Architektur kann man nicht entkommen, sie umgibt uns die ganze Zeit. Im Falle von Alvar Aalto sind dies keine seelenlosen Betonklötze, sondern bis in die letzten Winkel und Rundungen durchdachte Gebäude, die etwas Menschliches ausstrahlen. Der 1898 geborene Finne ist einer der berühmtesten Architekten, Städtebauer und Möbeldesigner seiner Generation. Zur „Alvar-Aalto-Route – Architektur und Design des 20. Jahrhunderts“ des Europarates, die 2021 zu Pandemiezeiten startete, zählen über 60 Projekte in mehreren Ländern. Wir besuchen einige finnische Highlights, bevor es demnächst voll werden könnte. Denn 13 Aalto-Werke wurden als UNESCO-Welterbestätten nominiert, die Entscheidung über die Aufnahme fällt im kommenden Sommer. Helsinki: Kreativbasis Sie gilt als sein Opus magnum: Im Januar wurde die Finlandia-Halle nach langer Renovierungszeit wieder eröffnet, es ist zugleich der Beginn einer neuen Ära. Die Kulturinstitution aus den Siebzigern mit der weißen Marmorfassade ist nun auch unabhängig von Konzerten und Konferenzen ein offenes Haus. Es locken neben der monumentalen Architektur das Bistro mit Blick auf die Töölö-Bucht, ein Restaurant und ein Designshop sowie eine experimentelle Dauerausstellung über die Familie Aalto. Und man kann jetzt in einem ehemaligen Mitarbeiterapartment übernachten. Das Minihotel kombiniert originale Aalto-Möbel mit stilvollem zeitgenössischem Interieur. Der Meister selbst lebte mit seiner Familie von 1936 an im Viertel Munkkiniemi. Das bis heute modern wirkende Wohnhaus kann ebenso besichtigt werden wie einige Straßen weiter sein Studio. Dort strahlt das natürliche Licht ins geschwungene Atelier mit den breiten Fensterfronten. Hier schaute der Finne auf den grünen Innenhof, der wie ein Amphitheater angelegt ist. Schon früh faszinierte Aalto die klassische italienische und griechische Architektur. Die Hochzeitsreise verbrachte er mit seiner Frau Aino, die ebenfalls Architektin und Designerin war, 1924 in Italien. Auch später erkundete das Paar viele europäische Orte und traf Zeitgenossen wie Walter Gropius und Le Corbusier. Paimio: Gesamtkunstwerk Der internationale Durchbruch gelang Aalto mit dem 1933 fertiggestellten Sanatorium in Paimio. Es ist ein Gesamtkunstwerk. Denn der Finne entwarf nicht nur Gebäude für die Tuberkulosepatienten sowie die angrenzenden Wohnhäuser der Ärzte und Schwestern, er ließ Waldpfade anlegen und steuerte einen Großteil der Einrichtung bei: Aalto erfand tiefere Waschbecken, die geräuscharm sind, und einen wellenförmig gebogenen Holzstuhl, der den Lungenpatienten das Atmen erleichterte. Der „Armchair 41“ ist ein ikonisches Designobjekt, das über Artek vertrieben wird. Alvar und Aino Aalto waren Mitgründer der Firma, zu deren Klassikern ebenso stapelbare dreibeinige Hocker, Teewagen und Pendelleuchten zählen. Während früher kaum einer freiwillig länger im Sanatorium blieb, ist das Gelände, rund anderthalb Autostunden von Helsinki entfernt, mittlerweile ein angesagtes Ausflugsziel. Sei es für einen Kaffee, ein Dinner im Restaurant oder eine Tour durchs weitläufige Haus. Besucher erfahren von Aaltos Vision, dass der funktionalistische Bau selbst zur Heilung der Tuberkulosepatienten beitragen sollte. Seinerzeit galten neben guter Hygiene vor allem Ruhe und frische Luft als wichtigste Maßnahmen. Die nach Süden ausgerichteten Zweibettzimmer verfügen über große Fenster, und auf dem Dach gibt es ein riesiges Sonnendeck. Jede Station war seinerzeit wie eine eigene Gesellschaft – Patienten kürten einen Präsidenten, Außen- und sogar Datingminister, obwohl die Kranken sich eigentlich nicht zu nah kommen sollten. Wer noch weiter in die damalige Zeit eintauchen möchte, kann in einem der sieben renovierten Patientenzimmer in den Originalbetten schlafen oder ein Apartment im angrenzenden Schwesternhaus buchen. Die Ruhe ist ansteckend, im positiven Sinne. Jyväskylä: Aalto-Hauptstadt Wie alles begann, lässt sich in der Mitte Finnlands entdecken. Aalto wuchs in Jyväskylä auf und kehrte nach einem Architekturstudium in Helsinki zurück. 