709 Kilometer vom Konrad-Adenauer-Haus, der CDU-Zentrale, entfernt, hat Carsten Linnemann sein Büro auf einer Bühne im Saarland aufbauen lassen. Es sei „wirklich eins zu eins nachgestellt“, sagt er: Eine Sofa-Ecke im Cadenabbia-Blau der CDU, ein Tischkicker, ein weiterer Tisch mit drei Podcast-Mikrophonen und ein leerer Schreibtisch. „Ganz bescheiden, ein guter Tisch“, findet Linnemann. Im Hintergrund eine Pappwand, auf die der „Original-Ausblick“ auf Berlin gedruckt ist. Das Büro stehe symbolisch für die Partei, sagt der Generalsekretär der CDU. Er ist an diesem Abend nach Sankt Ingbert gekommen, um seine „Einfach mal machen“-Tour zu beginnen. In 15 Städten in 15 Bundesländern will Linnemann in den kommenden Monaten herausfinden, „wie wir Deutschland wieder nach vorne bringen“. Über Tagespolitik hinaus denken „Hier und da hakt es“, gesteht Linnemann ein. Bundeskanzler Friedrich Merz habe Deutschland aber auf die internationale Bühne zurückgeholt, im Bereich Migration gebe es „gute, sehr gute Erfolge.“ Aber über das Kleinklein, das Berlin beschäftigt, will Linnemann eigentlich nicht reden. Er will an diesem Abend über die Tagespolitik hinaus denken, sagt er. Vor der Veranstaltung konnten die Teilnehmer Ideen einbringen. Linnemann begrüßt dafür am Rand der Bühne den Hauptabteilungsleiter Politik aus dem Konrad-Adenauer-Haus, Marco Melle, er sei der „Politik-Chef der CDU“. Insgesamt seien 113 Ideen eingesandt worden. „Richtig viel“, sagt Linnemann. „Ja, richtig viel Gutes“ sei dabei, sagt Melle. „Auch schlechtes?“ Melle zögert: „Nein, nur Gutes.“ „Sehr gut.“ Über drei der Ideen, die Melle und seine Kollegen „quasi unter notarieller Aufsicht“ ausgewählt haben, darf später das Publikum befinden. Linnemann begrüßt noch den saarländischen CDU-Vorsitzenden Stephan Toscani mit der Frage, wie es ihm gelinge, so schlank zu bleiben (regelmäßig Joggen), dann folgt der „große Höhepunkt“, so Linnemann. Es gibt Lob für Gerhard Schröder Sein Podcast soll live aufgezeichnet werden. Das Format heißt praktischerweise auch „Einfach mal machen“, 25 Folgen gibt es bislang. Er lade sich Gäste ein, so Linnemann, die „charakterstark sind, die nicht so abgeschliffen sind in ihrer Meinung, sondern auch geradeaus gehen können“. Seine heutigen Gesprächspartner seien „sehr, sehr bekannt. Sie kennen Sie alle“: Heiner Bremer, „ein Urgestein“, ehemaliger Moderator bei RTL und NTV, und Franca Lehfeldt, ehemalige Moderatorin beim Fernsehsender „Welt“, kommen auf die Bühne. „Wie geht’s?“, fragt Linnemann Lehfeldt. „Privat blendend, mit Blick auf die Republik mulmig“, antwortet die. „Und beruflich?“ „Tiptop“. Linnemann begrüßt den Aufnahmeleiter auf der Bühne, noch ein paar Handgriffe, dann soll es losgehen. „Wenn Sie das Gefühl haben, das sind gute Argumente, die Sie teilen, da bringt es jemand auf den Punkt, dann können Sie gerne mitmachen“, sagt Linnemann. Noch so eine neue Beteiligungsmöglichkeit fürs Publikum? Nein, bloß die Aufforderung zum Klatschen. Drei Kameras sind also ausgerichtet auf die drei Podcast-Gäste. „Dann starten wir in fünf, vier, drei, zwei, eins“, zählt Linnemann runter. Laute Musik, abermalige Vorstellung der Gäste (für jene, die den Podcast später hören), Grüße an den ehemaligen Bundesminister Peter Altmaier, der in der Nähe wohnt und dessen Kochkünste Linnemann lobt. Dann will der Generalsekretär auf die wirtschaftliche Lage im Saarland, ja, in ganz Deutschland zu sprechen kommen. „Wenn ein seriöser Ökonom