FAZ 09.02.2026
09:46 Uhr

Architektur: Individuell wohnen in der Platte


Umbau statt Abriss: In Stendal verwandelt sich ein Plattenbau zum Mantel für 30 Einfamilienhäuser.

Architektur: Individuell wohnen in der Platte

Schauplatz Stendal. Im Wohngebiet Stadtsee bearbeitet Spezialgerät einen schlichten Gebäuderiegel mit acht Treppenaufgängen: Etage für Etage, Platte für Platte. Manche Stockwerke verschwinden vollständig, manche nur halb. Aus dem viereckigen Plattenbau soll ein Terrassenbau werden, eine abgestufte Silhouette statt einer langen Wand. Noch gravierender als der äußerliche Wandel wird der innere sein. Denn im übrig gebliebenen Betongerippe sollen ineinander verschachtelte Einzelhäuser entstehen. Früher hatte das Haus 80 Wohnungen, nach dem Umbau werden es 30 individuelle Häuser sein, sagt der Berliner Architekt Jurek Brüggen, der die Idee ent­wickelt hat. Jedes der künftigen Häuser soll sich über zwei Etagen erstrecken, eine eigene Haustür haben, eine Terrasse und einen Garten. Bei den „Häusern“ in den oberen Etagen liegt die Grünfläche auf dem Dach. In enger Nachbarschaft und doch stärker „für sich“ Eigentümerin des Blocks an der Al­brecht-Dürer-Straße 108 bis 122 ist die Stendaler Wohnungsbaugenossenschaft Altmark. Sie hat sich von Brüggens Vorschlag überzeugen lassen. Die Menschen sollen in enger Nachbarschaft wohnen und doch stärker „für sich“ als im herkömmlichen Geschosswohnungsbau sein: mit privatem Eingang und privaten Außenflächen, weniger Treppenhausgemeinschaft, mehr Rückzug. „Einfamilienhaus-Haus“ nennen die Schöp­fer ihr Projekt. Vieles an diesem Vorhaben liest sich wie aus einem Musterbuch für ressourcenschonendes Bauen. Bauteile können durch die Serienmaße im Plattenbau vergleichsweise gut wiederverwendet werden; sämtliche Hausanschlüsse des ehemaligen Wohnblocks sind weiter nutzbar; kein Quadratmeter neue Fläche wird verbraucht. Die Frage, die sich daraus ergibt: Kann der Umbau der Platte in die beliebteste Wohnform der Deutschen – das Einfamilienhaus – ein Modell für andere Orte sein? Beispiele dafür gibt es bisher kaum. Zu schwer wog lange das Stigma des Plattenbaus, zu zäh hielt sich die Gleichung aus Serie und niedriger Wohnqualität. Selbst Ansätze, die handwerklich überzeugend waren, fanden keine Nachahmer. In Dessau etwa wurde vor mehr als 15 Jahren ein Plattenbauriegel bis auf das Erdgeschoss abgetragen; je vorherigem Hauseingang richtete sich jeweils eine Bauherrenfamilie mit viel Eigenleistung einen Bungalow ein. Organisiert hatte das Modellvorhaben die Dessauer Stadtplanerin Birgit Schmidt. „Nachfolgeprojekte starben dann aber wegen der Finanzkrise 2008“, sagt sie. Die Platte war kein Thema für die Avantgarde. Doch langsam verändert sich etwas – erstens weil Bauen im Bestand die ressourcenschonende und damit klimafreundliche Variante ist. Zweitens weil das serielle Bauen mit einem Vorzug aufwartet, der angesichts sich verändernder Bedürfnisse gefragt ist: Flexibilität. Im Plattenbauten zum Beispiel lassen sich nicht nur Wände herausreißen, um die Grundrisse in der Fläche anders anzu­legen, sondern auch Decken. Auf diese Weise können sehr hohe Räume ent­stehen. Architekt Brüggen plant in Stendal mit bis