Die Storulvån Fjällstation ist eine sonderbare Berghütte. Auf dem Parkplatz steht ein Reisebus, Touristen ziehen Rollkoffer durch Schnee und Eis. Im Laden neben der Rezeption ist von Köttbullar in Dosen über Bambus-Zahnbürsten bis zum Rentierfell alles zu kaufen. Am Büfett neben dem Kamin, der zugleich Kletterwand ist, laden sich Gäste Elchbuletten und Kartoffelgratin auf die Teller, als Dessert gibt’s Waffeln mit Sahne und Moltebeeren. Und auf der weitläufigen Galerie darüber fläzt man sich auf Sofa oder Sessel, nimmt sich ein Buch aus dem Regal – oder schaut einfach durch die Panoramafenster hinaus in die weiße Wildnis. Dieser hotelhafte Komfort ist der Grund, warum das Jämtland-Dreieck heute eine der beliebtesten Wanderungen Schwedens ist. Auf der dreitägigen Tour übernachtet man stets in Fjällstationen mit Sauna, der Startpunkt Storulvån ist einfach per Nachtzug und Bus zu erreichen. Entsprechend überlaufen ist der Weg mittlerweile im Sommer – zumindest nach skandinavischen Maßstäben. Es geht ums Zwiebelprinzip Im Winter ist es einsamer. Warum, lässt schon die Ausrüstung für die kommenden drei Tage ahnen, welche die Guides auf Tischen ausgebreitet haben: Felle für die Skier und Schneeschaufel, dicke Handschuhe und ein ominöser Windsack. „Werden wir alles brauchen“, sagt Erik Waltrén. Und Agnes Bohlin erklärt zur Sicherheit noch mal das Zwiebelprinzip: lange Wollunterwäsche, darüber mehrere Schichten und eine wasserdichte Jacke. Zwei Lagen Socken sollen Blasen verhindern, zudem gilt: Füße tapen ist Pflicht! Die ernsthafte Fürsorge der jungen Guides wirkt rührend. Waltrén, 24, trägt einen Hipster-Schnurrbart; Bohlin, 21, sieht mit ihren geflochtenen, blonden Zöpfen auf wie eine Wikinger-Schildmaid. Beide stammen aus Südschweden, so wie die meisten ihrer zehn Gäste, die das Rundum-sorglos-Paket gebucht haben. Manche sind erfahrene Skifahrer, andere haben hier einen Winter zuvor einen Anfängerkurs gemacht. Auf Tagesausflügen lernten sie Karte und Kompass zu nutzen und eine Schneehöhle zu bauen, für Notfälle. Mit Blick auf das harmlose Höhenprofil der Tour könnte man so viel Vorsicht belächeln. Doch was weiß man als Mitteleuropäer schon übers Turskidåkning? Oder übers kapriziöse arktische Wetter? Selbst die Langlaufskier mit Stahlkante, unter die sich in der Mitte kurze Felle für steile Anstiege kleben lassen, sind hierzulande unbekannt. Und spätestens bei der Übung, wie man auf der Abfahrt bei allzu rasantem Tempo kontrolliert zur Seite stürzt, lernt jeder Demut. Auf der ersten Etappe werden wir diese Tricks noch nicht brauchen. Zwölf Kilometer weit geht es sanft bergauf. „Vergesst nicht Brownies und Kaffee in der Thermoskanne“, sagt Waltrén vor dem Start. „Wir wollen eine Fika machen, das ist wichtig.“ Die Kaffeepause mit Gebäck ist den Schweden auch in der Wildnis heilig. Wobei rund um die Hütte alles noch recht erschlossen wirkt. Skibergsteiger erklimmen die Hänge des 1382 Meter hohen Hausbergs Getryggen, Spaziergänger mit Hunden kommen entgegen. Bald aber gleiten wir allein entlang der roten Andreaskreuze ein weites Hochtal hinauf. Die Berge zu beiden Seiten wurden von Gletschern abgeschmirgelt, ihre einst viel höheren Gipfel sind nun sanfte Buckel. Vereinzelt ragen kahle Birken aus dem Schnee, deren Stämme mit schwarzen Flechten verkrustet