Kurz vor Weihnachten sitzen sie das letzte Mal im Frankfurter Kino „Mal seh’n“. Wenn der an diesem Tag gekürte „Film des Monats“ für den Februar bekannt gegeben wird, sind die 14 Jurorinnen und Juroren der Evangelischen Filmarbeit längst außer Dienst. Eine Institution der Filmkritik, die seit 1951 die „Filme des Monats“ auswählt, endet mit dem 31. Dezember 2025. Sie ist nicht die einzige. Mit Jahresfrist verliert die deutsche Filmkultur gleich zwei traditionsreiche, in Hessen ansässige Institutionen – was erhebliche Folgen auch für weitere in Frankfurt und Wiesbaden ansässige Filmeinrichtungen hat. Immerhin: Margrit Frölich, die Vorsitzende der Jury der Evangelischen Filmarbeit, im Hauptberuf an der in Frankfurt ansässigen Evangelischen Akademie Studienleiterin für Film, Wirtschaft und Transatlantischen Dialog, will die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben. Zwar hat das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik der Jury abrupt den Laufpass gegeben, denn erst im November war klar, dass die Geschäftsstelle mit Jahresende schließen soll, aber es gibt das Versprechen, dass die Juryarbeit in anderer Form weitergehen solle. Wie, das ist allerdings offen. Die ehrenamtliche Juryarbeit, für die sich die Jurorinnen und Juroren einmal im Monat im Mal seh’n trafen, um aus einer zuvor ausgewählten Liste drei Filme zu sichten und zu bewerten, kostete im Jahr 15.000 Euro. Damit konnte die kleine Geschäftsstelle die Kinonutzung, die Internetseite, Informationsmaterial und gelegentliche Veranstaltungen finanzieren. Wie es weitergeht, ist offen Für die Deutsche Film- und Medienbewertung des Bundes (FBW) in Wiesbaden hat es noch weitaus vagere Andeutungen gegeben, ihre Errungenschaften wie die Filmprogramme für Kinder würden weitergeführt. Die FBW hätte, wie die Evangelische Filmjury, 2026 ihr fünfundsiebzigjähriges Bestehen feiern können. Die von der Filmbewertung, ansässig im Wiesbadener Schloss Biebrich, durch Juryarbeit vergebenen Prädikate „wertvoll“ und „besonders wertvoll“ haben jahrzehntelang nicht nur dem Filmpublikum als Orientierung gedient. Bislang sind die Prädikate auch ein Bestandteil der sogenannten Referenzfilmförderung gewesen: Filme, die mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnet worden sind, hatten laut dem Filmförderungsgesetz Anspruch auf höhere Förderung. Doch mit der Novellierung des Gesetzes Anfang 2025 hat sich nicht nur die Referenzförderung massiv geändert. Weil in den vergangenen Jahren immer weniger Filme in Wiesbaden eine Prüfung angemeldet und die dafür fälligen Gebühren entrichtet hatten, musste das Land Hessen die Unterdeckung zuschießen – für eine Institution, die von allen 16 Bundesländern getragen wurde. Trotz eines Zukunftskonzepts und zahlreicher Reformen in den vergangenen Jahren, etwa der Gründung einer Jungen Filmjury für Kinder und Jugendliche, hatten die Länder 2024 eine weitere Förderung abgelehnt. Orientierung in unübersichtlicher Medienlandschaft Die deutsche Filmlandschaft verliert mit beiden Jurys Einrichtungen, deren Aufgabe die Bewertung und Empfehlung qualitativ hochwertiger Filme und Medien ist. Zahlreiche Unterstützer der Filmbewertung hatten auf ihre Notwendigkeit gerade in Zeiten immer unübersichtlicher werdender Angebote hingewiesen, prominente Regisseure wie Volker Schlöndorff sind in einer Unterstützungskampagne vertreten, die unter dem Motto „Gute Filme leuchten“ und einer gleichnamigen Internetseite die Leistungen der FBW für die Filmkultur und Filmpolitik der Zukunft herausstellt. Auch Anna Schoeppe, Geschäftsführerin der Hessen Film und Medien GmbH, der Filmförderung des Landes Hessen, ist unter den zahlreichen Fürsprechern. Hessen verliert mit der FBW eine Einrichtung aus jener Zeit, als Wiesbaden als Filmstadt galt. Die Aktionen der Fürsprecher waren vergeblich. Damit bricht von Januar an ein eingespieltes Jurysystem weg, über dessen Einordnungen