Die deutsche Industrie ist in schwerem Fahrwasser. Vielerorts schrumpfen die Umsätze, jeden Monat verschwinden rund 10.000 Arbeitsplätze. Eine der wenigen Ausnahmen ist die Rüstungsindustrie: Wegen der extrem gestiegenen Bedrohungslage mit Blick auf Russland investiert der Staat in den kommenden Jahren gut 200 Milliarden Euro, um bis zum Ende des Jahrzehnts verteidigungsbereit zu sein. Das zieht viele Industriekonzerne mit unterausgelasteten Anlagen an. Ob Schaeffler, Deutz oder Trumpf – quasi im Wochenrhythmus werden neue Projekte oder Kooperationen mit dem Verteidigungssektor angekündigt. Ist die Rüstungsbranche nur etwas für Großunternehmen, die helfen können, Produktion in großem Maßstab aufzubauen? Oder können auch kleinere und mittlere Betriebe von der starken Branchenkonjunktur profitieren? Dazu gibt es bislang wenig Material. Nun aber ist das Institut für Mittelstandforschung (IfM) diesem Thema in einer Umfrage nachgegangen, deren Ergebnisse der F.A.Z. vorab vorliegen. An der Umfrage nahmen fast 1400 Unternehmen teil, rund die Hälfte davon hatte weniger als 50 Mitarbeiter. In neun von zehn Fällen handelt es sich um Mittelständler, die von den Eigentümern geführt werden. Hoffen auf neue Märkte und Umsatzwachstum Demnach sind bislang nur rund sieben Prozent des verarbeitenden Gewerbes im Verteidigungssektor aktiv, das entspricht umgelegt rund 15.000 Unternehmen. Der Wert variiert aber mit der Unternehmensgröße: Während es bei Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten nur knapp fünf Prozent sind, entfallen auf Produzenten mit mehr als 50 Mitarbeitern schon 14 Prozent. Fast zwei Drittel sind Zulieferer und geben an, sich in einer vergleichsweise guten wirtschaftlichen Lage zu befinden. Insgesamt gibt es eine Diskrepanz zwischen der Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage und der des Standorts Deutschland. Gut 31 Prozent der Kleinstunternehmen und rund 45 Prozent der Großunternehmen (mehr als 250 Beschäftigte) bewerten zwar ihre wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut. Jedoch befindet die Hälfte aller Befragten die Standortbedingungen als (sehr) schlecht. Der Anteil steigt laut IfM mit der Unternehmensgröße von knapp der Hälfte bei Kleinstunternehmen auf rund 58 Prozent bei Großunternehmen. Vier von zehn befragten Unternehmen (ohne bisheriges Rüstungsengagement) könnten sich Aktivitäten in der Rüstungsindustrie vorstellen, gut die Hälfte lehnt das dagegen ab. Zwei Drittel der Interessierten gaben dabei die Erschließung neuer Märkte als wichtigsten Grund für das Interesse an der Rüstungsindustrie an. Fast ebenso oft wurde ein erhofftes Umsatzwachstum genannt. Die Sicherung der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands stand dagegen lediglich für ein Drittel der Befragten im Mittelpunkt, Innovationsimpulse erhofft sich jeder fünfte Interessent. Allerdings stehen die Interessenten vor einigen Hürden. Mehr als die Hälfte der Interessenten klagt über fehlende Netzwerke, zu wenig Erfahrung im Beschaffungswesen und hohe regulatorische Anforderungen. Etwas mehr als ein Viertel fürchtet auch die politische Abhängigkeit des Marktes. Sollte sich die Bedrohungslage zum Beispiel wieder ändern und die Auftragsvergabe geändert werden, könnte sich das negativ auf das Geschäft auswirken. Lange waren gerade aus dem Mittelstand auch generelle Bedenken gegen die Rüstungsbranche zu vernehmen. In der Umfrage äußerte aber nur noch eines von zehn Unternehmen ethische Bedenken. Ähnlich wurden hohe Sicherheitsrisiken gewichtet. Die Punkte decken sich in etwa mit den Ergebnissen einer Umfrage, die der Verband der Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) anlässlich der Hannover Messe im April unter seinen Mitgliedern durchgeführt hat. In der Branche, in der viele Unternehmen unter den Problemen von Kunden in der Automobilbranche leiden, nannten 63 Prozent die Verteidigungsindustrie als wichtige oder sogar sehr wichtige künftige Kundenbranche; zwei Drittel beliefern diese schon heute mit Produktionstechnologie oder Komponenten, auch wenn der damit erzielte Umsatz noch nicht berauschend ist. Mehr als 40 Prozent der Unternehmen gehen aber im laufenden Jahr von einem Plus im zweistelligen Bereich aus.
