FAZ 18.01.2026
11:45 Uhr

Auf zum Langlauf: In der Abwechslung liegt die Anziehungskraft


So was schätzen nicht nur Olympiasieger: Unterwegs auf der Grenzlandloipe von Balderschwang nach Hittisau mit einer Langläuferin, die sich auskennt.

Auf zum Langlauf: In der Abwechslung liegt die Anziehungskraft
Bundeskanzler Friedrich Merz lässt über seinen Regierungssprecher ausrichten, Deutschland werde zu gegebener Zeit über Reaktionen auf die Ankündigung von Donald Trump entscheiden. Man stimme sich eng mit den europäischen Partnern ab. (Foto: Bernd Thissen/dpa)

Die Wolken hängen tief. Das stumpfe Weiß der weitläufigen Almwiesen zieht sich vom Bach bis zum Waldrand. In einer großen Schleife führt die Loipe durch die Stille der Scheuenalpe. In der Mitte steht ein Stall, Fenster und Türen sind winterfest verrammelt. Ein paar einzelne Tannen sind dekorativ über das kupierte Schneefeld verteilt. Gleich ist der höchste Punkt des langen Anstiegs erreicht. Vorher kommt ein kurzer, jäher Stich. Ein Mann kämpft darum, aus geringem Tempo nicht in den völligen Stillstand zu geraten. Eine zierliche Frau nimmt das Hindernis im Gelände mit ein paar eleganten Schritten, ihre Bewegungen vereinen Kraft und Leichtigkeit. Oben sagt sie locker: „Im Rennen war die Taktik an solchen Stellen so: An der Spitze laufen. Unten Tempo rausnehmen – dann müssen alle anderen bremsen. Und dann hochspringen, um eine Lücke zum Feld zu reißen.“ „Ich mag’s ja lieber steil“ Evi Sachenbacher-Stehle hat als Langläuferin zwei olympische Goldmedaillen gewonnen. Mittlerweile ist sie Mutter von zwei Kindern und lebt im Allgäu. Sie liebt ihren Sport noch immer, heute läuft sie auf der Grenzlandloipe. Diese führt von Balderschwang nach Hittisau. Balderschwang liegt in Bayern, also Deutschland, Hittisau in Vorarlberg, das zu Österreich gehört. Wer die ganze Loipe läuft, kommt auf 41 Kilometer. Evi Sachenbacher-Stehle erinnert sich an einige Trainingslager in Balderschwang. Die höchste Gemeinde Bayerns liegt 1044 Meter hoch. „Manchmal sind die Autos unter dem Schnee verschwunden. Hier mussten wir in langen Trainingseinheiten nicht unzählige Runden auf einer Zweieinhalb-Kilometer-Spur abspulen. Mir hat die Abwechslung der Grenzlandloipe getaugt.“ Auf der Hinteren Scheuenalpe ist der höchste Punkt erreicht, 1121 Meter. In weiten Kurven geht es leicht bergab. Keine Straße, an der man abschnallen muss. Die Brücke über den Bach ist mit einem Fangzaun in Orange gesichert. Ein Wochenendhaus bekennt sich zu Bayern, die Läden sind weiß-blau gestrichen. Dann ändert sich die Landschaft kolossal: Ringsum stehen schüttere Birken, links plätschert die Bolgenach, dann führt die Spur in den Wald. „Ich mag’s ja lieber steil“, sagt die Olympiasiegerin, „aber dieses Flachstück gefällt mir. Da bin ich allein in der Natur unterwegs.“ Bevor die Loipe an der Schelpenalpe einen Lift mit Abfahrtspiste kreuzt, muss sie sich verabschieden. Wenn die Kinder aus der Grundschule kommen, will sie zu Hause sein. Vorher zeigt sie auf ihrem Telefon noch ein kurzes Video: Mit ihren beiden Töchtern ist sie an dem steilen Stich auf der Scheuenalpe neben der Spur im Tiefschnee abgefahren. „Man muss für die Kinder eine Gaudi einbauen“, sagt sie fröhlich. Am Ende stürzen die beiden. „Aber das ist nicht schlimm“, sagt die Mutter gelassen. Mit Schneeketten oder über die Landesgrenze Balderschwang ist erst seit 1961 über eine Straße mit Deutschland verbunden. Der Riedbergpass führt hinauf auf 1407 Meter und dann hinunter Richtung Oberstdorf. „Wenn man auf dem Pass Schneeketten braucht, schicken wir unseren Gästen vor der Anreise eine SMS, dass sie besser über Österreich kommen“, sagt Marc Traubel. Er führt in dritter Generation das Hotel Hubertus. Sein Großvater eröffnete 1951 gegenüber der Kirche eine bescheidene Wirtschaft, in dem kleinen Häuschen hatte auch der Schuhmacher seine Werkstatt. Der Vater machte daraus ein Hotel mit 66 Zimmern. Marc Traubel, Jahrgang 1982, wollte seinen Sohn über die Grenze nach Sibratsgfäll in den Waldkindergarten schicken. Seine Frau war dagegen. „Sie stammt aus Norddeutschland und hatte Sorge, dass sie ihr eigenes Kind nicht mehr versteht.