Die AfD stehe „unter massivem Druck“, sagt Lena Kotré. Dies führe dazu, dass „Entscheidungsträger kurzfristig Entscheidungen treffen, die nicht nachvollziehbar“ seien, „wenn man länger darüber nachdenkt“. „Möglicherweise ist das auch hier so ein Fall gewesen“. Mit dieser Spitze gegen die Bundesführung ihrer Partei will die AfD-Fraktionsvorsitzende im Brandenburger Landtag erklären, warum Alice Weidel und Tino Chrupalla dagegen gewesen sind, den Österreicher Martin Sellner als offiziellen Gast zu einer Diskussion einzuladen. Gemeinsam mit dem Brandenburger AfD-Vorsitzenden René Springer hatten sie darum gebeten, die Veranstaltung abzusagen. Nun sitzt Kotré mit dem Rechtsextremisten aber doch gemeinsam auf der Bühne. Sie ist am Donnerstagabend Gast von Sellner in einem ehemaligen Autohaus am Rande der brandenburgischen Kleinstadt Vetschau. „Zufällig“ finde dessen Veranstaltung am gleichen Tag statt wie das ursprünglich geplante Treffen im Wahlkreisbüro in Luckenwalde, hatte sie in den vergangenen Tagen mitgeteilt. Auch an anderer Stelle grenzt sich Kotré von der Bundesspitze ab: „Ich warne eindringlich davor, vorschnell Koalitionen mit der CDU zu bilden“, sagt sie. Das sei ein Punkt, wo sie sich „deutlich von Alice Weidel“ unterscheide. Martin Sellner stichelt ebenfalls gegen die AfD-Bundesvorsitzende: Er bittet das Publikum, aufzuzeigen, wenn es glaube, dass eine AfD-Regierung sich derzeit ausreichend um Remigration kümmern würde. Als manche nicht aufzeigen, fordert er die Parteimitglieder auf, mehr Druck zu machen: „Ihr seid die wahren Parteichefs“, ruft er in das Autohaus. Sorge vor einem Verbotsverfahren Gemütlich ist es dort nicht: Dutzende AfD-Anhänger sitzen auf Bierbänken. Die Aufschrift „Reparaturannahme“ ist noch gut zu erkennen, die Heizung funktioniert aber nicht mehr. Ohne Wintermantel lässt es sich kaum aushalten. „So ist das, wenn man keine Räume mehr bekommt“, sagt einer mit AfD-Anstecker am Jackett vor Beginn der Veranstaltung. Sellner bittet denn zu Beginn um Verzeihung für die Kälte und kündigt an, gleich werde „in den Herzen“ ein Feuer brennen. Mit den „Mainstream-Medien“ sollten die Zuschauer besser nicht sprechen. Dafür seien Lena Kotré und er zuständig. Das tun sie in einer Pressekonferenz. Etwa vierzig Journalisten sind da. Sellner macht selbst die Tür auf, freut sich sichtlich über den Andrang. Lena Kotré sagt, „selbstverständlich“ habe man so ein „Medieninteresse“ auch „erreichen wollen“. Zwei Stunden nach der Pressekonferenz folgt dann ihre „Diskussionsrunde“ mit Sellner. Der Österreicher sagt deshalb vieles zweimal: 2026 sei das „Jahr der einstürzenden Brandmauer“, die Bundesrepublik eine „Neo-DDR“, sein Konzept zur „Remigration“ verfassungskonform. Das sieht das Bundesverwaltungsgericht anders: „Jedenfalls was die unterschiedliche Behandlung deutscher Staatsangehöriger anbelangt“ seien Sellners Thesen „menschenwürdewidrig“, schrieben die Leipziger Richter im vergangenen Sommer, als sie das Verbot der rechtsextremen Zeitschrift „Compact“ verwarfen. Auch deshalb sieht die AfD-Spitze den Österreicher nicht gerne auf Parteiveranstaltungen. Es besteht die Sorge, mit seiner Einladung den Befürwortern eines Parteiverbotsverfahrens Argumente zu liefern. Werben für das Kopftuchverbot Sellner will das nicht auf sich sitzen lassen: Ein „Expertenteam von Juristen“ arbeite an einem „White Paper“, um der Einschätzung des Bundesverwaltungsgerichts entgegenzutreten, sagt er im Autohaus. Anders als ihm oft unterstellt werde, wolle er keine deutschen Staatsbürger abschieben: „Wie auch?