FAZ 25.01.2026
08:46 Uhr

Applaus von Konservativen: Der deutsche Trump-Fanklub sollte seinen Irrtum eingestehen


Auch in Deutschland ist ein Trump-Fanklub entstanden, weil der Mann im Weißen Haus auf den links-grünen Zeitgeist pfeift. Aber die Faszination geht fehl: Trump ist der freiheitsfeindliche Systemsprenger.

Applaus von Konservativen: Der deutsche Trump-Fanklub sollte seinen Irrtum eingestehen

Der Feind meines Feindes ist mein Freund – diese Logik entspringt einer jahrtausendealten Tradition in der politischen Auseinandersetzung, in der es eher um strategisch-taktische Bündnisse geht als um die reine Wahrheit und das Glück der Menschheit. Vor allem dieser seit der Antike erprobten Mechanik hat Donald Trump seine zwei Präsidentschaften zu verdanken, wobei es ihm seine politischen Gegner in den USA – allen voran die Demokratische Partei – auch sehr leicht gemacht haben mit ihrem Überschwang an politischer Korrektheit, arroganter Gender-Wokeness und pseudomoralisch aufgeladener Cancel Culture. Auch in Deutschland ist ein Trump-Fanklub entstanden, der die Kritik des GröPaZ, des Größten Präsidenten aller Zeiten, am linksgrünen Zeitgeist der letzten Jahrzehnte teilt, darunter auch die Ideologie einer permissiven Einwanderungsgesellschaft mit „offenen Grenzen“, deren problematische Folgen wir heute begutachten können. Keine DDR 2.0 am Werk So wurde auch die Rede des Vizepräsidenten J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz vor einem Jahr, in der er Europa als Kontinent einer freiheitsfeindlichen Knechtschaft beschrieb, von vielen liberal- und rechtskonservativen Publizisten begrüßt – ganz so, als spreche hier endlich einer mal die bittere Wahrheit aus, die sonst niemand zu formulieren wagt. Ja, es gab und gibt groteske Vorfälle, bei denen die übereifrige Justiz in Kooperation mit obskuren „Meldestellen“ unliebsame Meinungsäußerungen verfolgt, als gehe es um Verbrechen gegen den Staat. Manch einer sieht da schon eine DDR 2.0 am Werk, was natürlich eine maßlose Übertreibung ist. Denn all das, was man tatsächlich als neues Denunziantentum, als opportunistische Duckmäuserei verstehen kann, wird hierzulande, auch in großen Medien, scharf kritisiert und nicht selten satirisch aufgespießt. Nun, ein Jahr nach dem kulturkritischen Rundumschlag des US-Vizepräsidenten, lässt sich eine vorläufige Bilanz ziehen, und die sieht bitter aus – allerdings für die Vereinigten Staaten von Amerika. Denn der oberste Freiheitsfeind, so sorry, sitzt im Weißen Haus. Er cancelt Journalisten, er droht, beschimpft, verfolgt und schüchtert alle ein, die ihm offen widersprechen, er setzt Staatsanwälte und Richter unter Druck, er fördert geschäftliche „Deals“, die die Meinungsvielfalt und Pressefreiheit bedrohen, er unterminiert die Unabhängigkeit der altehrwürdigen Federal Reserve, er sorgt dafür, dass Polizisten und Spezialkräfte auch bei Mord und Totschlag praktisch Immunität genießen, was den Gesetzen des Rechtsstaats hohnspricht. Irrsinn aus verblendeter Egomanie und schurkischer Erpressung Die rhetorische Begleitmusik ist eine Mischung aus gehässigem Gossen-Slang und dem unterkomplexen Sprachvermögen eines Heranwachsenden, der die Grenzen seiner globalen Handlungsmacht nur in sich selbst und seiner privaten „Moral“ erkennen kann. Mit Immanuel Kants Ethik hat das rein gar nichts zu tun. Was Trump seit einem Jahr außenpolitisch betreibt, verfolgt die Weltöffentlichkeit in einer Mischung aus Staunen, Hoffen und Bangen, in jedem Fall atemlos, sprachlos und ratlos. Nur Wladimir Putin darf sich die Hände reiben. So viel gedanken- wie skrupelloses Entgegenkommen des US-Präsidenten, dem die Ukraine, abgesehen von Seltenen Erden, völlig egal ist, hätte er nicht im Traum erwartet. Nach Venezuela – mit weiteren Optionen auf Mexiko, Kolumbien und Kuba – nun also Grönland. Man muss den Irrsinn aus verblendeter Egomanie und schurkischer Erpressung nicht weiter beschreiben, dessen Zeuge wir gerade sind – das Völkerrecht braucht’s dazu schon gar nicht: Trump ist innen- wie außenpolitisch eine loose cannon, die zischend und Wut speiend durch die Welt saust, bis sie womöglich implodiert. Er ist ein Systemsprenger, ein zwölfjähriger Kind-Kaiser im Körper eines Achtzigjährigen, ein Möchtegern-Imperator mit mega MAGA-Goldrand, der die Medaille der venezolanischen Friedensnobelpreisträgerin entgegennimmt wie einst die europäischen Könige und Kaiser die Gaben ihrer Fürsten, die ihnen zu huldigen hatten. Im tiefsten Kern aber ist Donald Trump ein narzisstisch schwer gestörter Mensch, dem es auf wundersame Weise gelungen ist, Amerika und den Rest der Welt in seinen Bann zu ziehen. Unwillkürlich und ohne falsche Vergleiche ziehen zu wollen, erinnert man sich an die Szene aus Charlie Chaplins Film „Der große Diktator“, in der ein enthusiasmierter, völlig entrückter Führer mit der Weltkugel tanzt, die er auf seinem Finger jongliert. Für uns geradezu konsterniert dreinblickende Zuschauer aber kommt der Moment der Wahrheit, ganz egal, wo wir politisch stehen und welche Verantwortung wir tragen. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, hatte einst der französische Künstler Francis Picabia gesagt. Das heißt auch: Einen Irrtum einzugestehen ist deutlich besser als auf ihm zu beharren, womöglich nur deshalb, um Beifall von der „falschen Seite“, also den alten Feinden, hier: den notorisch linken Trump-Verächtern, zu vermeiden. Das aber kann kein Grund sein, die Augen vor der Realität zu verschließen. Die alte linke Parole „Sagen, was ist“ sollten daher nun endlich auch jene beherzigen, die längst nicht mehr links sind und am vorläufigen Ende ihres Weges vorübergehend der trumpschen Faszination erlegen waren.