sind. Die Flechten wachsen nur oberhalb des Schnees, wie ein Hochwasserpegel zeigen sie die maximale Schneehöhe an. In diesem ungewöhnlich warmen, trockenen Winter liegen sie einen halben Meter über dem Schnee, auf den Felskuppen sind grünbraune Heidepolster entblößt. Eine Pulka für alle Fälle Die Guides halten die Gruppe zusammen, abwechselnd ziehen sie mit Hüftgurt und Gestänge den rund 15 Kilo schweren Schlitten. Der ursprünglich bootsähnliche Pulka stammt von den Sami, die Ureinwohner Nordschwedens ließen ihn meist von Rentieren ziehen. Bergab schiebe er ein wenig, erklärt Bohlin, und sie müsse mehr auf ihre Balance achten. Aber das gleiche Gewicht im Rucksack zu tragen, wäre anstrengender. Zudem lasse sich auf dem Pulka auch ein Verletzter transportieren – oder ein Zelt und dicke Schlafsäcke. Es beginnt zu regnen, kurz darauf bläst uns kalter Gegenwind ins Gesicht. Die Gespräche ebben ab, alle schalten in den Survival-Modus. „Wind ist hier normal“, sagt Waltrén, genau deshalb liebe ein Skisurf-Enthusiast aus dem nahen Åre diese Berge. Wir sind weniger begeistert. Mit gesenktem Kopf und Kapuze über der Skibrille schlurfen wir schweigend durchs milchige Weiß bergan. Bis plötzlich eine winzige Hütte im arktischen Niemandsland steht. Ein kluger Wohltäter hat sie ziemlich genau in die Mitte der Tagesstrecke gesetzt, ihr Name Ulvåtjärn ist neben der Tür ins Holz geschnitzt. Im Innern stehen Pritschen und ein Ofen, ein Schild belehrt allerdings, dass die Hütte nur für Pausen gedacht ist. Ein Feuer entzünden und übernachten dürfe man nur im Notfall. Abseits des Sommerwege Doch allein der Windschutz ist ein Geschenk. Wir packen belegte Brötchen aus und rücken zusammen. Zu zwölft wird es eng, die gut gelaunten Mitwanderer zitieren ein schwedisches Sprichwort: „Wenn du Platz im Herzen hast, dann hast du auch Platz für den Hintern.“ Für den Winterweg haben Planer die flachste Route gewählt, teilweise verläuft er ein Stück abseits des Sommerwegs. Die letzten zwei Stunden aber geht es gleichmäßig bergauf. Mangels Aussicht zieht sich der Marsch durchs konturlose Weiß. Eine Frau, die immer wieder zurückfällt, lädt ihren Rucksack in den Schlitten. Die erlösende Blåhammaren Fjällstation sitzt auf einer Anhöhe. Hinter der Tür steht eine Kanne mit warmem Erdbeersaft bereit, die klammen Klamotten hängen wir in den Trockenraum. Und bald darauf sitzen wir in der Sauna und sehen durchs Bullaugen-Fenster Schneeschwaden zwischen den Birken hindurchwirbeln. „Ah, heute war es nicht besonders windig“, sagt der Hüttenwart am Abend. Wie ernsthaft die Schneestürme hier werden, lehrt die Geschichte der Armee von König Karl XII. Nachdem der kriegslüsterne Monarch erschossen worden war (angeblich von eigenen Soldaten), zogen 10.000 Mann im Januar 1719 durch diese Berge zurück von Norwegen nach Schweden. Mehr als 3000 erfroren. Dankbar für die gute neue Zeit sitzen wir in der warmen Stube mit dem gemauerten Kamin und essen Rentiereintopf mit Kartoffelpüree und Preiselbeeren, vorgekocht in Storulvån und aufgewärmt von den Guides. In der Küche nebenan wurde früher fürs Hüttenrestaurant gebrutzelt, seit 2024 aber ist es geschlossen. Zudem wurde ein Flügel abgerissen und so die Zahl der Betten halbiert. In der Sylarna Fjällstation wird das Restaurant 2028 schließen, auch dort wurde