FAZ 23.12.2025
16:04 Uhr

Artistik im Winter: Warum es in so vielen Städten einen Weihnachtszirkus gibt


Zirkus im Winter: Früher gab es das nicht. Jetzt lädt in jeder Stadt, die etwas auf sich hält, ein Weihnachtszirkus ein. Wie kommt das?

Artistik im Winter: Warum es in so vielen Städten einen Weihnachtszirkus gibt

Mit einem hinreißenden Auftritt des Clowns Henry Ayala hat am 13. Dezember das Gastspiel des „Great Christmas Circus“ auf dem Festplatz am Ratsweg in Frankfurt begonnen. Der Venezolaner, der nicht nur als Spaßmacher, sondern auch als Hochseilläufer das Publikum begeistert, ist der Star des Frankfurter Weihnachtszirkus, der von der Zirkusfamilie Wille nun schon im zwölften Jahr betrieben wird. Die Premiere war ausverkauft, der Vorverkauf läuft ausgezeichnet, die zwei Vorstellungen am Tag sind gut besucht. Wenn Zirkusdirektor Manuel Wille am 11. Januar das Gastspiel beendet, dürfte er zufrieden sein. „Süßer die Kassen nie klingeln / als zu der Weihnachtszeit“: Diese Wahrheit gilt nicht nur für den „Great Christmas Circus“ in Frankfurt, sondern auch für die etwa 200 weiteren Weihnachtszirkusse in Deutschland. Vom kleinen Weihnachtszirkus in Wiesbaden, betrieben vom Circus Alberti der Familie Frank, der Tiere, Akrobaten und Clowns in die Manege schickt, bis zum Stuttgarter „Weltweihnachtscircus“ in einem Zelt auf dem Canstatter Wasen mit Weltstars der Manege. Dieser angeblich größte Weihnachtszirkus, gegründet 1993 vom holländischen Zirkusproduzenten Henk van der Meijden, zieht während seines vierwöchigen Gastspiels etwa 120.000 Besucher an und gilt als der Vater der deutschen Weihnachtszirkusse. Früher ein reines Sommergeschäft „Einspruch!“, sagt Frank Keller von „Krone“ in München, dem größten Zirkus Europas. Sein Unternehmen habe den Weihnachtszirkus erfunden – vor mehr als 100 Jahren, nämlich 1919. Damals habe „Krone“ im eigenen Zirkusbau in München zum ersten Mal in der Weihnachtszeit Vorstellungen gegeben und diese Tradition bis heute Jahr für Jahr fortgesetzt – nur mit einer Unterbrechung in der Corona-Zeit. Tatsächlich war Zirkus bis in die jüngste Zeit ein reines Sommergeschäft. Jahr für Jahr gingen die Traditionsunternehmen zu Beginn der wärmeren Zeit auf Tournee durch die Großstädte, aber auch durch die Provinz. Im Winter dagegen ruhte der Betrieb, weil es zu kalt war für Shows in den großen Zelten. Diese zu heizen, kostete einfach zu viel. Außerdem war das Publikum nicht bereit, sich bei Eis und Schnee ins Auto zu setzen und zu einer Zirkusvorstellung anzureisen. Jetzt, da die Winter deutlich milder geworden sind und die Heizkosten kein unüberwindliches Hindernis mehr darstellen, boomt der Zirkus – in Form des Weihnachtszirkus. Innerhalb von drei, vier Wochen zwischen dem dritten oder vierten Advent und den ersten zwei Wochen des neuen Jahres machen die Zirkusse inzwischen ihren Hauptumsatz. Während dieser Zeit haben die Schüler Ferien und die Eltern zumindest ein paar freie Tage, sodass die ganze Familie in eine Zirkusvorstellung gehen kann. Das Weihnachtsgeld, das viele Beschäftigte von ihren Arbeitgebern ausgezahlt bekommen, erweitert außerdem die finanziellen Möglichkeiten von Normalverdienern. Boom von Weihnachtszirkussen Wegen des großen Erfolges im Winter beschränken sich inzwischen viele Veranstalter aus der Zirkusbranche ganz auf den Weihnachtszirkus und verzichten auf die klassische Sommertournee. Sie haben erfahren müssen, dass ihr Publikum meist nur einmal im Jahr in den Zirkus geht – und das ist jetzt an Weihnachten. Der winterliche Erfolg, so sagen alte Zirkushasen deshalb, frisst seine Sommerkinder. Es dauerte eine Weile, bis die Zirkusbranche die Chancen des Weihnachtszirkus entdeckt hatte. Nach dem großen Erfolg in Stuttgart seit 1993 zog vor etwa 25 Jahren Zirkusdirektor Sascha Melnjak vom Zirkus Charles Knie mit dem Heilbronner Weihnachtszirkus nach. Und seit zehn Jahren schießen die Weihnachtszirkusse wie Pilze aus dem Boden. Jede Kommune, die etwas auf sich hält, versucht einen längerfristigen Vertrag mit einem Zirkusveranstalter abzuschließen, die meisten bestehen darauf, dass dieser Weihnachtszirkus den Namen ihrer Stadt trägt. „Hanauer Weihnachtszirkus“, „Bad Homburger Weihnachtszirkus“ oder „Marburger Weihnachtszirkus“, um einige Beispiele aus Hessen zu nennen. Weihnachtszirkusse konkurrieren hart Mit dabei sind kleine Familienzirkusse, aber auch führende Unternehmen wie „Krone“, „Flic Flac“ und „Roncalli“. „Krone“ etwa schlägt jetzt über die Feiertage Zelte in Würzburg, Rosenheim und Ingolstadt auf. Zudem haben sich Eventagenturen auf das Weihnachtsgeschäft gestürzt. So bespielt zum Beispiel die Grandezza Entertainment GmbH von Produzent Thomas Schütte die Großstädte Hannover, Aachen, Regensburg und Mannheim mit Weihnachtszirkussen. Für die Artisten ist der Weihnachtsboom Segen und Fluch zugleich. Die Weihnachtszirkusse konkurrieren hart um ihre Nummern. Doch während der übrigen Monate im Jahr ist die Nachfrage gesunken, weil immer weniger Zirkusse durch die Lande ziehen. Viele Zirkuskünstler halten sich nur noch mühsam über Wasser. Der „Great Christmas Circus“ in Frankfurt hält sich gut im Wettbewerb um die besten Artisten. Mit Henry Ayala konnten sie einen Superclown und einen Superartisten unter Vertrag nehmen, mit dem Chilenen Sergio Ignacio Celedon Quezada tritt in der Show ein Teufelskerl auf, der auf dem Todesrad die tollsten Tricks bietet und für Januar zum Zirkusfestival in Monte Carlo eingeladen ist. Den Zuschauern gefällt es, sie kommen in Scharen. Genauso wie in Kassel, Karlsruhe, Osnabrück und vielen anderen deutschen Städten.