bisweilen heftig gestritten oder gescherzt wurde, das aber als Marke und Orientierung über Jahrzehnte einen hohen Bekanntheitsgrad auch beim Filmpublikum erlangt hatte. Die hilfreichen Kurzinterpretationen sind nach wie vor auf der Internetseite fbw-filmbewertung.com nachzulesen. Auch der „Film des Monats“ beziehungsweise der „Film des Jahres“ ist eine starke Marke. In zahlreichen Reihen und besonderen Abenden in Programmkinos werden die Filme, oft mit Nachgesprächen, in ganz Deutschland gespielt. Ausgewählt werden sie von den insgesamt 16 Jurorinnen und Juroren, die nicht alle an jeder Sitzung beteiligt sind, nach den Kriterien evangelischer Kulturarbeit. Sie sollen „informieren, machen Zeitprobleme sichtbar und erfahrbar und geben Impulse zu verantwortlichem Handeln“. Die Jury schaut auf die Ästhetik, aber auch auf die Ethik – und kürt Filme, die in einem christlichen Sinne Denkanstöße geben für Gesellschaft und Individuum. Wolfgang Beckers „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ ist aktueller „Film des Monats“, mit dabei waren dieses Jahr unter anderem Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“ und „Das deutsche Volk“ des Frankfurters Marcin Wierzchowski. Am 12. Dezember wurde im Deutschen Filminstitut und Filmmuseum feierlich der „Film des Jahres“ gekürt: „Heldin“ von Petra Volpe, der mit seinem Blick auf den überfordernden Dienst in der Pflege Furore gemacht hatte. Marke „Film des Monats“ soll bleiben Stefanie Schardien, neben Ariadne Klingbeil Geschäftsführerin des Gemeinschaftswerks Evangelischer Publizistik, habe versprochen, es werde die Marke „Film des Monats“ weiter geben, nur in anderer Form, so Frölich. Wie diese aussehen soll, sei aber unklar, erläutert sie. Es werde in jedem Fall eine Lücke in der monatlichen Bewertung geben, da kein Übergang gestaltet sei. „Ich hätte mir mehr transparente Kommunikation und Dialogfähigkeit gewünscht“, sagt Frölich, denn die Begründungen der Jury seien bei Verleihern und Kinobetreibern beliebt. Fürsprecher der Filmjury sehen die mutmaßliche Abwicklung in einem Gesamtkontext des Rückzugs der evangelischen Kirche aus der Kulturarbeit. Bis Dezember 2025 hat die Jury der Evangelischen Filmarbeit fast 900 Spiel- und Dokumentarfilme ausgezeichnet. Das Programmkino Mal seh’n verliert eine Vormittagsnutzung seines Kinosaals, die 2001 begonnen hatte. Das Kino im Wiesbadener Schloss Biebrich allerdings soll weitergehen, teilt das Kulturamt der Stadt Wiesbaden mit. Denn der Sichtungssaal der FBW wird seit Jahrzehnten von der Initiative „Filme im Schloss“ und dem Wiesbadener Trickfilmfestival genutzt, das federführend Detelina Grigorova-Kreck und Joachim Kreck betreiben. Nach einer kleinen Winterpause soll es mit den „Filmen im Schloss“ im März weitergehen, so der Leiter des Kulturamts, Jörg-Uwe Funk. Das sei den Umbrüchen im Haus geschuldet. Denn das Kuratorium junger deutscher Film wiederum, ebenfalls im Schloss ansässig, soll mit 1. Januar 2026 in erweiterter Form tätig werden und die zentrale Anlaufstelle junger Filmschaffender werden. Christina Bentlage löst dann den interimistisch tätigen Alfred Holighaus als Direktor ab und wird den Neustart, mit rund acht Millionen Euro für Talentförderung und zahlreichen neuen Schwerpunkten, verantworten. Für die erweiterte Tätigkeit soll das Kuratorium auch Räume der FBW übernehmen. Deren bisherige Direktorin, Bettina Buchler, hat ebenfalls eine neue Aufgabe gefunden. Sie wird das Film- und Kinobüro Hessen mit Sitz in Frankfurt übernehmen. Mehr als 100 Film-, Kino- und Festivalschaffende sind in dem Verein organisiert, den über 25 Jahre hinweg der bisherige Geschäftsführer, Erwin Heberling, maßgeblich geprägt hatte. Sein Projekt, den Kinosommer Hessen, will er aber noch weiterführen. Das Büro will sich neu aufstellen, da digitale Transformationsprozesse und veränderte Rezeptionsgewohnheiten auch in Hessen die Filmlandschaft stark verändern.
