FAZ 25.12.2025
18:21 Uhr

Architektur in Riga: Prachtbauten, wohin man blickt


Spaziergang durch Riga, Stadt des Jugendstils

Architektur in Riga: Prachtbauten, wohin man blickt

Vor der russischen Botschaft in Lettlands Hauptstadt Riga wehen zwei Dutzend große, gelb-blaue Ukraine-Flaggen. Eine Gefängnis-Installation erinnert an die vielen unschuldig eingesperrten russischen Oppositionellen und ein Poster an Alexej Nawalnyj, der in russischer Gefangenschaft ermordet wurde. Putin wird ums Eck als todbringendes Monster dargestellt. Wenn der russische Botschafter durch das Fenster seines Arbeitszimmers schaut, sieht er dieses Bild an der Fassade des Medizinischen Museums direkt gegenüber: einen Totenkopf mit Gesichtszügen von Putin. Vor drei Jahren mussten die russischen Botschaftsangestellten ihre Visitenkarten neu drucken lassen: Die Stadtverwaltung von Riga beschloss, die Antonijas-Straße in Straße der Ukrainischen Unabhängigkeit umzubenennen. Auf dem Weg zum „Rigaer Jugendstilzentrum“ bleiben wir unweigerlich an dieser Stelle stehen. „Kein Lette mag die Russen. Die meisten hassen sie sogar!“, sagt Agrita Tipane, die Direktorin des Museums Rigaer Jugendstilzentrum. „Die letzten rund 50 Jahre, vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Wende 1990, hat in Riga niemand vergessen.“ 46 Jahre Besatzung durch die UdSSR, 46 Jahre, in denen nahezu alles heruntergewirtschaftet wurde, auch die Bausubstanz dieser heute so großartigen Stadt. „Riga hat die meisten innerstädtischen Jugendstilgebäude in Europa“, sagt Tipane: „800 lupenreine Jugendstilhäuser im Stadtzentrum hat sonst niemand!“ Lettische und deutsche Architekten machten von 1900 an aus Riga eine Me­tropole des Jugendstils, gebaut in 20 Jahren. „Riga boomte ab 1900, hatte einen Hafen, Industrie, und Tausende Menschen strömten in die Stadt“, erklärt die Museumsdirektorin. Durch den wirtschaftlichen Aufschwung war Geld da, und es wurden Wohnungen gebaut. Art nouveau schwappte vor allem aus Paris nach Riga. „Jugendstil war Mode. Nicht alle mochten das damals. Für viele war der Stil unmöglich, aber die Mode setzte sich durch“, sagt Tipane. Die Architektur ist ein guter Zeuge der Geschichte Rigas. Eine Vielfalt, die von Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus bis hin zum Jugendstil und Modernismus reicht. „Wer die Seele der Stadt verstehen möchte, sollte es über die Architekturstile versuchen“, rät Tipane. So machen wir uns auf durch die Straßen und Gassen der Altstadt. Im Zentrum der Hauptstadt steht der Dom mit gotischen Elementen, aber auch beeinflusst von Romanik und Barock. Religion spielt in Riga eine wichtige Rolle, und die evangelische Prägung der Stadt zeigt sich besonders am Dom. Es gibt aber auch lettische Russen mit russisch-orthodoxem Glauben, doch nach der Messe in der orthodoxen Christi-Geburt-Kathedrale will niemand mit uns sprechen. „Njet!“ war noch eine der höflichen Antworten. Immerhin 40 Prozent der Einwohner Rigas sind Russen, die meisten mit lettischem EU-Pass, „aber die meisten sind auch Putin-Anhänger“, vermutet nicht nur Stadtführer Juris Berze. Anfeindungen gibt es aber scheinbar nicht, „weil das verbindende Element wohl der Glaube ist“, sagt Berze. Das Schwarzhäupterhaus, 1334 erstmals urkundlich erwähnt, erinnert an die Gründung der Stadt im Jahr 1201 durch den Bremer Bischof Albert von Buxhoeveden. Riga wurde 1282 Mitglied der Hanse und blieb es etwa 400 Jahre lang. Durch den Hitler-Stalin-Pakt wurde Lettland 1939 ein Teil von Russland. 