FAZ 24.01.2026
13:47 Uhr

Arktis im Klimawandel: „Die Lage wird chaotisch“


Arktische Meeressäuger sind Spezialisten für schwankende Umweltbedingungen. Biologin Kit Kovacs über die ungewisse Zukunft der Tiere.

Arktis im Klimawandel: „Die Lage wird chaotisch“

Frau Kovacs, Sie sind Expertin für marine Säuger in der Arktis, genauer: in Spitzbergen, wo der Klimawandel fünfmal schneller voranschreitet als im Rest der Welt. Wie verkraften das die Arten? In der gesamten Arktis verschwindet das Meereis – von dem alle endemischen Meeressäugetiere abhängig sind. Ihr Lebensraum löst sich auf, das meiste Meereis wird zumindest im Sommer in den nächsten Jahrzehnten weg sein. In manchen Regionen eher, in anderen später. Anders als Tiere aus niedrigeren Breitengraden können Tiere der Arktis weder nach Norden noch in die Berge ausweichen, um dort eine neue Heimat zu finden. Spitzbergens Landtiere leben isoliert und können nirgends hin. Ähnlich können die Meerestiere der Region auch nicht beliebig in den Norden ausweichen – denn dort ist nur noch der Arktische Ozean, der sehr tief ist und deshalb wenig Nahrung bietet. Es ist eine traurige Lage. In den Schelfmeeren, den küstennahen, flachen Gewässern, werden Nährstoffe nach Norden transportiert oder aus der Tiefe durch die Wassersäule an die Oberfläche befördert. Algen wandeln sie mithilfe des Sonnenlichts in biologische Materie um, die die Nahrungskette speist. Ist dieses System betroffen? Eiskanten und Polarfront sind zwei wichtige Triebkräfte für die Aufwärtsströmung, und Eiskanten liegen heute das ganze Jahr über viel weiter nördlich als in der Vergangenheit. Vor Jahrzehnten zog sich das Eis im Frühjahr über weite Gebiete nach Norden zurück, heute passiert das nicht mehr. Das Eis bildet sich nicht mehr so weit im Süden, die Aufwärtsströmung ist in der Folge stark zurückgegangen. Bedeutet das, dass der arktische Ozean nährstoffärmer wird? Nein, Stürme und Strömungen werden weiterhin Nährstoffe nach Norden transportieren – und es gibt immer noch Algen in den offenen Gewässern des Ozeans. Es gibt aber weniger Eis und weniger Eisalgen. Sie machten zwar nur etwa zehn Prozent der Produktivität in den arktischen Meeren aus – aber sie spielten eine wichtige Rolle, vor allem im Frühjahr: Schmilzt das Eis, sinken große Klumpen einiger Algenarten auf den Meeresboden, wo sie die dortigen Ökosysteme ernähren. Da es nun weniger Meereis gibt, sinken weniger Algen ab – und Tiere in der Wassersäule fangen die meisten ab, bevor sie den Grund erreichen. Wir wissen noch nicht genau, was passieren wird, wenn weniger Biomasse dort ankommt. Aber eines ist sicher: Das Leben am Meeresboden wird sich verändern. Verringert sich die Biomasse im arktischen Ozean? In der oberen Wassersäule wird es weniger Eis und über einen längeren Zeitraum im Jahr mehr Licht geben, was bei ausreichender Nährstoffversorgung wahrscheinlich zu einer höheren Produktivität führen wird. Die arktischen Meere werden eher zu einem nährstoffarmen als zu einem lichtarmen System werden. Wir müssen abwarten, ob es mehr Fische geben wird oder ob sich Krill als wichtiger neuer Akteur ausbreiten wird. Kleine Ruderfußkrebse, Calanus finmarchicus, erobern derzeit den Nordostatlantik, nachdem sie aus gemäßigteren Breiten eingewandert sind. Sie vermehren sich jetzt im Gebiet von Spitzbergen. Gleichzeitig werden größere arktische Ruderfußkrebse, die zuvor in hohen Breiten lebten, seltener. Wie sich diese Veränderungen auf die Nahrungsnetze auswirken werden und ob beispielsweise Grönlandwale, die sich auf arktische Ruderfußkrebse spezialisiert haben, sich genauso gut von Calanus finmarchicus ernähren können, ist noch unklar. Durch den Wegfall des Eises wird die produktive Phase im Ozean aber verlängert und die Gesamtproduktion wahrscheinlich steigen. Das klingt, als würde das Leben in der Arktis einfacher werden. In den letzten Jahren gab es vor Spitzbergen mehr Krill – und deshalb haben wir auch mehr Blauwale gesehen. Aber die Dynamik einzelner Arten variiert stark. Geht es in einem Jahr gut, kann das im darauffolgenden Jahr schon wieder ganz anders aussehen. Es ist ein Merkmal arktischer Ökosysteme, dass sie sowohl saisonal als auch von Jahr zu Jahr sehr dynamisch sind – aber die Schwankungen scheinen zuzunehmen. Das macht Prognosen extrem schwierig. Die Lage wird ziemlich chaotisch. An Land scheinen Generalisten besser mit dem Wandel zurechtzukommen. Gilt das auch für das Meer? Die Meereswelt ist viel komplexer als die Landwelt in der Arktis. In der Arktis sind Meerestiere weitgehend vor Temperaturschwankungen geschützt – die Bedingungen liegen immer zwischen minus zwei und einigen Grad über null. Die Bedingungen variieren von Jahr zu Jahr – aber die Tiere der Arktis haben Lebenszyklen, dank derer sie mit den normalen saisonalen und Schwankungen zwischen den Jahren