Geopolitisch positioniert sich Indien geschickt: Verteidigungskooperation mit den USA trotz Zollkonflikt, Ölimporte aus Russland, Annäherung an China. Mit dem geplanten EU-Indien-Freihandelsabkommen könnte Indien als politisch stabiler Partner für Europa auftreten. Aber wirtschaftlich unterscheiden sich die Stärken Indiens und Chinas fundamental. Die kritischen Abhängigkeiten deutscher Industrie von China liegen in Rohstoffen, der industriellen Fertigung und Schlüsselkomponenten für Zukunftstechnologien wie Solar, Wind und Elektromobilität. Hier wird Indien in absehbarer Zeit nicht konkurrenzfähig. Indiens Chancen liegen woanders: im digitalen Ökosystem. Mit über einer Milliarde Internetzugängen, staatlichen Programmen wie „Digital India“, jährlich rund 2,5 Millionen Absolventen in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) und einer sehr jungen, technikaffinen Bevölkerung bietet die digitale Wirtschaft das größte Wachstumspotential, insbesondere in E-Commerce, Fintech und Künstlicher Intelligenz (KI). Jahrzehntelang war Indien Synonym für IT-Outsourcing. Heute will Indien nicht mehr nur Computerprogramme für andere schreiben, sondern eigene Produktinnovationen wie Plattformen, KI-Anwendungen und Software als Dienstleistung entwickeln. Für deutsche Unternehmen bedeutet das, nicht nur Service-Center in Indien aufzubauen, sondern sogenannte Global Capability Centers (GCCs) – technologieorientierte Forschung-und-Entwicklung-Hubs (F&E) für Engineering, KI und digitale Transformation. SAP betreibt seinen größten Innovationsstandort außerhalb Deutschlands in Indien und investierte dieses Jahr 194 Millionen Euro in einen neuen F&E-Campus in Bengaluru, um dort an neuen KI-Lösungen zu arbeiten. Auch deutsche Mittelständler investieren massiv: Knorr-Bremse eröffnete im Juli 2025 sein neues globales Zentrum für KI in Chennai. ZF Lifetec setzt auf ein hochmodernes GCC in Hyderabad für globale Entwicklung im Bereich passiver Sicherheitstechnologie. Laut Daten der deutschen Außenhandelskammer in Indien betrieben 2024 über 80 deutsche Unternehmen insgesamt rund 150 Global Capability Centers in Indien, in denen rund 130.000 Fachkräfte tätig sind. Ob Indien damit eigene Innovationskraft aufbaut oder primär kostengünstige Lösungen für globale Konzerne liefert, bleibt offen. Sicher ist: Indien ist in zentralen Bereichen mittelfristig keine Alternative zu China – aber eine strategische Ergänzung für Unternehmen, die digitale Zukunftsmärkte erschließen wollen.