1923 gründete er im Stadthotel sein erstes Studio auf 20 Quadratmetern. Der Name zeugte von seinen Ambitionen: „Büro für Architektur und Monumentalkunst von Alvar Aalto“. 29 seiner Objekte kann man in Jyväskylä entdecken. Tourguide Asta Häkkinen führt Besucher flinken Schrittes durch die Studentenstadt. Aalto selbst unterrichtete von den Vierzigerjahren an Architektur am MIT in Cambridge. Seine USA-Erfahrungen verewigte der Finne in Jyväskylä am neuen Campus rund um den Sportplatz. Die Fassaden aus roten und einzelnen dunklen Ziegeln bilden ein dezentes Muster. „Backsteine sind wie die Gesellschaft, und die schwarzen Schafe gehören dazu“, soll der Designer laut Häkkinen gesagt haben. „Es sei dadurch eine lebendige Wand.“ Unweit des Campus liegt das Aalto2 Museum, dessen Gebäude er ebenfalls entwarf. Im lichtdurchfluteten Haus präsentieren sie seine sechs Jahrzehnte währende Schaffensphasen ebenso wie persönliche Pässe und Briefe. Zur Sammlung gehört auch sein Boot, das in einer Glasbox am Hafen steht. Es trägt den Namen „Nemo propheta in patria“, also „Niemand ist Prophet in seinem eigenen Land“. Nach dem Tod seiner Frau Aino lernte Alvar Aalto die Architektin Elissa kennen, die 1952 seine zweite Ehefrau wurde. Gemeinsam segelte er mit ihr oft zu einer nahen Insel, auf der die beiden ein experimentelles Haus errichteten, das im Sommer für Besucher geöffnet ist. Oulu: Industriekathedrale Eines der ungewöhnlichsten Gebäude Aaltos befindet sich in Oulu. Die industriell geprägte Stadt an der Westküste Finnlands versprüht einen rauen Charme. So wie der Aalto-Silo, der an eine Kathedrale aus Beton erinnert und einst von 1931 an als Speicher für Holzspäne einer Zellstofffabrik diente. Vom ehemaligen Gelände ist kaum etwas übrig, andere Fabrikgebäude beherbergen inzwischen einen Kindergarten und eine Kletterhalle. Der Silo im Viertel Toppila scheint aus der Zeit gefallen zu sein. „Er erinnert mich an Fritz Langs ,Metropolis‘“, sagt Valentino Tignanelli. Der junge Architekt arbeitet für die Factum Foundation, die spanische Stiftung hat sich auf Digitaltechnik zur Erhaltung von Kulturerbestätten spezialisiert. Tignanelli öffnet die Stahltür, der 28 Meter hohe Innenraum ist inzwischen leer geräumt, gerade verlegen Freiwillige und Architekturstudierende den Boden und bauen neue Fenster ein. „Wir wollen den Silo in ein Forschungszentrum umwandeln, das die Erhaltung und Wiederverwendung von Architektur fördert“, so Tignanelli. Ein Abriss wäre klimaschädlich, außerdem passt es zum Motto „Cultural Climate Change“, mit dem sich Oulu 2026 als Europäische Kulturhauptstadt präsentieren wird. Zurück in Helsinki Was ist schön? Man diskutiert bis heute darüber, ob Aaltos an einen Zuckerwürfel erinnerndes Haus, für das zuvor ein Neorenaissance-Bau abgerissen wurde, eine Verbesserung war. Unbestritten offenbart die großzügige Terrasse in der sechsten Etage einen einzigartigen Panoramablick über die Stadt. Lange war dieser nur Mitarbeitern des Bürokomplexes vorbehalten, bis Starkoch Tommi Tuominen vor anderthalb Jahren sein Restaurant Toppa eröffnete. Da Aalto fürs Volk designte, entschied sich Tuominen gegen Sternemenüs und serviert stattdessen gehobenes Streetfood. Nur wenige Gehminuten entfernt liegt das Savoy. Für dieses Restaurant entwickelte der Designer 1936 jene wellenförmige Glasvase, die als Aalto-Vase weltberühmt werden sollte. Sie verziert nicht nur die Tische im Savoy, sondern auch viele nordische Haushalte – und steht für das demokratische Design, das sich alle leisten und damit ihr Zuhause verschönern können.