zu fünf Meter hohen Zonen. Jedes der verschachtelten Häuschen soll einen solchen Raum bekommen, mitsamt Fensterfront zur Gartenseite. Ein hoher Luftraum verändert die Atmosphäre radikal. Noch ist davon allerdings nichts zu sehen. Der Block nahe dem Stadtsee wird mit Kränen und Spezialgerät bearbeitet, so präzise, dass der Rückbau selbst wie ein Bauprozess wirkt. Errichtet wurde das Gebäude im einst gängigsten Format der DDR, der Wohnungsbauserie WBS 70. Weit mehr als 600.000 Wohnungen entstanden davon. Nun findet in Stendal ein „Teil-Rückbau“ statt. Der wird ge­fördert. Denn der Bund zahlt je Quadratmeter abgerissener Wohnfläche 110 Euro. Stendal ist eine kleine Hansestadt, die nach starker Abwanderung nur noch 37.000 Einwohner zählt. In der Stadt wurden bisher an die 6000 Wohnungen geschleift, sowohl aus dem Bestand der städtischen Wohnungsgesellschaft als auch aus dem der Genossenschaft Altmark. Das hat zur Folge, dass es viele Freiflächen zwischen den verbliebenen Gebäuderiegeln gibt. Manche Plattenbauten wurden zudem um zwei Etagen gestutzt. Und doch stieß Brüggen bei seinem ersten Besuch auf Meldungen über „zu wenig Bauland für Einfamilien­häuser“. Neben den Plattenbauten liegen alte dörfliche Gebiete, in denen immer mehr Eigenheime entstanden sind. „Es wird eng“, stellt der Planer fest. Die Nachfrage bleibe groß, gerade Jüngere wollten in die eigenen vier Wände. „Es wird immer ein Kompromiss sein“ Die Genossenschaft reagiert darauf zweigleisig. Sie hat auf einem Karree, wo mehrere Plattenbauten abgerissen wurden, eine Siedlung mit bis zu 100 Reihenhäusern geplant. Und zugleich hat der Altmark-Vorstand Lars Schirmer seine Gremien vom „Einfamilienhaus-Haus“ überzeugt. Aber: „Es wird immer ein Kompromiss sein“, sagt Schirmer – ein Kompromiss zwischen dem Wohnen im Mehrfamilienhaus und dem im Einfamilienhaus. Schließlich gebe es in einer Region wie der Altmark, fern der Zentren, durchaus Flächen, auf denen man auch günstiger bauen könne als bei diesem Umbau. Die Umbauidee lebt davon, dass die Baumasse des bisherigen Wohnblocks in etwa halbiert wird. Viele Betontafeln, die man weiter braucht, sollen auf der Baustelle gelagert werden. An zwei Stellen wird der Gebäuderiegel komplett aufgetrennt – auf der Breite eines üblichen Sechs-Meter-Rasters. So sollen zwei Gassen entstehen. In ihnen führen später Treppen und Fahrstühle hinauf zu zwei Ebenen, an denen jeweils die Zugänge der oberen Häuser liegen. Auch die Bandbreite an Wohnfläche ist Teil des Versprechens. Die kleinste Hausvariante soll 46 Quadratmeter plus 100 Quadratmeter ebenerdigen Gar­ten bieten; die größte fünf Zimmer auf 160 Quadratmetern sowie einen Dachgarten. Doch bevor daraus ein Angebot wird, muss die Finanzierung stehen. Die Genossenschaft sucht noch einen In­vestor, der in das Vorhaben einsteigt. Sie setzen auf das Wohngefühl Die Kosten veranschlagen die Genossen insgesamt bei rund zwölf Millionen Euro. Darin enthalten ist auch der Teilrückbau, der bereits finanziert ist. Schirmer hält es für denkbar, dass ein Investor die eine Hälfte der 30 Häuser entwickelt und einzeln verkauft; die Genossenschaft könnte die anderen fünfzehn herrichten und vermieten. Auch eine Stiftung