FAZ 10.01.2026
10:23 Uhr

Antonio Muñoz Molina: Der beste Zeuge für die spanische Malaise


Der spanische Schriftsteller Antonio Muñoz Molina gehört seit vielen Jahren zu den bedeutendsten Autoren seines Landes. Ein Glückwunsch zum siebzigsten Geburtstag.

Antonio Muñoz Molina: Der beste Zeuge für die spanische Malaise

Der Werdegang dieses spanischen Schriftstellers lässt vor allem auf zweierlei schließen: ein überbordendes Schreibtalent und den brennenden Wunsch, sein Milieu zu verlassen. Geboren 1956 im andalusischen Úbeda, einer schönen, aber abgelegenen Provinzstadt, katapultierte sich Antonio Muñoz Molina innerhalb weniger Jahre aus der ländlichen Geistesenge in die grenzenlose Welt der Literatur. Schon mit Anfang dreißig veröffentlichte er mit dem Roman „Der Winter in Lissabon“ seinen ersten Bestseller, es folgte die Verfilmung. Dann kamen weitere Bücher, in denen zwei Stränge immer sichtbar blieben: die Analyse des eigenen Seelenlebens und die Beschäftigung mit der spanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Muñoz Molina hat in „Der polnische Reiter“ (Deutsch 1995) eine beeindruckende Erkundung Andalusiens geliefert, mit „Die Augen eines Mörders“ (2000) dem literarischen Krimi zu neuen Ehren verholfen und in dem Tausend-Seiten-Epos „Die Nacht der Erinnerungen“ (2011) ein Bild des spanischen Bürgerkriegs voller Grautöne und verblüffender Perspektiven geschaffen. Dass er mit 39 Jahren als jüngstes Mitglied in die Königlich-Spanische Akademie gewählt wurde, war also kaum überraschend. Er schreibt in vielen Genres – Roman, Essay, Memoir, Zeitungsartikel –, und er schreibt immer gut, meist mit dem fragenden Blick von halb unten nach oben, wie es dem Landjungen, der sich die Bildung selbst erobern musste, entspricht. Das bröckelnde Fundament Eine bestimmte Facette seines Denkens ist auf dem deutschen Markt allerdings unsichtbar, und das ist die des Chronisten und Sozialkritikers. Damit sind nicht nur seine Kolumnen für die Zeitung „El País“ gemeint, in denen er spanische Geschichtsdebatten aufgreift, auf besondere Ausstellungen hinweist oder an halb vergessene Autoren des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts erinnert. Nein, auch sein wichtiges Buch „Todo lo que era sólido“ (Alles, was einmal fest war, 2013), eine schonungslose Zustandsbeschreibung spanischer Versäumnisse und Miseren, hat es nicht bis zur Übersetzung ins Deutsche geschafft. Wir haben den epischen Erzähler Muñoz Molina, meisterhaft übersetzt von Willi Zurbrüggen; aber den europäischen Zeitdiagnostiker haben wir nicht. Der große Essay „Todo lo que era sólido“ bedient ein Genre, das bei der jüngeren Generation verständlicherweise auf Desinteresse stößt. Dabei wäre das Gespräch zwischen den Generationen wichtig und nützlich. Denn Muñoz Molina unternimmt es hier, die verschiedensten Erscheinungen der spanischen Gesellschaft auf ihre Tauglichkeit und Solidität – die „Festigkeit“, von der der Titel spricht – zu überprüfen. Den Vorwurf, in den sein Buch mündet, richtet er vor allem an die eigene Generation: Wie konnte es zur mangelhaften Demokratisierung nach dem Tod Francos kommen, der Fetischisierung von Immobilien, dem Ausverkauf schönster Landschaften und der Zerstörung der Küsten? Warum regiert das ohrenbetäubende Bumm-bumm der Partys, was ist mit der Stille? Und warum schafft es ein Land, das längst zu den wohlhabenden europäischen Nationen aufgeschlossen hat, immer noch nicht, seiner Jugend eine vernünftige Bildung und halbwegs sichere Berufsaussichten zu geben? Leichtfertigkeit, Oberflächlichkeit, Vulgarität: auch das kann Spanien sein. Der Autor zeichnet ein Gegenwartsbild, erforscht die Vergangenheit, zielt aber auf unbeantwortete Zukunftsfragen. Es brauchte nicht viel Phantasie, sie auf unser Land zu übertragen. Heute feiert Antonio Muñoz Molina seinen siebzigsten Geburtstag.