Vor dem Schuppen sitzen Gestalten auf einem abgewetzten Sofa, die einem Gangsterfilm der Siebzigerjahre entsprungen sein könnten. „Du bist im falschen Viertel, mein Freund“, sagt der Wortführer, über dessen Schmerbauch sich ein weißes Poloshirt mit breitem Kragen spannt. Seine Augen hat er hinter einer riesigen Sonnenbrille verborgen. „Warum denn?“, wirft sein Kumpel ein. „Ist doch super hier.“ Er hat eine Pistole bei sich. Die hat er, warum auch immer, in mehrere Schichten Klarsichtfolie und Klebeband gewickelt und trägt sie an einem improvisierten Gurt wie eine Handtasche über der Schulter. „Willst du etwas von dem selbst gebrannten Whiskey kaufen?“, fragt er und blickt auf die Schuppentür, hinter der sich offenbar ein Schnapslager verbirgt. „Der ist gut.“ Das Verkaufsgespräch wird von einer Bettlerin unterbrochen, die in eine abgewetzte schwarze Vollschleiermontur gehüllt ist. Hier, in den Straßen von Faisaliyya, einem Armenviertel am südöstlichen Rand von Riad, ist vom Reichtum Saudi-Arabiens nichts zu sehen. Heruntergekommene Fassaden reihen sich aneinander. Die Gegend gilt als verbotene Zone, in der Gewalt und Kriminalität zum Alltag gehören und in die sich kein Polizist verirrt. „Sieht das hier wie ein Königreich aus?“ In dem Slum ist auch nichts von der Aufbruchstimmung zu spüren, die anderswo im Königreich herrscht, vor allem unter jungen Leuten. Hier ernten die Reformen der „Vision 2030“, mit der Kronprinz Muhammad Bin Salman sein Land modernisieren und von den Öleinnahmen unabhängiger machen will, nichts als Spott. „Visionen gibt es hier nicht“, sagt ein alter ehemaliger Soldat, der sich Abu Abdallah nennt, ein paar Straßenecken weiter, und lacht bitter. Er hat nur noch einen Zahn im Mund. Es gebe hier keine Sicherheit und keine Arbeit, erklärt er. „Sieht das hier wie ein Königreich aus?“ In Faisaliyya offenbart sich auf besonders drastische Weise ein Problem, mit dem die saudische Führung konfrontiert ist. Auf der einen Seite entstehen größenwahnsinnige Zukunftsprojekte. Investorenkonferenzen locken milliardenschwere Wirtschaftsgrößen an, verheißen eine Hightech-Zukunft für das Königreich. Junge Saudis feiern die von oben vorangetriebene Öffnung der einst erzkonservativen Gesellschaft – und die Chancen, die ihnen der Wandel eröffnet. Doch auf der anderen Seite verlangen die Reformen der Bevölkerung, die an staatliche Zuwendungen gewöhnt ist, viel ab. Subventionen werden gekürzt, die Lebenshaltungskosten steigen. Die Menschen sollen sich nicht mehr in bequemen Regierungsjobs einrichten, sondern im Privatsektor ihr Glück suchen. Hoffnung und Härten Die saudische Hauptstadt ist ein gutes Beispiel für diese Mischung aus Hoffnung und Härten. Riad boomt und zieht immer mehr Menschen aus der Provinz an, die sich dort bessere Perspektiven erhoffen. Nach Schätzungen dürfte die Einwohnerzahl von sieben Millionen im Jahr 2022 bis 2030 auf knapp zehn Millionen wachsen. Auch das ist Teil des Plans des Kronprinzen. Er fördert die Entwicklung der Stadt, weil er aus Riad ein Wirtschaftszentrum machen will, das sich in die großen Metropolen der Welt einreiht. Er lässt den König-Salman-Park bauen, der fünfmal so groß sein soll wie der Central Park in New York. Anfang vergangenen Jahres wurde in Riad zudem eine vollautomatische Metro mit futuristischen Stationen geöffnet. Die blitzsauberen, klimatisierten Waggons sind gut gefüllt mit dankbaren Landsleuten, die so dem dichten Verkehr entgehen können. „Alle meine Freunde wollten nach Riad“, sagt Hayaf, ein massiger Mann Anfang dreißig, der aus der Stadt Abha tief im Süden stammt. „Einige sind vor mir gegangen, und ich habe mich irgendwann gefragt: Was mache ich eigentlich noch hier?“ Bevor der Kronprinz den Wandel verordnete, habe er das anders gesehen. „Damals wollte ich einfach nur einen Job. Aber jetzt habe ich größere Ambitionen“, sagt Hayaf. Weil er nicht mehr nur dabei zusehen wollte, wie andere ihr Glück in der Hauptstadt suchen, zog auch er nach Riad. Zunächst arbeitete er als Uber-Fahrer. Heute ist er Rechtsberater in einer Investmentfirma und in einer Baufirma. Zugleich arbeitet er daran, ein eigenes Geschäft mit Virtual-Reality-Brillen aus China aufzubauen. Boom treibt Immobilienpreise drastisch in die Höhe Doch dafür Geld zu sparen, ist nicht leicht. Denn das Leben in Riad ist deutlich teurer als in der Provinz. Saudische Journalisten sagen, es entstehe gerade eine neue städtische Unterschicht. Hayaf hat sich aus diesem Milieu bereits hochgearbeitet. Dennoch lebt er in bescheidenen Verhältnissen. Die neuen Unterhaltungsangebote, die Aushängeschilder der neuen saudischen Modernität wie Sportgroßveranstaltungen oder Konzerte, kann er sich nicht leisten. „Ich mag niemanden in meine kleine Wohnung einladen“, sagt er. „Es war wahnsinnig schwer, überhaupt eine zu finden. Die Preise sind ein riesiges Problem.