“ Hinter den paar Häusern von Schlipfhalden kommt die Grenze. Weder Schlagbaum noch Zöllner bremsen. Neben einer Kapelle ragt ein Fels wie ein Hinkelstein aus dem Schnee. Er zeigt das merkwürdige Gestein, das die Geologen Nagelfluh nennen: Kleine Kieselsteine sind wie mit natürlichem Beton verbacken. Langsam reißt der Himmel auf. Die Gipfel am Horizont gehören zur Nagelfluhkette. Unter dem Schnee sieht der Fels dieser Berge anscheinend genauso aus. Das schönste Stück der Grenzlandloipe kommt jetzt. Über weite Almwiesen geht es perfekt bergab. Nicht zu steil, ohne schwierige Kurven, die Ski gleiten wie auf Schienen. Der Geschwindigkeitsrausch des Langläufers endet erst, als die Loipe unter der Straße hindurch zur Bolgenach führt. Am schmalen Ufer beginnt ein fieser Gegenanstieg. Dieses Hindernis, das nach der langen Abfahrt unerwartet kommt, endet an einem Bauernhof. Dann geht’s zwar wieder abwärts, aber der Hang hängt gemein nach rechts. Vorbei an einem Sägewerk mit gewaltigem Holzlager. Die Wiesen werden flach und die Häuser anmutiger. Ein freundliches Plateau öffnet sich, der Zwiebelkirchturm gibt dem Dorf Hittisau sein Gesicht. Links vom Ziel steht ein Hotel mit einem merkwürdigen Wappenschild. Über den Sprossenfenstern hängt weder Hirsch noch Ochse oder Adler, sondern ein goldenes Segel. Dieses erzählt von verschobenen Grenzen. Jakob Mennel aus Hittisau diente zu Kaisers Zeiten in der Österreichischen Marine. Nach der Rückkehr in den Bregenzerwald eröffnete er 1840 ein Gasthaus. Die Leute aus dem Dorf gaben diesem den Übernamen „Das Schiff“. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Österreich seinen Mittelmeerhafen Triest, fortan brauchte das Land keine Marine mehr. Und die Vorarlberger fragten sich, warum sie eigentlich noch zu Österreich gehören sollten. In der Volksabstimmung von 1919 wollten 80 Prozent zur Schweiz. Aber die Eidgenossen zierten sich, die Vorarlberger wurden als „Kanton Übrig“ verspottet und weiterhin aus Wien regiert. Im „Schiff“ zeigt sich auf großartige Weise, wie sich heute mit Holz bauen lässt. Das Stammhaus mit der verschindelten Fassade hat einen modernen Anbau bekommen. Weil dieser gläserne Kubus aber wie die Faust auf das Auge des Dorfs geschlagen hätte, wurde er mit horizontalen Holzlamellen verkleidet. Drinnen befindet sich ein Restaurant, von dem sich schwer sagen lässt, was mehr begeistert: das Lamm mit Grieß und grünem Spargel oder der Tisch, auf dem dieses Gericht serviert wird. In der Platte aus hellem Vollholz sind die Beine in meisterhafter Schreinerarbeit verzapft. Es ist schön, dass kein Tischtuch aufgelegt wurde. Hinterher gibt’s Käse aus dem Bregenzerwald. Die runden Laibe reifen im Keller neben dem Wein. Holz ist Kunst Antonie Metzler, die das Hotel gemeinsam mit ihrer Schwägerin führt, hat vor 30 Jahren aus Bayern hierher geheiratet. „Ich fühle mich aufgehoben im Bregenzerwald“, sagt sie, „die Leute sind stolz auf ihre Tradition. Aber sie sind auch innovativ.“ Das „Schiff“ hat neben dem neuen Restaurant im Glaskubus die alte Stube mit der niedrigen Decke und den vertäfelten Wänden behalten. Der unverschnörkelte Tresen am Empfang scheint auf einem Bein zu schweben. Er stammt wie die modernen Möbel in den Zimmern aus der Werkstatt am Ortsrand. Der Schreiner Markus Faißt führt dort stolz in sein Holzlagerhaus. In einer großen Halle altern seine Bretter. Bergahorn, Ulme und Esche, alles aus dem Bregenzer Wald, im Winter nach dem Mondkalender geschlagen. Der strenge Mann erzählt von den Barockbaumeistern aus dem Bregenzerwald, die in den reichen Städten Augsburg und St. Gallen ihre Spuren hinterlassen haben. Und von den Holzhandwerkern, die seit Jahrhunderten die Höfe der Bauern in dieser Gegend gebaut haben. „In Bayern und Tirol galten dicke Balken als Statussymbole. Wir waren nie reich – bei uns fielen die Höfe nüchterner aus, fast schon protestantisch.“ Faißt schwärmt von der Renaissance, die der Holzbau seit vier Jahrzehnten im Bregenzerwald erlebt. Die neue Formensprache wirkt frisch und zeitgenössisch, aber nicht modisch. Es brauchte Zeit, bis die Pioniere unter den Architekten sich durchsetzen konnten. „Der Tourismus war ein Hort des Widerstands. Die Hoteliers wollten alpenländische Klischees“, so Faißt. Er freut sich, dass sein Gestaltungswille mittlerweile Anerkennung findet. „Wir sind keine Erfüllungsgehilfen der Architekten“, sagt er selbstbewusst, „wir arbeiten auf Augenhöhe.“ Was bedeutet die Grenze, die sich auf Skiern schrankenlos passieren lässt, für seine Arbeit? Der Holzbaumeister zeigt Richtung Bayern, lächelt ironisch und sagt: „Draußen hab ich nicht viele Kunden. Erst wieder in München.“