“. Die Leipziger Richter stützen ihre Ansicht vor allem darauf, dass die von Sellner „geplante ‚De-Islamisierung‘ deutscher Staatsangehöriger muslimischen Glaubens“ darauf abziele, unzulässig deren Religions-, Versammlungs- und Meinungsfreiheit einzuschränken. Auch am Donnerstag spricht Sellner von „De-Islamisierung“ und plädiert dafür, etwa durch ein Burkaverbot so starken Druck auf nicht-angepasste Muslime auszuüben, dass sie das Land verlassen. Lena Kotré hat ähnliche Ideen: Sie hebt hervor, schon mehrfach „Kopftuchverbote in öffentlichen Einrichtungen“ gefordert zu haben und will das „auch weiterhin tun“. Sie sagt, Deutschland könne nur einen bestimmten Anteil an Muslimen in der Bevölkerung vertragen. Auf Nachfrage, wie hoch dieser Anteil denn sei, will sie keine konkrete Zahl nennen. Darf Sellner doch in den Landtag? Kotré sagt, sie vertrete das Remigrationskonzept der AfD, das nicht auf deutsche Staatsbürger ziele. Es sei aber gut, „progressiv“ weiterzudenken. Vielleicht müsse die Partei dann ihr Remigrationskonzept nochmal überarbeiten. Kotré hebt immer wieder ihre inhaltliche Nähe zu Sellner hervor: „Millionenfach abschieben – das kann ich unterschreiben“. Weil der Krieg in ihrem Land „befriedet“ sei, müssten die Syrer zurückkehren. Wenn in Deutschland statt mehr als achtzig Millionen nur sechzig Millionen Menschen leben würden, sei das verkraftbar. „Die Brandmauer ist das, was uns am meisten hilft“, sagt Kotré dann noch. So würde sich die politische Lage zwar zunächst verschlechtern. 2029 könne dann aber ein AfD-Ministerpräsident Brandenburg regieren. Ob die Landtagsabgeordnete für eine große Gruppe in der AfD spricht, ist an diesem Abend schwer auszumachen. Sie erhält viel Beifall, allzu viele bekannte Parteimitglieder sitzen aber nicht im Publikum. Die Wortmeldungen in der Fragerunde gehen stark auseinander: Während ein Mann sagt, der Islam sei durchaus reformierbar, bestreitet ein anderer, dass die Bundesrepublik überhaupt ein souveräner Staat sei. Oft ist zudem unklar, ob die Fragesteller Parteimitglieder sind. Am Ende der Veranstaltung wirbt Kotrés Landtagskollege Lars Günther für weitere Diskussionsrunden „in diesem Format“. Ob die AfD-Landtagsfraktion Sellner in den Potsdamer Landtag einladen wird, ist indes noch nicht entschieden. Kotré sagt, darüber müsse der Fraktionsvorstand noch beraten. In der Bundestagsfraktion, in der die westdeutschen Abgeordneten viel Einfluss haben, dürften viele Parlamentarier gegen Sellner sein. Dies könnte dazu beigetragen haben, dass Steffen Kotré den Kurs der Parteiführung nicht ebenso offen wie seine Frau hintertreibt. Auf die Frage, warum er an dem Abend nicht da ist, antwortet Lena Kotré, als Energiepolitiker sei ihr Mann thematisch weniger als Gast in Betracht gekommen als sie. Sellner sagt daraufhin, die „bessere Hälfte“ des Ehepaars sei da – aber das sei natürlich ein Scherz.