“ Der Riader Boom hat die Immobilienpreise drastisch in die Höhe getrieben. Beratungsfirmen gehen davon aus, dass mit dem erwarteten Zuzug in die Hauptstadt Hunderttausende neue Wohneinheiten entstehen müssen. Immer weniger junge Saudis können es sich leisten, ein Haus zu kaufen, wie es lange Zeit üblich war und wie es gesellschaftliche Konventionen eigentlich vorschreiben. Die Mieten sind in den vergangenen Jahren explodiert. Es herrscht ein Mangel an einfachen Wohnungen, weil sich das saudische Privatleben lange vor allem in Häusern abspielte, die durch Mauern von der Außenwelt abgeschottet waren. Doch so wollen und können jüngere Generationen nicht mehr leben. „Ich würde am liebsten wieder zurück“, sagt ein Mann aus dem Justizministerium, der traditionelle Kleidung und den Bart eines erzkonservativen Muslims trägt. Er ist gerade erst befördert worden und stammt aus der Provinz Hail. Mit einem Freund streift er im Norden Riads durch ein modernes Musterhaus der staatlichen Wohnungsbaugesellschaft. Er lässt sich auf ein Sofa im Salon fallen und sagt: „Die Leute, die aus anderen Städten kommen, haben es schwer hier.“ Dann berichtet er von den „kulturellen“ Anforderungen des saudischen Wohnungsbaus: Eigentlich brauche man zusätzlich einen großen Versammlungsraum für Besucher, in dem man auf dem Boden sitzen könne, oder getrennte Eingänge für Gäste und Frauen. „Aber wer kann sich das hier noch leisten?“ Unzufriedenheit könnte der Führung gefährlich werden Der saudischen Führung sind diese Probleme bewusst. Der Wohnungsbauminister hat eingestanden, die Immobilienpreise seien ein Grund zur Sorge. Der Kronprinz hat die steigenden Mieten als „inakzeptabel“ bezeichnet. Im September verfügte die Führung, dass sie in den kommenden fünf Jahren nicht weiter erhöht werden dürfen. Zudem wurde im vergangenen Frühjahr eine Art Spekulationssteuer auf brachliegende Grundstücke von 2,5 auf zehn Prozent angehoben. Die Regierung stellt außerdem günstige Kredite für den Hauskauf bereit. Die Unzufriedenheit über die gestiegenen Lebenshaltungskosten könnte der Führung gefährlich werden. Lange Zeit versprach der saudische Gesellschaftsvertrag Wohlstand im Gegenzug für Gehorsam und Loyalität gegenüber dem Königshaus. Der Frust könnte die Akzeptanz der Vision 2030 und ihrer Reformprojekte mindern. Unter einfachen Leuten wächst angesichts der alltäglichen Sorgen die Unzufriedenheit mit den als abgehoben geltenden reichen Eliten. Auch mehrere Geschäftsleute in Riad kritisieren hinter vorgehaltener Hand, es werde zu viel Geld in prestigeträchtige Megaprojekte investiert, anstatt Arbeitsplätze zu schaffen oder bezahlbaren Wohnraum. Die Regierung müsse eingestehen, dass sie Fehler gemacht habe. Doch die reagiert empfindlich auf Kritik. Noch immer fällt es Saudis schwer, freimütig und unter Nennung ihres vollen Namens über ihre Schwierigkeiten zu sprechen. Saudische Menschenrechtsorganisationen im Ausland kritisieren zunehmende Repressionen gegen Kritiker im Internet. Auch zwischen Jung und Alt im Königreich schaffen die neuen Härten Konflikte. Geschäftsleute beklagen, dass bei vielen jüngeren Bewerbern eine ungünstige Mischung aus Beamtenmentalität und Anspruchsdenken verankert sei. „Die junge Generation wird sich daran gewöhnen müssen, dass sie es schwerer haben wird als ihre Eltern“, sagt ein älterer, schwerreicher Aluminiumfabrikant auf der Terrasse eines Luxushotels, in dem er sich wie selbstverständlich bewegt. Von den jüngeren Landsleuten spricht er, als seien es verzogene Kinder. Womöglich tut er der jüngeren Generation unrecht. Viele junge Saudis klingen wie Hayaf aus der südlichen Provinz, der sagt: „Das Land befindet sich auf keiner einfachen Reise. Man muss eben hart arbeiten, um Geld zu verdienen.“ Manche ziehen sogar Zuversicht aus dem Umstand, dass sich Saudi-Arabien heute mit solchen Fragen beschäftigt – und nicht mehr mit der fanatischen Religionspolizei, öffentlichen Hinrichtungen oder dem Recht von Frauen, Auto fahren zu dürfen. „Wir sind inzwischen eigentlich ein ganz normales Land mit ganz normalen Problemen“, sagt Hayaf.
