Pünktlich um elf Uhr am Donnerstag hat Alexander Nöll zusammen mit dem Vorsitzenden des hessischen Apfelweinverbandes, Martin Heil, die Apfelweinsaison in seiner Kelterei in Griesheim eröffnet. „Ein besonderer Tag“, wie Nöll sagt. Nicht nur die beginnende Saison werde gefeiert, sondern auch das einhundertfünfzigjährige Bestehen des Familienbetriebs. Zu Beginn habe es sich noch um eine Küferei gehandelt, also eine Werkstatt, in der man Holzfässer hergestellt und unter anderem die Frankfurter Farbwerke beliefert habe. „1876 wurde die Arbeit hier aufgenommen. Zwar keltern wir erst seit 1962 Apfelwein, dennoch blicken wir stolz auf eineinhalb Jahrhunderte Familiengeschichte zurück“, sagt der Inhaber. Mittlerweile führe Nöll das Unternehmen in fünfter Generation. Ganze viereinhalb Tonnen Äpfel seien mit der ersten Fuhre eingetroffen, berichtet er. Ein- bis zweimal in der Woche sollen nun fünf bis zehn Tonnen folgen, bis die Tanks gefüllt seien. Das ist nicht so leicht wie in früheren Jahren, denn es gibt deutlich weniger Äpfel. Nach den Worten von Martin Heil ist das alarmierend. „Wir blicken auf einen sehr trockenen Sommer zurück, in dem es wochenlang nicht regnete“, so der Verbandsvorsitzende. Zwar sei die Sonne gut für den Durst der Kunden, allerdings mache sie die Äpfel kleiner und lasse sie schneller vom Baum fallen. So haben sich in diesem Jahr die Äpfel zum Teil schon im Juni und Juli von den Bäumen gelöst. Das sei problematisch, weil man Früchte, die zu lange gelegen hätten, nicht mehr für die Produktion nutzen könne. 34 Millionen Liter Apfelwein hergestellt im Jahr 2025 Die Trockenheit wirft für die Kelterer auch eine langfristige Frage auf: Auf welche Apfelsorten sollen sie setzen? Schließlich wolle man die alten Sorten mit ihrer Vielfalt erhalten, sagt Heil. Dennoch lasse sich nicht ignorieren, dass sich neue und hitzeresistente Sorten für die kommenden Sommer wohl besser eigneten. „Insgesamt haben die Baumbestände sehr gelitten“, führt Heil weiter aus. Umso mehr werben der Verband und Nöll in diesem Jahr dafür, keinen Apfel liegen zu lassen. Jeder, der Bäume im eigenen Garten oder auf einer Streuobstwiese habe, könne die Früchte bei den Keltereien abgeben – auch Fallobst und weniger ansehnliche Ware. Je nach Betrieb gebe es dafür einen Kilopreis oder Apfelsaft im Tausch. „Jeder Apfel zählt“, sagt Nöll, und in einem knappen Erntejahr gelte das Motto „Äpfel gehören ins Glas“ besonders. Auf das vergangene Jahr blicken die Keltereien zufrieden zurück: Sie konnten 34 Millionen Liter Apfelwein und zwölf Millionen Liter Apfelsaft herstellen. Das Brauerei- und Keltereisterben nimmt zu Der 1946 gegründete Verband der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaftkeltereien feiert in diesem Jahr Jubiläum. „In den vergangenen acht Jahrzehnten hat sich in unseren Betrieben enorm viel verändert – bei Technik, Produktion und Vermarktung“, sagt Heil und fügt hinzu. „Geblieben ist der Anspruch, aus einem Naturprodukt mit handwerklichem Können etwas Besonderes zu machen.“ Fast alle hiesigen Keltereien seien Familienbetriebe. Eigentlich sei es in Hessen immer selbstverständlich gewesen, dass es viele Keltereien gebe – „das ist leider Geschichte“, berichtet Heil. Längst sei von einem Brauerei- und Keltereisterben die Rede. „Wir kennen manche Kollegen, die es schlicht nicht mehr gibt“, so der Vorsitzende. Zwar stehe man durchaus untereinander im Wettbewerb, ziehe jedoch noch an einem Strang. Nicht nur die allgemeine wirtschaftliche Lage der Konsumenten, sondern auch der Trend, dass immer weniger Alkohol getrunken werde, setze den Keltereien zu. Allerdings habe gerade der Apfelwein mit seinem vergleichsweise geringen Alkoholgehalt für manche Kunden auch Vorteile, denn viele Kunden seien an einem bewussten und maßvollen Genuss interessiert. Andere wiederum wollten schlicht nicht nach Bier riechen. Zudem setzten viele Kelterein längst auch auf alkoholfreien Apfelwein. „Viele denken dann, das ist einfach Apfelsaft – die liegen aber komplett falsch“, so Nöll. Tatsächlich handele es sich um ein zuckerreduziertes Produkt, das es in Hessen seit rund 15 Jahren gebe. Ein Drittel des Apfelweins aus den hessischen Keltereien sei mittlerweile alkoholfrei. Sorge bereitet den Kelterern zudem, dass mehr und mehr internationale Hersteller auf den deutschen Markt drängten. Heil spricht von Marken, die es vorher „schlicht nicht gegeben hat“, und Cider aus dem Ausland. Dennoch nennt er einen Unterschied zwischen den Herstellern, der für Hessens Kelterer zentral ist: Bei der Konkurrenz stehe nämlich fast nie eine eigene Apfelweinpresse. „Stattdessen kaufen die ihre Rohware weltweit ein.“ Außerdem unterscheiden sich die Inhaltsstoffe der hessischen Ware und die der Konkurrenz stark, so der Kelterer. „In unserem Apfelwein sind zu 100 Prozent Äpfel aus der Region, während die Produkte der Konkurrenz nur rund fünf Prozent Apfel enthalten.“ Der hessische Apfelwein bleibe zudem ein günstiges Produkt aus der Region, das um die zwei Euro je Liter koste und nach einer Rezeptur hergestellt werde, die man über Generationen hinweg verfeinert habe. Alexander Nöll und Martin Heil blicken trotz aller Schwierigkeiten in die Zukunft und sind sich einig: Wie der Jahrgang am Ende schmeckt, hängt nicht allein vom Apfel ab. Die Auswahl und Mischung der Sorten, das Pressen, Vergären und Lagern verlangten Erfahrung und Gespür. Ein guter Apfel sei die Grundlage, jedoch entstehe daraus ein guter Apfelwein nicht von allein – sondern durch die Expertise der Kelterer.
