FAZ 27.01.2026
20:30 Uhr

Antisemitismuskonferenz: Netanjahu warnt vor dem „World War Jew“


Auf einer Antisemitismuskonferenz in Jerusalem warnen Politiker vor der doppelten Gefahr von Linken und Islamisten. Auch Rechtspopulisten aus Europa sind mit dabei.

Antisemitismuskonferenz: Netanjahu warnt vor dem „World War Jew“

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu spricht ein exzellentes amerikanisches Englisch, das er gern hervorholt, etwa wenn es Gäste aus dem Ausland zu begrüßen gilt. Er hat außerdem ein Faible für etwas merkwürdige Wortspiele. In seiner Rede auf der „Internationalen Konferenz zur Bekämpfung des Antisemitismus“ versuchte Israels Ministerpräsident, ein neues Schlagwort zu prägen: „World War Jew“. Das reimt sich auf „World War Two“, den Zweiten Weltkrieg. Der Krieg, von dem Netanjahu sprach, ist ihm zufolge aber ein an­derer: ein Weltkrieg, der sich „zuerst gegen die Juden und gegen den jü­dischen Staat“ richtet. Aber damit auch gegen „den Westen, wie wir ihn kennen“. Netanjahu sprach – und die ganze Konferenz war ausgerichtet worden –, um die Kräfte gegen diese Bedrohung zu bündeln. Diese gehe von einer Al­lianz zweier sehr unterschiedlicher Kräfte aus, erläuterte er in seiner Rede am Montagabend: „radikalen Muslimen“ und „ultra-antiwestlichen Progressiven“. Israel sei dabei das Ziel, weil es ein westlicher Vorposten im Nahen und Mittleren Osten sei. Wenn der jüdische Staat nicht mehr existieren sollte, behauptete Netanjahu mit Blick auf Einwanderung, „gäbe es kein Hindernis für die weitere Invasion Europas“. Bei einem Teil des Publikums dürften solche Töne gut angekommen sein. Wie bei der ersten Ausrichtung im vergangenen Jahr hatte Amichai Chikli, Israels Minister für Diaspora-Ange­legenheiten und die Bekämpfung von Antisemitismus, Vertreter rechtspopulistischer Parteien aus Europa einge­laden, denen zum Teil bis heute Antisemitismus in ihren Reihen vorgeworfen wird – etwa Rassemblement Na­tional, Schwedendemokraten, Vox, Vlaams Belang. Auch ansonsten hatte die zweitägige Konferenz, die am Montag mit einer Veranstaltung in der Knesset begann, eine deutliche rechtskonservative Schlagseite – im Einklang mit der Ausrichtung der Jerusalemer Regierungskoalition. Konservative Influencer und israelfreundliche Politiker Als im vergangenen März klar geworden war, wer alles auf der Rednerliste steht, hagelte es Kritik und Ab­sagen. Der britische Oberrabbiner zog seine Teilnahme zurück, der franzö­sische Philosoph Bernard-Henri Lévy, der deutsche Antisemitismusbeauftragte Felix Klein. In diesem Jahr scheinen solche Personen überwiegend gar nicht mehr erwogen zu haben zu kommen. Anwesend waren vor allem Vertreter rechter Parteien aus Ländern wie Ungarn, Polen, Belgien oder Spanien, konservative Influencer sowie einige als israelfreundlich geltende Politiker, die nicht mehr im Amt sind – etwa der frühere österreichische Kanzler Sebastian Kurz oder Australiens früherer Premierminister Scott Morrison. Der ranghöchste Gast war der albanische Ministerpräsident Edi Rama. Wissenschaftler waren kaum vertreten. Die Agenda, die Chikli mit der Konferenz verfolgt, scheint das nur geschärft zu haben. Am Dienstag beschrieb er die Gefahr, die vom „islamischen Fanatismus“ für Juden und für Israel ausgeht. Diesen stellte er als Fortführung der Naziideologie dar – von „Islamo-Nazismus“ sprach er. Im Kampf gegen diesen Gegner müsse man alle „politische Korrektheit“ vergessen. Chikli gilt innerhalb von Netanjahus Likud-Partei als Vorreiter der Bestrebungen, die Beziehungen zu rechten Parteien in Europa zu verbessern, von denen Israel sich in der Vergangenheit ferngehalten hatte. Die deutsche AfD ist davon offenbar weiter ausgenommen; die FPÖ nicht mehr, nachdem am Montag ein Europaabgeordneter der österreichischen Partei im Rahmen einer Delegationsreise von Netanjahu empfangen worden war. Blind für die Gefahren des Antisemitismus von rechts zu sein, wollten die Organisatoren sich indessen vermutlich nicht wieder vorwerfen lassen können. Auch dieser sei eine Gefahr, sagte Chikli am Montagabend in seiner Rede beim Galaempfang mit Netanjahu – immer noch oder sogar wieder verstärkt. Auch auf der eigent­lichen Konferenz am Dienstag war mehrmals das Schlagwort von der an­tisemitischen „woken Rechten“ zu hören, ein Phänomen, das demnach vor allem in den Vereinigten Staaten vermehrt auftritt. „Zerfall der moralischen Architektur“ Der Fokus lag aber woanders. Selbst der Holocaust wirkte auf dieser Kon­ferenz, die am Internationalen Holocaustgedenktag stattfand, oft nur noch wie ein Hintergrundrauschen. Dage­gen sprachen zahlreiche Redner und Panelisten ausführlich über die schon von Netanjahu beschriebene doppelte Gefahr von Linken und Islamisten – bisweilen in Verbindung mit scharfer Kritik an muslimischer Einwanderung nach Europa oder am Islam als solchem. Israels Staatspräsident Izchak Herzog sagte in seiner Eröffnungsrede am Dienstag, man erlebe derzeit den Zerfall der „moralischen Architektur“ auf der Welt. Er beschrieb eine „Achse des Hasses“, die von Iran über west­liche Hauptstädte bis in die sozialen Netzwerke reiche. Dieser Hass werde dabei bisweilen als Aktivismus getarnt. Juden müssten sich wieder verstecken. Dass die Bedrohungslage für Juden sich seit dem 7. Oktober 2023 weltweit verschärft hat, wurde schon im Eingangsbereich des Internationalen Konferenzzentrums in Jerusalem un­terstrichen. Auf eine Videoleinwand wurden Fotos von Opfern von Terroranschlägen aus jüngerer Zeit projiziert – etwa im Dezember im australischen Bondi Beach. Die Stände und Aus­stellungen im Foyer machten aber auch deutlich, wie die israelische Regierung – oder zumindest Chikli – das Thema mit einer generellen politischen Agenda zu verzahnen versucht. An einem Stand, der von einem mit Pistole bewaffneten Mann beaufsichtigt wurde, informierte die Organisation „Ad Kan“ darüber, dass sie „Antisemiten jagt“ und gegen „antiisrae­lische Elemente“ vorgeht, die Israel delegitimierten und zu Israelhass aufstachelten. Zu diesen gehören demnach auch Menschenrechtsorganisationen wie BTselem. Nebenan lagen Broschüren der „Souveränitätsbewegung“ aus. Darin wurde gegenwärtiger Antisemitismus als Versuch beschrieben, dem jüdischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung in seiner historischen Heimat zu verwehren. Diese umfasse insbesondere „Judäa und Samaria“ – also das Westjordanland – und Gaza. Auch dort müsse Israel endlich Souveränität ausüben, fordert die Gruppe – sprich, die Gebiete annektieren.