FAZ 08.12.2025
12:05 Uhr

Aufgabe für Urs Fischer: Ein Berg voller Mainzer Probleme


Urs Fischer übernimmt Mainz 05 in schwieriger Lage. Der erfahrene Trainer muss seine neue Mannschaft wieder aufbauen und ihre Defensive stabilisieren.

Aufgabe für Urs Fischer: Ein Berg voller Mainzer Probleme

Die Zeiten, in denen der Trainer eine Stunde vor Spielbeginn in die Kurve läuft, um die Fans anzufeuern, sind vorbei. In Urs Fischer hat der FSV Mainz 05 bewusst einen ganz anderen Trainertyp verpflichtet als Bo Henriksen. Das ist gut so, weil jeder Versuch, den impulsiven Dänen durch eine Version 2.0 zu ersetzen, nicht funktioniert hätte. Was das Original nicht mehr hinbekommt, gelingt auch der Kopie nicht. Jetzt also Fischer, der in Interviews so bedächtig rüberkommt, wie man sich einen Schweizer vorstellt, seit der Kabarettist Emil Steinberger auf deutschen Bühnen unterwegs ist. Der 59-Jährige wird gut abgewogen haben, welche Chancen und Risiken der Job am Bruchweg birgt. Fürs Erste steht er vor einem „Monte Scherbelino“ – in den vergangenen Wochen präsentierte sich die Mannschaft zunehmend als Trümmerhaufen; die Erfolge in der Conference League vermochten dies nicht zu vertuschen. Beim 0:1 gegen Borussia Mönchengladbach traten die Mainzer zwar nicht mehr so desolat auf wie eine Woche zuvor in Freiburg, doch auch an diesem Abend wurde deutlich, wie weit die meisten Stammkräfte von ihrer Verfassung der vorigen Saison entfernt sind. Nadiem Amiri zum Beispiel: Seine beste Szene war ein sauberes Tackling gegen Rocco Reitz am eigenen Strafraum. Phillipp Mwene auf der Außenbahn: bemüht und dennoch ein Schatten seiner selbst. Andreas Hanche-Olsen, Eigentorschütze beim 1:1 gegen Hoffenheim, hätte um ein Haar ein Gegentor aufgelegt. Einzig Kaishu Sano bewies unter den alten wichtigen Spielern ansteigende Form. Verlernt haben werden die Profis das Fußballspielen nicht. Nach und nach jedoch hat sich bei manchen das Selbstbewusstsein in Richtung Grasnarbe bewegt. Sie wieder aufzubauen, wird eine Aufgabe des neuen Trainers sein, die Defensive zu stabilisieren, eine zweite. Dafür und für alles Weitere wird er auch neues Personal benö­tigen. Keine Perspektivspieler, die ­haben die 05er zur Genüge. Sondern gestandene Spieler für Abwehr, Mittelfeld und Sturm, schnell zu sein wäre kein Ausschlusskriterium. Man hätte es Fischer nicht verübeln können, wäre er erst zum neuen Jahr nach Mainz gekommen, um mit einem verstärkten Kader zu arbeiten. Jetzt läuft er Gefahr, vor Weihnachten bei entsprechend negativen Ergebnissen, die angesichts des Programms nicht ausgeschlossen werden können, an Überzeugungskraft zu verlieren. Dass er den Job trotzdem schon jetzt annimmt, spricht für sein eigenes Selbstbewusstsein und den Glauben, die Mannschaft schon jetzt wieder auf Vordermann zu bekommen. Mit einem Pfund wird er wohl wuchern können: „Die Mannschaft ist korrekt und total intakt“, sagt Benjamin Hoffmann, der Interimstrainer für ein Spiel. „Ich habe sie als harmonisch erlebt, als gewillt, den Bock umzuschmeißen, die Spieler puschen sich gegenseitig.“ Das ist zumindest eine Grundlage, auf der sich arbeiten lässt.