zurechtkommen. Sie kennen sie seit Millionen von Jahren. Arktische Meeressäugetiere sind in der Regel hoch spezialisiert. Sie haben zum Beispiel sehr langsame Lebenszyklen. Was meinen Sie damit? Nehmen wir zum Beispiel Ringelrobben, wahre Champions der Arktis. Ringelrobben sind kleine Robben, die ausgewachsen nur 60 Kilogramm wiegen und bis zu 45 Jahre alt werden können. Bei der Geburt wiegen sie etwa vier Kilogramm. Die Mütter investieren relativ wenig in ihre Jungen; wenn eines stirbt, bekommen sie im folgenden Jahr ein neues. Dies ist eine Anpassungsstrategie an dieses extreme Leben: Sie überstehen die schlechten Bedingungen und warten auf die Rückkehr der guten Zeiten. Sie können dort leben, wo keine anderen Meeressäugetiere leben können. Sie graben mit ihren Krallen Löcher in das Eis und halten sie offen, um atmen zu können. Sie leben in selbst gegrabenen Schneehöhlen auf der Eisoberfläche, wo ihre kleinen Babys gut geschützt sind. Sie haben ein gutes Seh- und Hörvermögen, sind sehr wachsam und entkommen Eisbären, indem sie von einer Höhle zur nächsten flüchten, wenn sie angegriffen werden. Ringelrobben verfügen über eine dicke Speckschicht, die ihnen hilft, die mageren Zeiten des Jahres zu überstehen. Sie sind sehr gut angepasst. Im Westen von Spitzbergen, wo die Erwärmung besonders schnell voranschreitet, können wir nun beobachten, wie sich der Klimawandel auf diese Art auswirkt: Früher hatten sie hier ein Revier von 1000 Quadratkilometern, heute leben sie nur noch in sehr kleinen Gebieten vor den Gletschern. Trotz der Anpassungen an die neuen Bedingungen ist ihre Population in unseren Beobachtungsgebieten in den vergangenen 20 Jahren um die Hälfte zurückgegangen. Warum? Weil ihr Lebensraum verschwindet. Sie brauchen stabile Eisflächen, um ihre Jungen während einer sechswöchigen Stillzeit aufzuziehen. Das dünne Eis, das sich jetzt, wenn überhaupt, bildet, ist sehr instabil. Die Ausdehnung des Meereises ging 2006 dramatisch zurück und hat sich seitdem nicht mehr „normalisiert“. Wie geht es den Walen in der Arktis? Das variiert je nach Art und Region. In Spitzbergen gibt es eine sehr kleine Population von Weißwalen (Belugawalen), die das ganze Jahr über in Küstengewässern lebt – sie wandern nicht wie die meisten anderen Weißwalpopulationen. Dieses sesshafte Verhalten wurde auch bei kleinen Populationen der Art in der pazifischen Arktis beobachtet; es könnte sein, dass diese Populationen, wenn sie zu klein werden, das für die Wanderung notwendige Wissen verlieren – alternativ könnten sehr kleine Populationen auch deshalb nicht wandern, weil es vor Ort genügend Ressourcen gibt. Warum suchen Wale das Meereis auf? Alle Wale der Arktis leben in Verbindung mit dem Meereis. Einerseits finden sie hier Nahrung, Narwale, Grönlandwale und Weißwale halten sich aber auch deshalb in der Nähe des Eises auf, um Raubtieren – insbesondere Orcas – auszuweichen. Diese können aufgrund ihrer hohen Rückenflossen nicht ins Eis vordringen. Grönlandwale und Narwale verbringen die meiste Zeit in eisbedeckten Gebieten in der Barentssee. Angesichts der schwindenden Meereisfläche gibt es ernsthafte Bedenken hinsichtlich ihrer Zukunft. In der hohen Arktis vor den nördlichsten Arktisinseln Kanadas und Westgrönlands wird das Meereis wahrscheinlich am längsten bestehen bleiben – werden sich die arktischen Tiere dort versammeln? Das lässt sich nicht sagen, aber es ist die Region, die im Arctic Climate Impact Assessment 2004 als Eisrefugium identifiziert wurde. Versuche, das Gebiet zum Weltkulturerbe zu erklären, waren bisher nicht erfolgreich. Wie kann man dann den arktischen Meeressäugern helfen? Zusammen mit den Arbeitsgruppen des Arktischen Rates arbeiten wir derzeit daran, blaue Korridore und Meeresgebiete zu identifizieren, die geschützt werden sollten. Diese Regionen wären besonders wichtig für die Migration arktischer Arten, die nationale Grenzen überschreiten. Im Idealfall würden diese Regionen zu Schutzgebieten erklärt werden. Das Projekt steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Wie sehen Sie die Zukunft der arktischen Tierwelt? Es ist unmöglich, genaue Vorhersagen zu treffen. Derzeit kommen viele Stressfaktoren zusammen: extremes Wetter, mehr Menschen, die sich in die Regionen wagen, Verlust des Lebensraums, steigendes Krankheitsrisiko, Konkurrenz durch südliche Arten – und das alles gleichzeitig. Werden ein oder zwei Arten sich an einen veränderten Lebensraum und eine andere Nahrungsversorgung anpassen können? Vielleicht, aber wir können nur spekulieren. Was wir wissen, ist, dass wir derzeit Veränderungen auf der Ebene der Gene bis hin zur Gemeinschaft beobachten – und zwar bei den kleinsten bis zu den größten Organismen, die in der Arktis leben. Und leider sind die meisten dieser Veränderungen für die arktischen Meeressäugetiere nicht positiv.