1948 sprengten die Russen die Ruine des Schwarzhäupterhauses. Doch nach der Unabhängigkeit wurde der Backsteinbau wieder originalgetreu rekonstruiert. In Erinnerung an die Stadtgründung findet man in Riga auch den Nachbau des Bremer Roland und der Bremer Stadtmusikanten. Dass Riga für Freiheit und Unabhängigkeit steht, zeigt vor allem Milda, das 42 Meter hohe Freiheitsdenkmal. Als die Russen Milda abreißen wollten, wurde die Figur uminterpretiert als „Mutter Russlands“, obgleich jeder wusste, dass Milda als Symbol für die drei baltischen Staaten steht, die ihren Blick gen Westen richtet. Die Drei Brüder gelten als gutes Beispiel für die Renaissance. Das Gebäudeensemble von drei Häusern, die von drei Brüdern gebaut wurden, stammt aus dem 15. Jahrhundert. Es ist der älteste Wohnhauskomplex in Riga. Auch das heutige „Pullman Riga Old Town Hotel“ von 1789 war einst ein Wohnhaus und zeigt den Wandel im Lauf der Zeit: Nach außen repräsentiert das Gebäude den Stil des Klassizismus. Im Inneren wurde das Fünfsternehotel bis auf einige tragende Wände entkernt, mit moderner Innenarchitektur und einem Dachpool versehen. Alle wollen in einer Jugendstilwohnung leben Jugendstilperlen findet man in der Alberta-Straße auf ganzer Länge. Einer der prominentesten Architekten der Jugendstilzeit in Riga, Mikhail Eisenstein, hat mit dem Gebäude auf Nummer 4 das wohl dekorativste Haus gebaut: Besonders die elliptischen Fenster fallen ins Auge. „Es waren früher Wohnungen und sind es heute zu 90 Prozent wieder“, sagt Agrita Tipane. „Der Image-Gewinn, in einer Jugendstilwohnung zu leben, ist nicht unwichtig heutzutage!“ Die meisten Gebäude sind in Privatbesitz, wurden nach der Wende günstig erworben, kostspielig renoviert, und entsprechend hoch sind jetzt die Mieten. Wer kaufen möchte, muss bei einer hundert Quadratmeter großen Wohnung mit mindestens 350.000 Euro rechnen. „Original Stuckaturen sind kaum noch zu finden“, sagt Tipane etwas traurig. „Und nur wenige Wohnungen haben noch original Jugendstilbäder, Badewannen oder Waschbecken.“ Interieur im Original gibt es jedoch bei Agrita Tipane in ihrem Rigaer Jugendstilzentrum. Auch in der Umgebung der Alberta-Straße finden sich großartige Beispiele der Jugendstilarchitektur, was auch für die Elizabetes-Straße gilt: Figurale Skulpturen und ornamentale Plastiken schmücken die Häuser, mächtige Säulen tragen sie. Die Balkone sind ebenso zu bewundern wie die Schmiedearbeiten. Zum Teil verblüfft sogar der Überschwang an Verzierungen. „Der Besitzer von Elizabetes-Straße 10B fand nach dem Kauf im Keller Statuen, Ornamente und Stuck und ließ diese bei der Renovierung einbauen“, sagt Tipane. Man kann natürlich nicht in die Wohnungen, aber die Kompositionen von Masken, Pfauen, Skulpturköpfen und geometrischen Figuren in der Fassadenkrone fallen auf. „In der Straße wohnt übrigens auch unser Verteidigungsminister in einem Jugendstilhaus“, ergänzt Tipane. Bleibt ein Besuch in einem ganz besonderen Jugendstilgebäude: Es ist sechs Stockwerke hoch, beherbergte 1912, als es gebaut wurde, einen Blumenladen und wurde 28 Jahre später zum „kürzesten Weg von Riga nach Sibirien“: 1940 zog der KGB ein – und damit Willkür, Verhöre, Folter, Deportationen und Exekutionen. „20 Personen in einer 20-Quadratmeter-Zelle bei Brot und Wasser, unzählige Deportationen nach Sibirien, täglich Folter, fast täglich Erschießungen“, fasst Robert Romanovskis vom heutigen Littauischen Okkupationsmuseum zusammen, das im ehemaligen KGB-Haus untergebracht ist. Die heutige Adresse des Gebäudes ist Friedenspromenade 61, ein Straßenname, den frühere Herrscher nicht duldeten, denn diese Friedenspromenade hieß einst auch Zar-Alexander-Straße, Hitler-Straße, Lenin-Straße. Bleibt zu hoffen, dass sowohl die Friedenspromenade als auch die Straße der Ukra­inischen Unabhängigkeit ihre Namen am besten für immer behalten. Informationen: www.liveriga.com, www.jugendstils.riga.lv, www.okupacijasmuzejs.lv. Sehr schön ist das Hotel Pullmann: https://all.accor.com.