Wie tief die Taschen der Anleger am Anleihemarkt sind, haben die vergangenen Wochen gezeigt. In der Summe 90 Milliarden Dollar haben die großen Techkonzerne mit neuen Anleihen aufgenommen. Allein der Facebook-Konzern Meta kam auf 30 Milliarden Dollar. Mühsam war es nicht, an das Geld zu kommen. Die Anleger gaben Gebote für 125 Milliarden Dollar ab. „Gläubiger geben immer am liebsten denjenigen Geld, die es eigentlich gar nicht brauchen“, sagt John Petersen, Anleihe-Fondsmanager des Vermögensverwalters Eyb & Wallwitz. Ihm macht der Schuldenboom der großen Techunternehmen daher keine Sorgen. „Die meisten Big-Techs haben netto keine Schulden. Ihre Kasse ist größer als die neuen Anleihen.“ Warum sie dann trotzdem Geld am Anleihemarkt aufnehmen und dafür Zinsen an die Gläubiger zahlen? Zum einen sichern sie sich langfristig Geldmittel. Meta hat Anleihen mit einer Laufzeit von vierzig Jahren begeben. Günstig für Unternehmen, nicht unbedingt für Anleger Sie nutzen zudem die Gunst der Stunde, in der KI-Investitionen allseits als sehr sinnvoll erachtet werden und das Ansehen der großen Techunternehmen an den Kapitalmärkten hoch ist. Petersen investiert aber in der Regel nicht in neue Anleihen. „Unternehmen bringen meist dann Neuemissionen an den Markt, wenn es für sie selbst der interessanteste Zeitpunkt ist, und damit nicht unbedingt für den Anleger.“ Selektiv greift er dennoch zu, so zum Beispiel bei einer der neuen Alphabet-Anleihen, die in Euro begeben wurde. In den Fonds mischt er ungefähr ein Drittel Unternehmensanleihen guter Bonität, ein Drittel Staatsanleihen und ein Drittel Hochzinsanleihen. Dass der Anleihefonds „Phaidros Funds Kairos Anleihen“ von Eyb & Wallwitz in den vergangenen drei Jahren jährlich rund neun Prozent Rendite generierte, liegt vor allem an der dritten Kategorie. Da leben sich Fondsmanager wie Petersen aus und nutzen ihre Expertise. „Das ist eben jener Bereich, in dem Unternehmen in kompetitiveren und kapitalintensiveren Sektoren unterwegs sind, die regelmäßig Kapital benötigen“, beschreibt der Anleihefachmann das herausfordernde Umfeld in einigen Branchen. „Das erhöhte Risiko wird dafür teils sehr attraktiv entlohnt.“ Ineos Quattro mit 13 Prozent Rendite Vorausgesetzt ist eine tiefe Analyse, um den Zustand und die Aussichten für das Unternehmen zu bewerten. „In den BB-Rating-Bereich trauen sich fast alle, aber ein B oder, Gott bewahre, ein gut bezahltes CCC, das macht fast keiner.“ Petersen traut sich das zu und hat auch keine Angst, vor Unternehmensinsolvenzen. „Wenn ich eine Anleihe zu Kursen von 60 Prozent kaufe, und bekomme nach der Restrukturierung 90 Prozent, dann ist das eine gute Geldanlage.“ Er nennt es die Titel mit Igitt-Faktoren. „Wir sind zum Beispiel in Ineos Quattro investiert, ein britischer Spezialchemiekonzern, gegründet von Sir Jim Ratcliffe, Miteigentümer von Manchester United“, sagt Petersen. „In dem Sektor geht große Angst um, die Renditen der Anleihen betragen mehr als 13 Prozent, für ein Unternehmen mit guter Liquidität und zuletzt auch wieder positivem Cashflow.“ Petersen mag solche Unternehmen: „Sie sind gezwungenermaßen gläubigerfreundlicher als aktionärsfreundlich.“ Oracle wird kritisch betrachtet Weil das längst nicht überall so ist, schauen die Anleger unter den Big-Tech-Anleihen zum Beispiel besonders kritisch auf Oracle. Die hatten in früheren Jahren vor der Zinswende auch Anleihen begeben, um damit hohe Dividenden an die Aktionäre ausschütten zu können und Aktien zurückzukaufen. Gleichwohl waren die Gläubiger auch nun zu Oracle großzügig und stellten im September 18 Milliarden Dollar für KI-Investitionen bereit. Petersen findet andere Rendite-Risiko-Profile attraktiver. Den US-Dollar mag er derzeit ohnehin nicht. „Überall wird derzeit kritisch auf hohe Staatsschulden geschaut, in den Vereinigten Staaten spielt das aber nur eine tertiäre Rolle, da spiegeln die Renditen auch von Unternehmensanleihen aus unserer Sicht nicht das Dollar-Risiko.“ Andere Währungsräume schätzt er attraktiver ein wie Japan oder, seit Trumps „Liberation Day“, auch Zollgewinner in Südostasien wie Singapur oder Indonesien. Auch der brasilianische Real gefällt ihm, und der australische Dollar. In Australien gibt es zudem interessante defensive Unternehmen. „Transurban ist dort ein Mautstraßenbetreiber, das ist ein sehr solider Anleihe-Schuldner“, sagt der Fondsmanager. Oder in Europa auch Amprion , der deutsche Stromnetzbetreiber. Unter den Staatsanleihen investiert Petersen in Frankreich: „Die höheren Renditen haben wir zum Anlass genommen nachzukaufen. Frankreich ist die Eurozone. Eine Schuldenkrise in Frankreich würde auf die ganze Währungsunion ausstrahlen. Deswegen schätzen wir das Risiko nicht so viel höher ein gegenüber anderen Eurostaatsanleihen, wie es der Markt derzeit tut mit 0,7 bis 0,8 Prozentpunkten höheren Renditen als Deutschland.“ Auch die Risikoaufschläge für Großbritannien erachtet er als zu hoch und investiert in britische Papiere. „Das Pfund läuft sehr nah am Euro, und die Substanz der britischen Volkswirtschaft sehen wir höher, als es die Märkte derzeit preisen.“
