Vor drei Jahren lernte ich in Madrid einen Mann namens Ramón Mayrata kennen, der mich in einer ganz besonderen Bibliothek mit Magiern und Handzauberern zusammenbrachte. Mayrata selbst ist kein Zauberer, sondern Historiker der Zauberei, gibt eine Zauberzeitschrift heraus und verbreitet Zauberwissen durch Vorträge, Artikel und Bücher. Nur selbst zaubern, das tut er nicht. Es müsse auch die anderen geben, sagt er, die Vermittler. Jetzt hat er in Spanien ein Buch über die Ästhetik der Zauberei veröffentlicht. Das Treffen mit den Magiern, das Mayrata damals für mich organisierte, war schön, fast schon erhebend. Meistens stellt man sich ja nicht vor, wie Zauberer so leben, aber dass es in Zeiten wie diesen nicht einfach ist, kann sich jeder denken. Die Magier jedenfalls erklärten mir so viele Dinge ihres Handwerks, dass ich mich fragte, warum ich in meinem Leben so wenig mit Zauberern zu tun gehabt hatte. Einer von ihnen, dessen Kartentricks ich abends in einer Vorführung sah, wirkte auf der Bühne wie ein anderer Mensch. Von seinen Vorführungen durchschaute ich keine einzige. Welche Illusionen beglücken? Durch Lektüre in der Madrider Zauberbibliothek weiß ich, dass Magier nicht von „Tricks“ sprechen, sondern von „Illusionismus“, der kunstvoll gesteuerten Sinnestäuschung. Sie lockt den Zuschauer in eine falsche Wahrnehmung, hat aber, wenn sie gelingt, etwas Anmutiges und Poetisches. Die getäuschten Zuschauer lachen beglückt wie die Kinder, eben weil sie – „fair“ – getäuscht worden sind. Auch die Ablenkung des Publikums, ein essenzieller Bestandteil der Zauberei, geht elegant vor sich. Mayrata und seine Freunde lehrten mich, dass die Ethik der Zauberer etwas Vornehmes haben muss, sonst geht die Magie verloren. Es gibt also gute Illusionen und böse. Die schöne Verzauberung, aus der man augenreibend erwacht – und die bösartige Täuschung, deren Entzauberung Ressentiment zurücklässt. Ein Täuscher des zweiten Typs, um das noch schnell zu sagen, ist Donald Trump in seinem ersten Amtsjahr. Ich beziehe mich jetzt nicht auf seine Politik, auch nicht auf Venezuela, sondern auf das moralische Format des Menschen. Er will uns suggerieren, seine Weltsicht bilde die Wirklichkeit ab. Dabei erfindet er sie, während er sie beschwört, schafft also eine Illusion im schlechtesten Sinn. Die epochalen Ereignisse, die er uns angeblich beschert, sind es nicht. Die sieben oder acht Konflikte auf der Welt, die er befriedet haben will, bleiben kriegerisch. Die Menschen, die er beschimpft und herabsetzt, verdienen unsere Solidarität. Am schlimmsten finde ich – neben Selbstsucht und Eitelkeit – seinen völligen Mangel an ritterlichem Empfinden. Trump kennt nur Triumph oder Demütigung. Milde ist ihm deshalb so fremd wie Selbstironie. Großzügigkeit mit dem Gegner wäre für ihn ein Zeichen von Schwäche. Aus diesen und weiteren Gründen glaube ich, dass er scheitern wird. Bald könnten wir erleben, wie sich ein Achtzigjähriger dagegen stemmt, dass sein Stern zu sinken beginnt.
