Schon wieder ein Gadget mehr. Seit Kurzem, seit meinem Geburtstag, besitze ich eine Fitnessuhr. Geschenke sucht man sich ja nicht aus. Eine Fitnessuhr? Ich hielt das immer für Unsinn. Für digitales Lametta am Handgelenk von Menschen, die von einer Uhr wissen wollen, ob sie gut geschlafen und genug trainiert haben. Menschen, die Gefühle durch Daten ersetzen. Nun trug ich eine solche Uhr am Handgelenk und hatte auf dem Handy die zugehörige App installiert. Wenig später begann ich, mich für meinen Ruhepuls zu interessieren. Fünfzig Schläge, sagte mir die Uhr nach einigen Tagen der Beobachtung und Analyse. Gut oder schlecht? Kommt drauf an, sagte mir der Chatbot meines Vertrauens. Okay. Das war natürlich nur der Anfang. Ich kenne jetzt nicht nur meinen Ruhepuls, sondern auch alle anderen Facetten meiner Herzfrequenz. Mittlerweile stehe ich auch mit meiner täglichen Schrittzahl, meinem Kalorienverbrauch und meiner Schlafqualität auf Du und Du. Vermutlich bald auch mit meinen Leberwerten beim dritten Glas Wein. „Du hast den Beton-Dschungel erobert“ Der Blick aufs Handy ist ja schon lange ein Automatismus abseits jeder Kontrolle. Jetzt kommt noch die Uhr dazu. Und was soll ich sagen: Schon nach weniger als einer Woche habe ich Karriere gemacht, habe ich einen neuen sportlichen Höhepunkt erreicht. Er nennt sich „Stadtschuh“ und leuchtete auf meiner Fitness-App auf, nachdem der Schrittzähler am Ende eines Donnerstags in Bangkok zwischen Garküchen und Fußgängerbrücken exakt 16.544 Schritte aufgezeichnet hatte und die App daraufhin weiß auf schwarz Folgendes verkündete: „Du hast den Beton-Dschungel erobert – und das mit einer Schrittzahl, die fast dreimal so hoch ist wie der amerikanische Landesdurchschnitt!“ Wow! Dreimal so hoch wie der amerikanische Landesdurchschnitt! Liest sich gar nicht mal so schlecht. Seitdem gehe ich anders durch die Stadt. Ich überquere Straßen nicht mehr, ich sammle Meter. Ich nehme Umwege, die ich früher aus Zeitmangel vermieden hätte, nur um später beim Abendessen beiläufig sagen zu können: „Heute wieder über 15.000.“ Kurze Pause. Dann: „Amerika liegt deutlich drunter.“ Meine Fitnessuhr hat mir nahegebracht, dass alles und jedes eine Zahl ist. Jeder Gang zum Supermarkt ein Mikrotriumph. Jeder Fahrstuhl ein moralisches Versagen. Das machen nur die trägen Amis. Die kommen mit ihren 5000 Schritten gerade mal zum nächsten 7 Eleven, während ich beim nächsten Besuch in New York mit meiner Fitnessuhr zweimal den Central Park umrunde. Amerika habe ich in der Tasche. Vielleicht knöpfe ich mir jetzt Afrika vor. Sehe es weiß auf schwarz schon vor mir: „Du hast einen neuen Kontinent erobert – und das mit einer Schrittzahl, die fast viermal so hoch ist wie der ostafrikanische Landesdurchschnitt!“ Na ja, ist vielleicht auch etwas überambitioniert. Bleiben wir lieber in Amerika. Ich rechne täglich mit neuen Push-Nachrichten: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben sich selbst überholt.“ Bis zu meinem Geburtstag dachte ich, Fitnessuhren seien Kontrollinstrumente. Heute weiß ich: Sie sind Erziehungsberechtigte und Karrieresysteme in eigener Sache. Beförderungen in Echtzeit. Aufstieg durch Bewegung. Ich bin nicht mehr einfach nur unterwegs – ich arbeite an meiner Statistik. Und an der morgendlichen Nachricht, die mir zuflüstert, dass ich heute wieder besser bin als gestern. Und womöglich besser als der komplette mittlere Westen. Kurzum: Nichts geht mehr ohne meine Fitnessuhr.