die Bettenzahl verringert. Und in der Gåsen-Hütte wurden sogar alle Betten entfernt, seit Anfang 2024 dürfen Wanderer nur noch in Notfällen übernachten. Die Hütten werden vom Wanderverein Svenska Turistföreningen (STF) betrieben, stehen aber auf staatlichem Land. Als die Pacht auslief, stellten die Behörden Bedingungen für eine Verlängerung. Denn seit einigen Jahren ziehen immer mehr Wanderer über die uralten Weidegründe der Sami und scheuchen ihre Rentiere auf. Noch schlimmer dürfte das Röhren der Schneemobile sein, die Vorräte für die Restaurants liefern. Nur die Storulvån Fjällstation bleibt vorerst unverändert, ihr Land gehört dem STF. Aber im April, wenn die Kälber geboren werden und die Rentiere besonders verletzlich sind, verzichtet der Verein nun auf geführte Skitouren und chauffiert Gäste nicht mehr nach Sylarna. Die Interessenkonflikte zwischen Rentierzüchtern und Touristen sind ein heikles, hitzig diskutiertes Thema in Schweden. Früher hätten der STF und die Sami-Verbände kaum miteinander gesprochen, erzählen Mitwanderer. Nun handeln sie endlich Kompromisse aus. Schwieriges Abwägen steht auch uns bevor. Die Wettervorhersage hat sich derart verdüstert, dass die Guides zum Gespräch bitten. In zwei Tagen ist ein heftiger Schneesturm angekündigt. „Wir würden über Stunden nichts als die Spitzen unserer Skier sehen“, sagt Waltrén. „Ich könnte nicht schlafen und würde die ganze Nacht überlegen, was alles schiefgehen kann.“ Und im schlimmsten Fall wären wir zwei Tage auf der Sylarna-Hütte gefangen. Am nächsten Morgen könnte man all das für übertriebene Bedenkenträgerei halten. Als wir vor der Blåhammaren-Hütte losgleiten, strahlt die Sonne vom stahlblauen Himmel, die Mitwanderer werfen lange Schatten auf die glänzende Eiskruste. Nur über den Bergen in der Ferne, die aussehen wie Belugawale im Weißen Meer, hängen Wolken. Dort ist Sylarna, das südlichste Hochgebirge Schwedens. Sein höchster Gipfel, der 1762 Meter hohe Storsylen, liegt schon jenseits der Grenze in Norwegen. Natürlich ist es enttäuschend, die Hütte zu Füßen dieser bildschönen Berge nicht zu sehen. Aber nachdem wir uns gemeinsam für die verkürzte Runde entschieden haben, wirken alle gelöst – zumal es bald nur noch bergab geht. Wer einigermaßen sicher auf den Skiern steht, kann sie einfach laufen lassen und die Aussicht über das arktische Ebenbild einer Savanne genießen. Und wer die Telemark-Technik beherrscht wie Waltrén, kann auf den weichen, untaillierten Skiern sogar elegant kurven. Nach ein paar Versuchen muss man sagen: sieht einfacher aus, als es ist. Kurz hinter einem Unterstand biegen die Guides links vom breit ausgetretenen Weg ab. Wir gleiten zwischen Hügeln hindurch und queren die Spur eines Rentiers, irgendwo ruft schnarrend ein Schneehuhn. „Hier war ich auch noch nie“, sagt Waltrén. Die Fernsicht übers Fjäll und einen türkisen Bach im Schneebett ist phantastisch. Und als der Wind wie angekündigt auffrischt, zeigen die Guides auch endlich, wie man sich mithilfe des Windsacks eine gemütliche Instant-Höhle baut: zuerst einen Graben für die Beine schaufeln, in den Sack schlüpfen (bei Sturm der weitaus schwierigste Schritt), die Isomatte zwischen Hintern und Windsack bugsieren und schließlich die Rucksäcke vor die Knie klemmen. Und wofür das alles? Natürlich für die Fika!
