Die Generalprobe verlief so außergewöhnlich für die deutschen Skispringer, dass Bundestrainer Stefan Horngacher, ein sachlicher Österreicher, fast schon begeistert feststellte: „Der Knoten ist geplatzt.“ Seine für die Olympischen Winterspiele nominierten Flieger hatten bei zwei Wettkämpfen in Willingen vollkommen überzeugt: Philipp Raimund wurde einmal Dritter, Felix Hoffmann freute sich über Rang vier am ersten Tag, und Andreas Wellinger, der dem Trainer Sorgen bereitet hatte, verblüffte nach langen Phasen des Sondertrainings mit den Rängen sechs und acht. „Extrem bitter“ und „extrem cool“ zugleich empfand es Horngacher, dass der nicht für die Spiele qualifizierte Karl Geiger erst nach Nominierungsschluss des Deutschen Olympischen Sportbundes seine Form wiedergefunden hatte. In Willingen wurde er Dritter: „Aber das bringt uns jetzt für Predazzo nichts“, sagt Horngacher. Hoffmann im Kreis der Medaillenkandidaten In Predazzo, im abgelegenen Val di Fiemme, stehen die Olympia-Schanzen. Der erste Wettkampf für die Skispringer, gesprungen wird von der Kleinschanze, steht an diesem Montag (19.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, in der ARD und bei Eurosport) auf dem Programm. Schon im ersten Training am Donnerstag überzeugten vor allem Hoffmann und Raimund. Hoffmann sprang so konstant, dass er zum Kreis der Medaillenkandidaten gezählt werden muss. In den drei Testrunden belegte der Thüringer die Plätze drei, eins und zwei, während Raimund vor allem mit Platz zwei im ersten Durchgang aufhorchen ließ. Allerdings fehlte am Donnerstag das Team Slowenien mit Domen Prevc, dem dominanten Springer des Winters. Neben Hoffmann und Raimund sei laut Horngacher auch Wellinger in Predazzo zu beachten: „Wenn er erst mal mit seinen langen Hebeln in Schwung kommt, kann er vorne reinspringen.“ Im Training hatte Wellinger „seine langen Hebel“ noch nicht in Schwung gebracht, Rang elf war sein bestes Resultat. Hält Raimund sein Temperament im Zaum? Hoffmann, der Aufsteiger der Deutschen in dieser Saison, verblüffte auch in Predazzo mit starken Absprüngen und eleganter Luftfahrt. Nach einem Zwischentief nach der Vierschanzentournee wegen einer Kniereizung und einer Erkältung scheint er bereit zu sein für seine ersten Einsätze bei Winterspielen. „Alle drei Sprünge waren auf einem konstant hohen Niveau“, sagte er zufrieden. Raimund, ebenfalls ein Debütant bei Olympischen Winterspielen, ist im Gegensatz zu seinem Coach sehr temperamentvoll und impulsiv. Horngacher hatte die Befürchtung, „dass er mir durchdreht bei den Spielen, weil er seinen Emotionen immer freien Lauf lässt“. Bisher ist das nicht geschehen. Raimund gilt als starker Abspringer, eine Fähigkeit, die vor allem auf der Kleinschanze zur Geltung kommen kann. „Auf hohem Niveau“ hätten sich seine ersten Trainingssprünge in Predazzo befunden, erklärte Raimund. Nach dem Wettkampf vom Montag folgt am Dienstag das Mixed-Springen auf derselben Anlage; dort zählt das deutsche Team zu den Mitfavoriten. Anschließend steht der Wechsel auf die große Anlage mit einem Einzel- und einem Teamwettkampf an. Und obwohl die Saison für seine Springer bisher eher ernüchternd verlief, sagt Horngacher: „Wenn wir zwei Medaillen gewinnen, wäre ich sehr zufrieden.“ Über die Schanzen von Predazzo, insbesondere die kleine Anlage, war nach den Sommer-Grand-Prix im September sehr viel diskutiert worden. Der Radius katapultierte die Springerinnen und Springer bei ihren Versuchen extrem weit hinauf in die Luft; der Landedruck war so enorm, dass drei Athletinnen bei Stürzen Kreuzbandrisse erlitten. Der Schanzentisch wurde angepasst, die Flugkurven sind nicht mehr so radikal, und auch der Aufsprunghügel verringert durch die Schneeauflage im Vergleich zum Sommer die Flughöhe. „Die Schanze ist in Ordnung“, sagt Horngacher, „alles picobello.“
