FAZ 12.12.2025
14:47 Uhr

Argentiniens „Kulturgut“: Der Präsident, der Fußball und der Lockruf des Geldes


Claudio Fabián Tapia steht dem argentinischen Fußball-Verband vor und verstrickt sich auch in die Politik. Zwei Drittel der Argentinier halten ihn für einen „korrupten Mafioso und Schurken“.

Argentiniens „Kulturgut“: Der Präsident, der Fußball und der Lockruf des Geldes

Seinen großen Auftritt wollte sich Claudio Fabián Tapia, den sie in Argentinien nur „Chiqui“ rufen, dann doch nicht nehmen lassen. Obwohl sich in Argentinien seit Tagen zunehmend eine undurchsichtige Gemengelage von Vorwürfen der Geldwäsche und Korruption rund um den allmächtigen Präsidenten des Fußballverbandes AfA zusammenbraut, reiste der Top-Funktionär des aktuellen Weltmeisters jüngst zur WM-Auslosung nach Washington. Er sieht sich auf Augenhöhe mit Erfolgstrainer Lionel Scaloni und Weltstar Lionel Messi. Scaloni führt die „Albiceleste“ (Die Weißhimmelblauen) durch eine bis heute anhaltende goldene Ära mit dem Weltmeistertitel 2022 und zu zwei aufeinanderfolgenden Copa-América-Siegen 2021 und 2024. In Argentinien wird zudem auch auf den Sieg im „Finalissima“ 2022 im Kontinentalvergleich zwischen dem Südamerika-Sieger und dem damaligen Europameister Italien besonderen Wert gelegt. Vier Titel, die viel Umsatz, viele Werbeverträge und viele lukrative Länderspiele auf den Schreibtisch von „Chiqui“ Tapia spülten. In diesen lässt er seine Weltstars auch mal in Angola oder Südostasien auflaufen. Als Schlüsselfigur gilt Ariel Vallejo, der Chef eines Finanzdienstleisters mit engen Verbindungen zu Tapia, der zugleich als Sponsor des Verbandes und zahlreicher Klubs auftritt. Die argentinische Zeitung „La Nación“ will unter Berufung auf nicht namentlich genannten Quellen aus der Justiz erfahren haben, dass „neben Geldwäsche nun auch untersucht werde, ob es sich um betrügerische Verwaltung handelt“. Im Zentrum des medialen Interesses: der Verbandsboss und dessen Beziehung zu dem umstrittenen Unterhändler, jede Menge Luxusobjekte und eine ganze Reihe argentinischer Fußball-Klubs. Darunter namhafte Vereine wie San Lorenzo, Racing, Argentinos Juniors oder Independiente, die allesamt Besuch von der Staatsanwalt­schaft bekamen. Es steht der Anfangsverdacht der Steuerhinterziehung und Geldwäsche im Raum. Der Finanzdienstleister wickelte offenbar zahlreiche Geschäfte des Verbandes und der Klubs ab. Bundesrichter Luis Armell ließ am Dienstag Beamte zeitgleich in 33 Büros, Geschäftsstellen und Niederlassungen Hausdurchsuchungen durchführen. Es wurden Dokumente, Rechner und rund 50 Mobiltelefone beschlagnahmt. Nun wartet Fußball-Argentinien auf die Auswertung der Fahndungsaktion. Top-Funktionär Vallejo beteuert seine Unschuld, doch der steile Aufstieg Tapias hat damit erstmals Risse bekommen. Denn mit den vielen Erfolgen kam es für den Verbandspräsidenten auch auf dem gesellschaftlichen Parkett zu einem Bedeutungssprung. Tapia ist sozusagen Generalbevollmächtigter des wichtigsten argentinischen Kultur­guts. Anders als in Deutschland, wo DFB und DFL getrennt sind, ist Tapia nicht nur Präsident des AfA, sondern auch noch Chef der argentinischen Profiliga LPF. Seit 2017 ist er AfA-Chef und hat seitdem seine Präsenz auch in internationalen Gremien kontinuierlich ausgebaut. Und wer so viel Macht auf sich vereint, der ist schwierig zu kontrollieren. Nähe zur früheren Präsidentin Cristina Kirchner Die ganze Angelegenheit hat zudem eine politische Komponente. „Chiqui“ Tapia steht politisch den lange Zeit regierenden sogenannten Peronisten um Ex-Präsidentin Cristina Kirchner nahe. Die ist inzwischen wegen Korruption verurteilt – und versucht, die politische Lage ihres Landes aus dem Hausarrest zu beeinflussen. Kürzlich präsentierte sich „Chiqui“ Tapia an der Seite von Axel Kicillof, dem peronistischen Gouverneur, der bevölkerungsreichen Provinz Buenos Aires. Inmitten des Wahlkampfs vor den Provinzwahlen zog Tapia strahlend mit Kicillof den „Masterplan“ für die Modernisierung des „Estadio Único Diego Armando Maradona“ in der Provinzhauptstadt La Plata aus dem Hut. Außerdem wünschte Tapia seinem „Kameraden Axel“ noch viel Erfolg bei den anstehenden Urnengängen auf regionaler und nationaler Ebene. Tapia ist zugleich ein scharfer Kritiker des argentinischen Staatspräsidenten Javier Milei. Der libertäre Reformer sieht den argentinischen Vereinsfußball schlecht aufgestellt. Er will internationale Investoren nach Argentinien locken und einen Umbau der Vereine von sehr demokratischen Mitgliedersystemen zu Aktiengesellschaften forcieren. Tapia lehnt das an der Basis und bei den sehr einflussreichen Ultras unpopuläre Modell ab, Milei verweist auf die durchwachsene Erfolgsbilanz argentinischer Vereine: Seit sieben Jahren gewannen nur brasilianische Top-Teams die Copa Libertadores, den wichtigsten südamerikanischen Vereinsfußballwettbewerb. In den letzten zehn Jahren trug sich auf argentinischer Seite nur River Plate in die Siegerliste ein. Sollten sich die Vorwürfe gegen Tapia erhärten, könnte das auch auf den möglichen Gegenspieler Kicillof bei den kommenden Präsidentschaftswahlen 2027 abfärben. Die Öffentlichkeit geht inzwischen auf Distanz zu Tapia. Das Magazin „Perfil“ veröffentlichte vor wenigen Tage eine Umfrage, nach der 65,8 Prozent der Argentinier Tapia für einen „korrupten Mafioso und Schurken“ halten. Und da hatte die Staatsanwaltschaft ihre Fahnder noch gar nicht losgeschickt.