Der mächtigste Mann des argentinischen Fußballs kann sich auf sein System verlassen. Claudio „Chiqui“ Tapia, Präsident des Fußball-Verbandes AFA, der seit gut fünf Jahren von Erfolg zu Erfolg eilt, steht zwar im Zentrum schwerwiegender Korruptionsvorwürfe. Doch das von ihm geleitete System von Liga und Verband hält zu seinem obersten Funktionär. Während seit Wochen immer neue Vorwürfe über lukrative Verträge, prall gefüllte Konten und Immobilien durch die argentinischen Medien geistern, soll als Reaktion darauf im März auf allen Ebenen der Spielbetrieb ruhen. Zuletzt berichteten argentinische Medien, dass von Seiten der Justiz „Chiqui“ Tapia sogar die Ausreise untersagt worden sei. Das Land nicht mehr verlassen zu dürfen, ist in einem WM-Jahr eine drastische Maßnahme. Fällt Tapia, könnten auch Vereine in Schwierigkeiten kommen Ein Großteil des argentinischen Fußballbetriebs fordert dagegen ein „Ende der politischen Verfolgung“. Jüngst trugen Spieler des Erstligaklubs AS San Lorenzo, mit dem der im vergangenen Jahr verstorbene Papst Franziskus sympathisierte, beim Warmmachen ein Trikot mit der Aufschrift „Hört auf, uns zu verfolgen“. Das liegt auch daran, dass viele Vereine selbst Gegenstand von Ermittlungen sind. Es gibt Vorwürfe von schwarzen Kassen, von Geldern, die an der Steuer vorbeigeschleust wurden. Fällt Tapia, könnten auch Vereine in Schwierigkeiten kommen. Dazu kommt eine politische Komponente. Der argentinische Fußball ist bis in die Haarspitzen politisiert. „Chiqui“ Tapia gilt als Anhänger der oppositionellen Linksperonisten. Deren Galionsfigur ist die frühere Präsidentin Cristina Kirchner, die wegen Korruption verurteilt ist und sich in Hausarrest befindet. Auch Vertreter von San Lorenzo sind Teil des politischen Netzwerks – der Verein stammt aus einer peronistischen Hochburg in Buenos Aires. Der Vorwurf lautet, dass die Regierung des libertären Präsidenten Javier Milei die Justiz instrumentalisiere, um einen personellen Wechsel an der AFA-Spitze herbeizuführen. Milei will eine Reform des argentinischen Fußballs, eine privatwirtschaftliche Öffnung, um im globalen Wettrennen die Klubs für Investoren interessanter zu machen. Die AFA lehnt das ab. Zuletzt hielt sich das Umfeld des Staatspräsidenten aber auffällig zurück. Sich mit dem in Argentinien nahezu heiligen Kulturgut Fußball anzulegen, ist ein politisches Vabanquespiel. Zumal auch das Milei-Lager innenpolitisch einige Korruptionsvorwürfe begleiten. Allerdings kann sich die Stimmung schnell wieder ändern. Alles schaut in Argentinien auf die kommende Weltmeisterschaft. „Chiqui“ Tapia wird von den Fans als administrativer Vater der Erfolge bei den beiden jüngsten Copa-América-Turnieren und dem historischen WM-Erfolg in Qatar gesehen. Ihn jetzt aus dem Amt zu nehmen, wäre aus ihrer Sicht gleichbedeutend damit, ein Puzzleteil aus einem System der gefühlten Unbesiegbarkeit herauszureißen. Ein verpasste Titelverteidigung aber würde die Sachlage ändern. Mögen die Indizien den Verbandspräsidenten auch noch so deutlich belasten, das eigentliche Urteil über seine Zukunft wird im Juni und Juli in den USA gefällt. Kommt Argentinien ohne Pokal nach Hause, könnte auch „Chiqui“ Tapia den Nimbus der Unbesiegbarkeit verlieren.
