein Team es geschafft habe, dass Paris anders spielen musste als sonst. Mit weniger Ballbesitz, mit weniger Pressing, mit weniger Offensive. Das ist keine kleine Leistung. Doch Paris konnte eben anders spielen. Auch das hebt Kompany hervor. In der zweiten Saison mit dem Trainer Vincent Kompany haben die Bayern in der Champions League zwei Spiele verloren: das Halbfinal-Hinspiel gegen Paris Saint-Germain und das Gruppenspiel gegen den FC Arsenal. Sie waren nur den beiden Finalteilnehmern, den beiden besten Mannschaften in Europa nicht gewachsen. Sie haben gesehen, wo oben ist. Was brauchen sie, um dorthin zu kommen? Zwei bis drei Spitzenspieler mehr? Zwei bis drei Zwischengänge mehr? Beides? Man könnte es vielleicht so zusammenfassen: Auf diesem Niveau ist es die Definition von Wahnsinn, immer wieder dasselbe zu tun und immer wieder dasselbe Ergebnis zu erwarten. Die Kompany-Bayern wissen nach einem Viertel- und einem Halbfinalaus, wie der Hase läuft. Die entscheidende Frage für die dritte Saison wird sein, ob sie dann wissen werden, wie sie den Hasen laufen lassen können.