wie Ifo-Präsident Clemens Fuest vom Niedergang der Wirtschaft spricht, dann ist Holland in Not“, sagt Linnemann. Von Heiner Bremer, der vor 20 Jahren die Agenda 2010 von Rot-Grün journalistisch begleitete, will Linnemann wissen, welche Parallelen es zur heutigen Lage gebe. Bremer hält die Situation für vergleichbar. Er findet viel Lob für den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD), der sein Anliegen einer Reformagenda trotz Widerständen umgesetzt habe. Linnemann nickt. Nach Schröders Abwahl 2005 habe auch die CDU, die dann regierte, deutlich davon profitiert. „Gerhard Schröder hat seine Abwahl in Kauf genommen, um für seine Wiederwahl zu kämpfen, weil er überzeugt von etwas war“, sagt Lehfeldt. „Friedrich Merz macht genau das Gegenteil.“ Es gehe ihm bloß um den strukturellen Machterhalt. Es gibt viel Applaus. Linnemann sieht sich als eine Art Thomas Gottschalk Linnemann hört sich das alles an, sagt dann: „Ich nehme Friedrich Merz als völlig unabhängigen Politiker wahr, der bereit ist, das zu machen.“ Dinge brauchten Zeit, auch wenn es nicht zu lange dauern dürfe. Lehfeldt und Bremer kritisieren den Bundeskanzler deutlich. Vor allem bemängeln sie, dass er immer wieder Dinge sage, die er eigentlich nicht sagen wolle und damit Debatten anstoße, auf die er – wie im Fall des Stadtbilds – keine Antwort habe. Im Wahlkampf habe die Union allzu große Versprechungen gemacht, die sie nun nicht einhalten könne. Lehfeldt spricht vom „Marienkäfer-Modell“: Viel Rot, kleine schwarze Punkte. Auch da gibt’s Applaus. Linnemann wirbt zaghaft für das Regieren seiner Partei, man merkt aber deutlich: Zufrieden ist er nicht. Nachdem die drei noch zusammen kickern, ist die Podcastaufzeichnung beendet. Im Büro Linnemann kann man sich wieder dem saarländischen Publikum zuwenden. Der „Politik-Chef der CDU“ Melle kommt auf die Bühne und präsentiert hochoffiziell drei der eingereichten Ideen, die ohne Angabe von Kriterien ausgewählt wurden. Drei junge Leute kommen auf die Bühne, von denen zwei eng mit der Landesspitze der saarländischen CDU verbunden sind. Saar-CDU-Chef Toscani darf auch dazu kommen. Er sei „nicht ganz Michelle Hunziker“, sagt Linnemann später in Anspielung auf die Ko-Moderatorin bei „Wetten dass“, er selbst begreift sich aber sehr deutlich in der Tradition von Thomas Gottschalk. Die 400 Zuschauer sollen also entscheiden, welcher der drei Vorschläge die Politik von morgen bestimmen, das Profil der CDU schärfen soll. Per Handkarte votieren sie deutlich für die Idee, künftig vor jeder Schule eine Deutschland-Flagge zu hissen. Die Vorsitzende der Schüler-Union im Saarland, Felicia Lorenz, bekommt von Linnemann ein goldenes Podcast-Mikro überreicht. Sie darf ihre Idee mit den 14 anderen, die auf der „Einfach mal machen-Tour“ ermittelt werden sollen, nach Berlin fahren und vor dem Bundeskanzler dafür werben. Nach zwei Stunden ist alles schon vorbei. Die Basis ist nicht zu Wort gekommen. Ein älterer Herr greift sich seinen Mantel, sagt verärgert, dass das zwei Stunden „Unterhaltung“ gewesen seien, die sie gezeigt bekommen hätten. Für Carsten Linnemann wäre das vielleicht ein Kompliment. Die Leute von der Jungen Union machen Selfies. Ihnen hat’s gefallen. „Mal was anderes als eine normale Parteiveranstaltung“, findet einer. Und die Unzufriedenheit, die es auch nach seiner Meinung an der Basis eindeutig gebe, die hätten die beiden Journalisten ja aufgegriffen. Nicht mal selbst diskutieren musste man.
