Nach einem Brandanschlag auf das Jüdische Gemeindezentrum mit der Synagoge in Gießen hat ein Haftrichter den mutmaßlichen Brandstifter in ein psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen. Der 32 Jahre alte Deutsche war zuvor wegen des dringenden Tatverdachts der schweren Brandstiftung sowie des Verwendens verfassungswidriger Kennzeichen festgenommen worden. Er soll zunächst mehrere auf der Straße stehende und mit Pappe und Altpapier befüllte Rollcontainer vor den Eingang der Synagoge geschoben und das darin befindliche Papier sowie die Container in Brand gesetzt haben. Darüber hinaus werfen die Ermittler ihm vor, den sogenannten Hitlergruß in Richtung der Synagoge gezeigt zu haben, wie Polizei und Staatsanwaltschaft berichten. Letzteres sei auf Videoaufnahmen der Sicherheitskamera zu sehen, bestätigte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Dov Aviv, der F.A.Z. Wie er weiter sagte, gab es schon vor etwa einem Jahr einen Versuch, einen Brandanschlag auf das Jüdische Gemeindezentrum zu verüben. Auch seinerzeit sei ein Container am Haus gegenüber angezündet worden, doch habe es der Brandstifter nicht geschafft, den Container vor das Gemeindezentrum zu rollen. Die Folge sei ein Schaden am Haus gegenüber gewesen, in dem ein Billigwarenladen untergebracht ist. Jüdische Gemeinde: Lassen uns nicht einschüchtern „Es ist schwer, sich die Angst und die Verzweiflung vorzustellen, die so ein Angriff auf unsere Synagoge bei den Bewohnern des Hauses ausgelöst hat. Der Schreck und die Vorstellung, was noch passieren könnte, sitzen immer noch tief in mir“, wird Aviv in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Gießener Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher (SPD), Polizeipräsident Torsten Krückemeier und der Leiterin Einsatz des Präsidiums, Carina Lerch, zitiert. Seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sei die Angst vor einem Anschlag in der Jüdischen Gemeinde stets präsent. Aviv dankte den Menschen, die Zivilcourage gezeigt hätten und den Täter an der Flucht hinderten, bis die Polizei eingetroffen sei. „Wir werden unsere Rechte, hier in Frieden und mit Freude zu leben, nicht aufgeben, und wir lassen uns nicht einschüchtern.“ Die Polizei habe den Auftrag, die Grundrechtsausübung zu gewährleisten. Darunter falle auch die Religionsfreiheit. „Wir tun alles, um einen bestmöglichen Schutz der jüdischen Gemeinde sicherzustellen“, so Krückemeier. Polizeistreifen schützen regelmäßig das Gemeindezentrum. Auch die Fertigstellung und Einweihung der neuen Thora im Oktober vergangenen Jahres wurden von den Ordnungshütern begleitet und geschützt. „Der Vorfall vom Montag untermauert umso mehr, wie wichtig es ist, in die Stärkung unserer Demokratie zu investieren“, hebt der Polizeipräsident hervor. Becher wird mit den Worten zitiert: „In solchen Momenten, in denen der Schock über das Geschehen und das Gefühl der Verwundbarkeit besonders die Mitglieder in der jüdischen Gemeinde in Schrecken versetzt hat, ist eines besonders wichtig: Wir als Stadtgesellschaft wollen zeigen, dass wir beieinanderstehen.“ Der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker gibt zu bedenken, auch unabhängig davon, ob der Täter von Gießen psychisch stabil oder krank sei, so sei diese Brandstiftung in einem antisemitisch vergifteten Klima verübt worden, das sich leider immer weiter verschlechtere. Es verleite im Zweifelsfall selbst auch jene zu antisemitischen Straftaten, die selbst ohne tiefergehende politische Absicht handelten.
