Beim Aufstehen am Morgen fällt es sofort auf: Das Licht geht nicht an. Kurz darauf in der Küche funktioniert auch der Herd nicht. Es kann also nicht daran liegen, dass die Nachttischlampe kaputt ist, vielmehr ist der Strom ausgefallen. So kann der Bewohner sich in der Küche nur ein Marmeladenbrot streichen, etwas Warmes zubereiten kann er nicht. Immerhin macht das Brot satt. Und das Leitungswasser läuft auch noch, wie im Bad klar wird. Waschen kann sich der Bewohner also, bevor er das Haus verlässt. So fängt das Spiel „Krisopolis“ an, das auf dem Smartphone ein Krisenszenario simuliert. Die App soll dazu anregen, sich auf Katastrophen vorzubereiten, sich zuerst einmal zu informieren, welche Ausrüstung sinnvoll ist. Programmiert haben das sogenannte Serious Game, also ein Spiel, das ein ernsthaftes Ziel verfolgt, Wissenschaftler und Studenten des Forschungszentrums „emergenCITY“ der Technischen Universität Darmstadt, in dem sie mit Forschern der Hochschulen in Kassel und Marburg zusammenarbeiten. Mit Duschen verdient der Spieler sich Punkte An dem Zentrum beschäftigen sich 36 Professoren und 60 wissenschaftliche Mitarbeiter mit „Resilienz“, also der Widerstandsfähigkeit gegen Krisen und Bedrohungen wie langanhaltenden Stromausfällen oder Cyberangriffen. Sie gehören den verschiedensten Fachgebieten an, Umweltingenieure arbeiten mit Architekten, Elektrotechnikern, Politik- und Rechtswissenschaftlern zusammen. In dem Spiel ist es nicht nur erlaubt, sondern lebensnotwendig, an sich selbst zu denken. Besser behält der Spieler immer die Balken für Hunger und Durst im Blick. Wer herumläuft, ohne zu essen und zu trinken, hat schnell verloren. Das Marmeladenbrot am Morgen lässt den Lebensbalken wachsen. Die blaue Anzeige verbessert sich mit jeder Flasche Wasser, auf die zum Trinken getippt wird. Das Gesundheitskonto lässt sich mit Hygiene verbessern, zum Beispiel beim Duschen. Auch einen Balken für Glück gibt es – das soll dem Spieler vermitteln, gerade im Krisenfall auf das seelische Gleichgewicht zu achten. Anders ist eine schwierige Lage schließlich gar nicht auszuhalten. Die Szenarien sind unterschiedlich, mal fällt der Strom aus, mal gibt es kein Leitungswasser. Mal funktioniert auch alles, dann hat der Spieler Gelegenheit vorzusorgen. Dabei werden allerlei praktische Ratschläge vermittelt. So kann der Spieler durch die Stadt laufen und seine Bekannte Julia besuchen, die immer zu einem Schwätzchen aufgelegt ist und die vorbildlich vorgesorgt hat, sie hat nämlich einen Vorratsbehälter für Wasser im Keller ihres Hauses. Und sie erklärt, dass schon eine Regentonne eine Hilfe sein kann, wenn das Leitungswasser ausfällt. Das Wasser, das vom Dach abläuft und sich in der Tonne sammelt, ist zwar nicht sauber, kann aber mit einer Chlortablette gereinigt werden, wie Julia sagt. Solche Tabletten muss man sich eben rechtzeitig vor der Krise besorgen. Tauschhandel auf dem Marktplatz Auf dem Marktplatz in der Stadt steht ein Händler an seinem Stand, der sich auf Tauschgeschäfte einlässt; der Spieler kann zum Beispiel Dosenravioli aus seinem Rucksack gegen frisches Brot tauschen. Überhaupt ist es eine Lehre aus Krisopolis, dass der Kontakt mit anderen in einer schlimmen Situation immer hilfreich ist. Wer keine Waren tauschen will, erfährt im Gespräch Neues und Hilfreiches. Die gut vorbereitete Julia weiß, dass das Technische Hilfswerk kommt und auf dem Marktplatz Trinkwasser verteilt, wenn es kein sauberes Leitungswasser gibt. Um dem Spieler gleich einzuprägen, dass Gemeinschaft mit Menschen nur gut sein kann, gibt es dafür Punkte. Und gegen Punkte gibt es Ausrüstung, zum Beispiel ein Radio mit einer Kurbel, das ohne Batterie funktioniert. Die Grafik ist ziemlich einfach gehalten, die Pixelfiguren scheinen einem Computerspiel aus den Achtzigerjahren entsprungen zu sein. Ein paar kleine Macken hat das Programm am Tag seines Erscheinens noch. Der Spieler landet nicht immer dort, wo er hingehen möchte, sondern findet sich manchmal in dem Haus wieder, das er gerade verlassen hat. Dafür gibt es viele Ratschläge. Zum Beispiel liegt im Rathaus der Spielstadt Krisopolis eine Broschüre des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, die der Spieler im Browser seines Smartphones lesen kann. Darin finden sich Tipps, welche Vorräte an Lebensmitteln sinnvoll sind. Und im Kontakt mit den anderen Bewohnern der Spielstadt kommt auch zur Sprache, dass sich gerade im Krisenfall Verschwörungstheorien besonders schnell verbreiten. Und dass der Spieler besser auf das vertraut, was er in der Warn-App oder aus dem Radio erfährt.