als Partner hält der Genossenschaftsvorstand für denkbar. Der Trumpf, auf den Schirmer und Brüggen setzen, ist das Wohngefühl. Schon vom Frühjahr an sollen Interessenten im Rohbau eine Hausvariante besichtigen können, inklusive des doppelstöckigen Wohnraums. Das lichtdurchflutete Gartenzimmer, hofft Schirmer, werde die beste Werbung sein. Vielleicht, so sein Kalkül, sagen viele Jüngere dann, es sei „vom Wohngefühl her viel, viel cooler“ als in der ebenerdigen Bebauung. Bautechnisch ist es möglich, eine Geschossdecke, die in der Plattenbauweise eine stabilisierende Funktion hat, herauszutrennen – oder zumindest zum allergrößten Teil wegzulassen. Ein schmaler Betonriegel kann als umlaufender Ringanker die Wände halten. Dafür gibt es ein eindrucksvolles Beispiel in der Märkischen Schweiz östlich von Berlin: ein umgebauter Plattenbauwürfel, der sich Betonpalast nennt, „Palais brut“. Im Inneren öffnet sich eine wahrhaft festlich hohe Halle als Wohnzimmer. Gebaut war das Doppelhaus einst für eine LPG. Vor wenigen Jahren kaufte es ein Berliner Bauherr, der dabei sein Faible für solche Typenbauten entdeckte. Gemeinsam mit dem Architekten Hans Sasse widmete er den Würfel zu zwei Ferienappartements um. „Wir wollten ganz bewusst nichts verstecken, nichts extra verschönern, sondern das Haus einfach nur weiterbauen“, sagt Sasse. Sichtbarer Beton blieb Beton; die neue lichte Höhe im Inneren aber setzt Maßstäbe für mögliche Plattenumbauten. Es ist ein neuer Dreh, der Schule machen könnte. Hoffen auf mehr Offenheit Ob dieses gewisse Etwas auch in Stendal ankommt, hängt nicht allein an Statik und Entwurf, sondern an der Bereitschaft, das Experiment zu finanzieren und anzunehmen. Schirmer hat nach ei­genen Worten bereits die nächsten Wohnblöcke für einen Umbau parat: Zwei liegen unmittelbar neben dem jetzt bearbeiteten; ein Karree mit gemein­samen Gartenflächen könnte entstehen. „Das könnte dann womöglich übertragbar sein“, sagt er – zumindest auf Städte, in denen es wie in Stendal ein Überangebot an Wohnungen gibt und die Kommune es sich leisten kann, den Bestand zu verkleinern. In Dessau hofft Stadtplanerin Schmidt ebenfalls auf mehr Offenheit. Am wichtigsten sei allerdings, die Bedenken auszuräumen, die manche immer noch ge­genüber Bauvorhaben mit der Platte hegten. Als sie ihr Projekt damals anstieß, hätten etwa Sparkassen als lokale Finanzierer skeptisch reagiert. Diese Erfahrung hat auch Architekt Sasse gemacht. „Man muss immer gegen das Image anarbeiten.“ In den Antragsmasken der Banken sei er vor wenigen Jahren bei einer Voranfrage für einen Kredit herausgeflogen, sobald er beim Gebäudetyp nur den Begriff „Platte“ angeklickt habe. Während in Stendal ein Riegel zerlegt wird, um daraus ein Wohnangebot für die Zukunft zu schaffen, wird die Platte andernorts schon museal betrachtet. Das Dresdner Stadtmuseum zeigt vom 27. Februar an eine Ausstellung zur „Platte“ in Ost und West; dort wird auch ein Modell eines Wohnblocks aus bunten Bauklötzen zu sehen sein. Kein farbiger Stein gleicht dem anderen, jeder ist verwinkelt, alles über Eck zusammengesetzt – ein Puzzle, das die Idee der Serie ins Individuelle überführt. Genau das haben sie jetzt in Stendal vor.