FAZ 23.11.2025
10:29 Uhr

Aufregung in Augsburg: Willkommen beim FC-Sandro-Wagner


Kein Trainer wurde in Augsburg zuletzt so sehr hinterfragt wie Sandro Wagner. Trotz des 1:0-Siegs über den HSV ist offen, wie es diese Geschichte weitergeht. #FCA

Aufregung in Augsburg: Willkommen beim FC-Sandro-Wagner

Dass sein Klub, der FC Augsburg, einen wichtigen Termin vor sich hat, überraschte Sandro Wagner. „Hatte ich jetzt nicht auf dem Radar“, sagte er am Freitag vergangener Woche, als er auf die nahende Mitgliederversammlung angesprochen wurde. Und er gab zu erkennen, dass ihn das wenig angehe, denn er müsse da nicht auftreten und reden. Das nicht. Doch Jahreshauptversammlungen sind das Hochamt der Vereinsdemokratie, sie spiegeln die Befindlichkeit der Basis. Und sie werden in der Fußball-Bundesliga so terminiert, dass sie möglichst im Windschatten eines Erfolgs auf dem Platz über die Bühne gehen und Missstimmungen gedämpft werden. Der FC Augsburg lädt für den Dienstag, und das Gespür war richtig: Mit dem 1:0-Sieg gegen den Hamburger SV, zu verdanken einem Kunstschuss des U­-21-Nationalspielers Anton Kade (74. Minute), entspannt sich die Lage ein wenig. Auch die um Wagner, der Anfang Juli begeistert begrüßt wurde, mittlerweile aber hinterfragt wird wie kaum ein Trainer in der über 14 Jahre langen Erstligageschichte des FC Augsburg. „Personenkult“ und „Marketingwahn“ 0:1 gegen Dortmund, 2:3 in Stuttgart, 1:0 gegen den HSV, über den Wagner sagte, das sei „kein Neuling, sondern ein Riese“ – Sportdirektor Benjamin Weber erkannte in den drei vergangenen Spielen so etwas wie eine Stabilisierung in den Leistungen. Die Ergebnisse zuvor waren die 0:6-Heimniederlage gegen Leipzig und das Pokal-Aus beim 0:1 gegen den Zweitligaklub VfL Bochum gewesen, ebenfalls vor eigenem Publikum. Die nachfolgende Begegnung mit Borussia Dortmund war im Zeichen von in Augsburg seltenen Fanprotesten gestanden. Eine ganze Reihe von Transparenten wurde auf der Uli-Biesinger-Tribüne, auf der die aktive Szene steht, hochgehalten. Vorgeworfen wurden dem FC Augsburg „Personenkult“ und „Marketingwahn“. Sandro Wagner sagte, er habe seinen Namen nicht gelesen auf den Spruchbändern. Das mit dem „Marketingwahn“ bezog sich auf den Kontext, den der FCA, der als Gründungsjahr 1907 angibt, strenggenommen aber erst 1969 aus einer Fusion entstand, zur Geschichte der vor 2040 Jahre alten Stadt herstellt. Das „Römertrikot“ fand in zwei Auflagen reißenden Absatz, doch dann auch noch den Zugang der Spieler zum Stadioninneren als „Römertunnel“ zu gestalten, dessen Tore von Wächtern entriegelt werden müssen, wirkt albern. „Kämpfen und Siegen“ ist im Tunnel zu lesen, doch bis zum Hamburg-Spiel gab es nur einen Erfolg, ein 3:1 gegen Wolfsburg. Mit dem Römer-Konzept hat Wagner nichts zu tun, doch er verantwortet die schwache Bilanz, die den selbstbewussten Markenauftritt konterkariert. Und mit seinem Amtsantritt im Juli war er zum Teil der PR-Offensive des als graumäusig und verzichtbar wahrgenommenen FC Augsburg geworden. Die Person, um die ein Kult gemacht wird, ist zweifelsohne er, der als Trainer zwar noch ein Neuling ist, aber eine Vorgeschichte als Lautsprecher des deutschen Fußballs hat. Wagners spezielle Rhetorik Im Alltagsbetrieb versucht Wagner explizit, nicht im Mittelpunkt zu stehen. Er lobt immer die anderen: Die Spieler, die sich bei der Ausarbeitung des Matchplans einbringen, das Nachwuchsleistungszentrum, das die Talente Noahkai Banks und Mert Kömür zur Bundesligareife führte, Sportdirektor Weber, der aus der Schweiz den HSV-Bezwinger Anton Kade holte. Sogar für einen örtlichen Journalisten hatte er Schmeichelndes im Repertoire: „Sie haben sicher auch Sport getrieben, denn Sie sehen sportlich aus, wenn ich das sagen darf.“ Doch seine spezielle Rhetorik macht aus jeder FC-Augsburg- eine Sandro-Wagner-Geschichte. Seine junge Abwehrreihe nennt er „Babyriegel“, und es geht bei ihm nie ohne absurde Zahlen. Für ein Spiel habe er „8000 Ideen“, sagte er, bei der Beschreibung eines Dortmunder Schusses, der in seinem Team eine Fehlreaktion auslöste, begann er bei 118 Kilometern pro Stunde und steigerte sich über die diversen Interviews hinweg auf „Der Schuss kommt mit 600 km/h“. Seine missglückteste Aussage vom nicht bestehenden Qualitätsunterschied zwischen Augsburg und dem FC Bayern München hat er inzwischen als Fehler identifiziert: „Da fehlte ein erklärender Halbsatz.“ Seit er nach dem Sieg gegen Wolfsburg eine schnippische Geste Richtung Tribüne machte, wird auch Wagners Art des Abgangs beim Schlusspfiff seziert. Nach dem 1:0 gegen Hamburg verschwand er Absatz kehrt in der Kabine. Er wolle sich dort „mit den Physios, den Zeugwarten und Köchen, die viel in den Tag investieren, freuen, sie umarmen“. Vor die Fankurve treten will er nur nach Niederlagen, „nach Siegen sollte nicht der Trainer im Fokus stehen, sondern die Spieler“. Allerdings hat Wagner die unangenehme Präsenz nach verlorenen Spielen auch schon vermieden – und sich damit Kritik eingehandelt. Am Dienstagabend wird er mit der Stimmung im Verein konfrontiert werden. Es ist ein Pflichttermin für Mannschaft und Trainer.