FAZ 25.01.2026
09:30 Uhr

Aufarbeitung der Brandkatastrophe: In Crans-Montana hat das System Schweiz versagt


Die Brandkatastrophe in Crans-Montana legt Dilettantismus und Vetternwirtschaft im System der Schweiz offen. Die Opfer verdienen jetzt eine schonungslose Aufklärung.

Aufarbeitung der Brandkatastrophe: In Crans-Montana hat das System Schweiz versagt

Auch Wochen nach dem Inferno in Crans-Montana blickt die Welt fassungslos auf die Schweiz. Es war keine Naturgewalt, wie sie der Bergkanton Wallis schon oft erlebt hat, die in der Silvesternacht 40 junge Menschen aus dem Leben gerissen und 116 zumeist schwer verletzt hat, sondern menschliches und institutionelles Versagen. Das Feuer in der Bar „Constellation“ wäre nicht ausgebrochen, wenn deren Besitzer die Brandschutzvorschriften eingehalten hätten: Indem sie leicht entflammbare Schaumstoffmatten an die Decke klebten, bereiteten sie den Weg ins Verderben. Eine gehörige Mitschuld trägt aber auch die Gemeinde Crans-Montana, weil sie es jahrelang unterließ, die vorgeschriebenen Brandschutzkontrollen vorzunehmen. Geballte Inkompetenz offenbart zudem der Kanton Wallis: Dessen heillos überforderte Staatsanwaltschaft stolpert in den Ermittlungen von Panne zu Panne. Die oberste Staatsebene der Schweiz, der Bund, hat sich im Umgang mit dieser Tragödie, die den Ruf der Eidgenossenschaft im Ausland schwer zu beschädigen droht, bisher ebenfalls nicht positiv hervorgetan. Überraschend ist all dies nicht. Es ist das Ergebnis fundamentaler Schwächen im politischen System der Schweiz. Die Schweizer Regierung hält nur einen einzigen Trumpf In Crans-Montana hatte sich die Bevölkerung im Jahr 2020 gegen die Einrichtung eines Gemeindeparlaments entschieden, das dem Gemeinderat auf die Finger schaut und zum Beispiel durch einen Sicherheitsausschuss die Kontrolllücken hätte entdecken können. Die gleichzeitig deutlich verkleinerte Exekutive muss sich nur dreimal im Jahr einer Bürgerversammlung stellen, die kein wirksames Korrektiv darstellt: Walliser Berggemeinden sind berüchtigt für ihre Vetternwirtschaft. Man lebt vom Tourismus und von der Bauwirtschaft, der man zum gemeinsamen Vorteil möglichst keine Steine in den Weg legt. Teure Bau- und Brandschutzvorschriften stören da nur. Der Kanton Wallis wiederum hat seine Aufsichtspflicht gegenüber der Gemeinde Crans-Montana vernachlässigt und bietet eine dilettantisch agierende, unterbesetzte Staatsanwaltschaft auf. Sie steckte den Barbetreiber Jacques Moretti trotz Verdunklungsgefahr erst nach neun Tagen in U-Haft – aus der er am Freitag schon wieder entlassen wurde –, beschlagnahmte zunächst sein Handy nicht und vergaß, die Obduktion der Opfer anzuordnen, die wichtige Hinweise zur Schuldfrage hätte liefern können. Die Generalstaatsanwältin trat mehrfach gemeinsam mit Gemeinde- und Kantonsvertretern vor die Presse, obschon sie Abstand zu jenen Behörden wahren müsste, gegen die sie nun zu ermitteln hat. Statt die Unterlagen zu den Brandschutzkontrollen eigenhändig zu sichern, ließ man sich diese durch die Gemeindeverwaltung zusammenstellen. Dieses Vorgehen führt exemplarisch vor Augen, dass die Gewaltenteilung in der Schweiz nicht denselben Stellenwert hat wie in anderen demokratischen Staaten. Es schürt zudem das begründete Misstrauen der Hinterbliebenen und Angehörigen, die auf eine schnelle und schonungslose Aufklärung pochen. In Italien, das um sechs junge Todesopfer trauert, erinnert man jetzt an die Katastrophe beim Bau des Mattmark-Staudamms vor 60 Jahren. Damals brach ein Gletscher ab und begrub 88 Menschen unter sich, unter ihnen viele italienische Gastarbeiter. Obwohl die Projektverantwortlichen seinerzeit von der Gefahr wussten, der die unterhalb des Gletschers installierten Bauarbeiterbaracken ausgesetzt waren, sprachen die Walliser Richter sie vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei. Damals wie heute sind die Richter in der Schweiz Teil des politischen Systems. Wer eine Stelle an den oberen Gerichten von Bund und Kantonen ergattern will, muss zwingend Mitglied einer Partei sein und von dieser für das Amt nominiert werden. Je stärker eine Partei im Parlament vertreten ist, umso mehr eigene Richter kann sie berufen. Im Wallis, wo seit jeher die katholisch geprägte Christdemokratische Volkspartei (heute „Die Mitte“) dominiert, stärkt dies den Filz von Politik und Justiz. Wird also wieder nichts geschehen? Es ist Zeit, dass die Schweizer Regierung den einzigen Trumpf zieht, den sie hält: Geld. Sie sollte eine großzügige und unbürokratische Entschädigung der Opfer der Katastrophe und ihrer Angehörigen in die Wege leiten – gekoppelt an die Bedingung, dass die Walliser Behörden die Aufklärung des heiklen Falls in die Hände eines unparteiischen, erfahrenen außerkantonalen Staatsanwalts legen. In der Schweiz öffnet Geld traditionell Türen und lässt so manchen föderalen Stolz vergessen. Eine solche Entschädigung könnte zugleich auch die Wogen der Wut glätten, die der Schweiz jetzt nicht nur aus Italien entgegenschlagen. Andernfalls droht der Gemeinde Crans-Montana und dem Wallis eine Klagewelle, die viele Jahre für Schlagzeilen sorgen würde – mit ungewissem Ausgang.