FAZ 01.01.2026
16:44 Uhr

Arendt-Preis für Benhabib: Am neuesten Wendepunkt der Weltgeschichte


Seyla Benhabib erhält den Hannah-Arendt-Preis in Bremen. Sie schreibt in ihrer Dankrede die düstere Prognose fort, die Hannah Arendt der Welt 1975 in ihrer Rede zum 200. Geburtstag der Vereinigten Staaten stellte.

Arendt-Preis für Benhabib: Am neuesten Wendepunkt der Weltgeschichte

Wenige Tage nach dem fünfzigsten Todestag von Hannah Arendt nahm Seyla Benhabib, die an der Columbia-Universität in New York Philosophie lehrt, im Bremer Rathaus den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken entgegen. Die Jury verlautete, Benhabib stehe mit ihrem Konzept eines kritischen Universalismus für ein werteorientiertes Denken, das den Anspruch einer universellen Norm verteidige, ohne die Kehrseiten eines universellen Ansatzes aus dem Blick zu verlieren. Der Laudator Dieter Thomä charakterisierte Benhabibs praktische Philosophie als Ausdruck dreier Haltungen: Beweglichkeit, Geduld und Widerstandsfähigkeit. Statt an den eigenen Standpunkten auf Biegen und Brechen festzuhalten, sei Benhabib bereit, sie im Zuge der demokratischen „Iteration“, wie sie selbst die öffentliche Debatte wegen deren notwendiger Schleifen bezeichnet, auf den Prüfstand zu stellen. Geduldig verfolge sie ihre kosmopolitische Idee, wie Arendt begabt mit der Resilienz, die man brauche, um in der Öffentlichkeit für die eigenen Überzeugungen einzustehen. Der technische Fortschritt macht alles gefährlicher Ihr fundamental humanistisches Denken wurde auch in ihrer Preisrede offenbar. In der Gegenwart sieht sie dunkle Wolken ethnonationalistischer und autoritärer Herrschaftsformen heraufziehen. Den Ausgangspunkt ihrer Überlegungen bildete eine Rede, die Hannah Arendt 1975, bei einem ihrer letzten öffentlichen Auftritte, im Vorjahr des zweihundertsten Geburtstags der Vereinigten Staaten hielt, der im Schatten der Watergate-Affäre und der Niederlage im Vietnamkrieg begangen wurde. „Es ist durchaus möglich“, so pro­gnostizierte Arendt damals, „dass wir an einem der entscheidenden Wendepunkte der Geschichte stehen.“ Einen solchen Kipppunkt zum Totalitarismus scheint auch Benhabib zu fürchten. Geschickt überträgt sie Arendts Gedanken auf heutige Probleme: die Unterminierung von Recht und Verwaltung durch die Regierung Trump, die unbefugte Entsendung der Nationalgarde in die Städte, den Einfluss von nicht gewählten Personen wie Elon Musk, die Verfolgung von Migranten durch die Häscher der Behörde für „Immigration and Customs Enforcement“. Das Gefährliche an solchen autoritären Experimenten ist laut Benhabib durch den technischen Fortschritt gewachsen. Auf dem Weg zur vernetzten Weltgesellschaft vollziehe sich ein Transformationsprozess der Arbeitswelt, der bei ungewissem Ausgang jedenfalls neue Möglichkeiten der staatlichen Überwachung geschaffen habe. Die damit verbundene Ressourcennachfrage habe die politische Ordnung grundlegend geändert. Vorbei scheint die Zeit einer an Menschenrechten und Völkerrecht orientierten Politik. Die Rückwendung von Ländern wie China, den Vereinigten Staaten oder Russland zum Imperialismus hält Benhabib vor dem Hintergrund des Klimawandels für besonders bedenklich. Das egoistische Handeln im globalen Wettbewerb belaste die Natur immer stärker. Ein Wandel ist, wie uns die Klimakonferenz in Belém vor Augen geführt hat, nicht in Sicht. Doch was tun? Benhabib kommt auf die von ihr seit Jahrzehnten vertretene Idee eines kosmopolitischen Föderalismus zurück. Auch wenn dieser sicher nicht alle Probleme löse, stehe er für die Möglichkeit, „die Verbundenheit und Sorge um die individuellen Bereiche mit der Verantwortung für das Schicksal eines größeren Ganzen in Einklang zu bringen“. Sie möchte, dass wir uns als Erdbürger verstehen, als Bewohner der Welt, die wir mit allen Menschen, Tieren und Pflanzen teilen. Benhabibs Lösungsansätze bleiben bis zum Schluss vage. Wie soll ein kosmopolitischer Föderalismus entstehen, wie kann das internationale Recht gestärkt werden? Gerade der Verzicht auf Konturierung entspricht aber ihrer Philosophie. Für Benhabib verbietet es sich, aus dem Elfenbeinturm eine Lösung vorzugeben. Genau wie Hannah Arendt möchte sie der demokratischen Öffentlichkeit nicht vorgreifen. Alle Menschen müssen ihre Perspektiven zur Geltung bringen, ganz gleich, aus welchem Land sie kommen, welches Geschlecht oder welche Hautfarbe sie haben oder wie viel Geld sie besitzen. Mit dem kritischen Universalismus offeriert uns Benhabib eine Moral in scheinbar morallosen Zeiten. Dieser erweist sich gleich als doppelt kritisch. Auf der einen Seite hilft die Idee einer universellen Norm, globale Missstände zu adressieren und Taten wie beispielsweise das staatliche Töten von Menschen ohne Gerichtsverfahren, wie im Fall der US-amerikanischen Angriffe auf vermeintliche Drogenboote, als moralisches Unrecht anzuprangern. Zugleich fordert uns das Konzept auf, unseren eigenen Standpunkt und die daraus erwachsenen Normen ständig zur Debatte zu stellen. Ein kritischer Universalismus geht also weder davon aus, dass die eigenen Normenvorstellungen über alle Zweifel erhaben seien noch dass sie eine ahistorische Gültigkeit besitzen. Vielmehr soll man sie immer wieder neu mit ihren konkreten Wirkungen abgleichen. So können wir beispielsweise heute fragen, ob unsere Vorstellung, dass wir als Menschen frei über die Natur verfügen dürfen, angesichts des Klimawandels noch aufrechtzuerhalten ist.