An einer Stelle des Gesprächs lachen Sophie Brüss und Susanne Urban kurz auf, obwohl es eigentlich keinen Grund dazu gibt. Es ist ein sarkastisches Lachen, das den beiden entfährt, als sie gefragt werden, ob die Zahl antisemitischer Vorfälle an Hochschulen nach Beginn der Waffenruhe im Gazastreifen abgenommen habe. Davon könne keine Rede sein, meinen Brüss und Urban. Im Gegenteil: Die Pro-Palästina-Aktivisten, die den angeblichen „Genozid“ durch Israel in Gaza anprangern, träten inzwischen sogar noch kämpferischer auf. Brüss sagt, an ihrer Hochschule hätten sich zuletzt auch nichtjüdische Studenten über die Radikalität dieser Gruppen beschwert. Dass Israel bei deren Kundgebungen als „Kindermörderstaat“ verunglimpft werde, gehöre mittlerweile ebenso zur Routine wie „IsraHell“-Rufe, die Schmähung des Judenstaats als „zionistische Entität“ oder die Gleichsetzung der israelischen Armee mit der deutschen Wehrmacht. Ressentiment als Kritik an „Zionismus“ getarnt Urban ist Beauftragte für den Kampf gegen Antisemitismus an der Universität Marburg; Brüss hat die gleiche Funktion an der Frankfurt University of Applied Sciences inne. Beide werden in ihren Ämtern mit Manifestationen von Judenhass konfrontiert, die in ihrer Aggressivität nicht misszuverstehen sind. Sie müssen aber auch versuchen, Licht in die Grauzone zu bringen, die sich zwischen legitimem Unmut über Israels Kriegführung und einem Antisemitismus erstreckt, der antijüdisches Ressentiment als Kritik an „Zionismus“ und „Siedlerkolonialismus“ tarnt. Zu diesem Zweck haben Brüss und Urban kürzlich eine Handreichung veröffentlicht, die darlegt, wie sich die Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) an Hochschulen anwenden lässt. Die IHRA beschreibt Antisemitismus als „eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann“ und sich sowohl gegen jüdische Institutionen als auch gegen jüdische und nichtjüdische Einzelpersonen richten könne. Nicht als antisemitisch einzustufen sei Kritik an Israel, die sich mit jener an anderen Ländern vergleichen lasse. 2019 hat die Hochschulrektorenkonferenz die IHRA-Definition als „klare Grundlage zum Erkennen von Judenhass“ und „wichtiges Werkzeug bei seiner Bekämpfung“ anerkannt. Checkliste zur Überprüfung von Veranstaltungen Urban und Brüss erklären in ihrer Publikation, warum die IHRA-Auslegung der 2020 veröffentlichten „Jerusalem Declaration on Antisemitism“ vorzuziehen sei: Letztere beschreibe Antisemitismus ausschließlich als Diskriminierung oder Gewalt gegen Juden oder jüdische Einrichtungen, nicht aber gegen Personen oder Objekte, die als „jüdisch“ gedeutet würden. Angriffe auf tatsächliche oder vermeintliche Unterstützer Israels gehörten jedoch zum Alltag auch an Hochschulen – ebenso wie die Dämonisierung Israels, die Relativierung des Holocausts und Kritik an einer angeblich im Verborgenen wirkenden „Israel-Lobby“. Im Anhang der Handreichung findet sich eine Checkliste, die dabei helfen soll, Veranstaltungen an Hochschulen auf Antisemitismus-Risiken zu überprüfen. In dem Katalog wird unter anderem abgefragt, wie die Organisatoren zur IHRA-Definition stehen, ob sie Israel dämonisieren, delegitimieren oder nicht nach den gleichen Standards beurteilen wie andere Staaten, ob der Gazakrieg mit dem Holocaust gleichgesetzt wird oder auf Flyern und Plakaten Symbole der Terrororganisation Hamas verwendet werden. Skeptischer Blick auf Marburger Nahostzentrum Ebenfalls aufgelistet werden Argumente für oder gegen die Verweigerung von Veranstaltungsräumen. Der Verweis auf Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit wird nach Ansicht von Urban und Brüss oft missbraucht, um israelbezogenen Antisemitismus zu rechtfertigen: Einen Rechtsextremen würde auch niemand an einer Uni einen Vortrag über die Schoa halten lassen, glauben die beiden Beauftragten. Skeptisch sehen sie auch das Argument, man müsse „Diskursräume“ offen halten: „Wo Wissenschaft durch Dogmatik und Ideologie ersetzt wird, geht es nicht um Diskurs.“ Ideologische Voreingenommenheit von Dozenten und Studenten, die sich „kritisch“ mit Israel befassen, beklagen die Antisemitismusbeauftragten auch im Gespräch mit der F.A.Z. Aufmerksam schaut Urban in diesem Zusammenhang weiter auf das Centrum für Nah- und Mittelost-Studien der Uni Marburg, das schon öfter durch eine einseitige Sicht auf den Palästinakonflikt aufgefallen ist. Das Zentrum sei ein „schwerer Brocken, mit dem wir umgehen müssen“, meint Urban; es gebe dort „sehr viel Fragwürdiges“. Immerhin würden nun gelegentlich auch Referenten eingeladen, die differenziertere Positionen einnähmen. Findet Urban Veranstaltungen des Nahostzentrums oder anderer Uni-Institute problematisch, „dann interveniere ich“, sagt sie. Umgekehrt wenden sich Uni-Angehörige an Urban, wenn sie sich mit Judenfeindlichkeit konfrontiert sehen. 28 antisemitische Vorfälle wurden nach ihren Angaben 2024 in Marburg registriert. Über einzelne Fälle darf Urban nicht sprechen; das Spektrum der Beschwerden reicht nach ihren Worten von der Missachtung jüdischer Feiertage über einseitige ideologische Lehre bis hin zu „manifestem Antisemitismus auch bei Hochschulangehörigen“. Urban und Brüss sind sich einig in ihrem Fazit: Nach wie vor hätten jüdische Studenten und Lehrende Angst vor Anfeindungen, viele gäben sich nicht als Juden zu erkennen und mieden Situationen, die ihnen heikel erschienen – bis hin zum Verzicht auf Präsenzvorlesungen. Dass sich daran bald etwas ändert, ist wohl nicht zu erwarten, gleichgültig, was in Gaza und Israel geschieht.
