FAZ 22.12.2025
09:08 Uhr

Antisemitismus: Warum Ungarn für viele Juden eine Insel der Sicherheit ist


In Berlin, London und Paris wagen sich Juden mit Kippa kaum noch auf die Straße. In Budapest ist das anders. Für Orbán ist es ein später Triumph: Er sieht sich in seiner ex­tremen Migrationspolitik bestätigt.

Antisemitismus: Warum Ungarn für viele Juden eine Insel der Sicherheit ist

Als die Lichter entzündet sind, kommt Fahrt in die Menge. Kurz noch hat der Rabbi an die Opfer vom australischen Bondi Beach erinnert und an die Dunkelheit, die man mit Liebe vertreiben werde, dann tanzen die Frauen in ihren riesigen Wollschals und Mützen im Kreis. Aus dem Lautsprecher schallen hebräische Lieder in den Budapester Dezembernebel, die meisten Menschen singen aus vollen Kehlen mit. An die 200 Menschen sind an diesem Abend zum Entzünden der Chanukka-Kerzen in die Innenstadt der ungarischen Hauptstadt gekommen, die allermeisten von ihnen Israelis. „Wir sind nach zwei Jahren Krieg alle traumatisiert“, sagt ein junger Mann, der an einer Schule nahe dem Gazastreifen unterrichtet und nur für ein paar Tage nach Budapest gekommen ist. „Aber hier können wir wieder atmen. Hier fühlen wir uns sicher.“ Während es viele Juden in Berlin, London oder Paris kaum noch wagen, mit Kippa auf die Straße zu gehen, ist in Budapest das Gegenteil der Fall. Das jüdische Leben floriert, und vor allem der Tourismus aus Israel boomt. Nach den Zahlen eines israelischen Reisversicherers liegt Ungarn inzwischen auf Platz zwei der beliebtesten Reiseziele für Israelis, direkt hinter Thailand. Israelische Popmusik liegt in den Gassen Im jüdischen Viertel rund um die majestätische, im maurischen Stil errichtete Große Synagoge an der Dohány-Straße finden sich reihenweise israelische Restaurants mit hebräischen Speisekarten und Koscher-Zertifikaten des örtlichen Rabbinats. Abends dringt israelische Popmusik durch die Gassen, überall sind Grüppchen unterwegs, die mit überdimensionierter Winterkleidung und Kippa-tragenden Männern leicht als Israelis zu erkennen sind. Und anders als in den meisten europäischen Großstädten findet man in Budapest zwischen den Graffitis an den Hauswänden keine Genozidvorwürfe, sondern die kleinen Erinnerungssticker, die Israelis tausendfach für die Opfer der Massaker vom 7. Oktober und ihre gefallenen Freunde gedruckt haben. Für Ministerpräsident Viktor Orbán ist es ein später Triumph: Er sieht sich in seiner ex­tremen Migrationspolitik bestätigt. Viele sehen Ungarn als Vorzeigestaat, was die öffentliche Sicherheit angeht, gerade für Juden. Der verschwindend geringe Anteil an Einwanderern aus muslimischen Ländern, in denen der offene Hass auf Israel seit dem Gazakrieg immer heftiger aufflammt, macht das Klima für Israelis besonders freundlich, zumal sich Orbán wie kein anderer westlicher Regierungschef nach dem 7. Oktober auf die Seite Israels stellte, Kritik an der israelischen Kriegsführung als Propaganda abtat und propalästinensische Demonstrationen verbot, die als Sympathiebekundung mit der Hamas verstanden wurden. Im Frühjahr verließ Ungarn sogar das Statut des Internationalen Strafgerichtshofs, um Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in Budapest zu empfangen, der von Den Haag wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit per Haftbefehl gesucht wird. Für Orbán war Netanjahus Besuch eine willkommene Gelegenheit, dem Rest der EU politisch den Mittelfinger zu zeigen, das darf man getrost unterstellen. Doch sein Verhältnis zu Netanjahu, der ihm als instinktsicherer Machtpolitiker ähnlich ist, gilt schon lange als eng, zumal sich beide als Verbündete im Kampf gegen den „liberalen Zeitgeist“ sehen und enge Verbindungen zu Donald Trumps MAGA-Bewegung pflegen. Für die israelischen Besucher geht es freilich weniger um große Politik. Anfang des 20. Jahrhunderts waren fast ein Viertel der Einwohner Budapests Juden, unter Antisemiten war die Stadt als „Judapest“ verschrien. Viele bekannte jüdische Persönlichkeiten stammen von hier, etwa Theodor Herzl, der Begründer der zionistischen Bewegung. Viele Israelis kommen ganz banal zum Shoppen, da die Preise viel günstiger sind als im teuren Israel und die Flugzeit nur rund drei Stunden beträgt. Die ungarische Billigairline Wizz Air gehörte zu den wenigen Fluggesellschaften, die ihre Verbindungen nach Tel Aviv trotz Krieg und Raketensalven fast durchgehend aufrechterhielt. Doch alle verweisen vor allem auf ein entscheidendes Argument: die Sicherheit. Oder, wie es viele Israelis formulieren: der Antisemitismus, der sich in den meisten Staaten der Welt wieder ausbreite. „Als Jude, und vor allem als Israeli, kann man sich seine Freunde nicht aussuchen“, sagt ein junger Mann. Lange hetzte Orbán gegen George Soros Für Orbán ist sein enges Verhältnis zu Israel und die Sicherheit für die heimischen Juden ein willkommenes Argument gegen seine Kritiker, die ihm lange vorwarfen, antisemitische Ressentiments für seine eigenen politischen Zwecke zu gebrauchen. Das bekannteste Beispiel war die Kampagne gegen den ungarnstämmigen US-Investor George Soros, der von Orbáns Fidesz über Jahre zum Hauptfeind der Ungarn erkoren worden war, weil er mit seiner Stiftung liberal gesinnte Organisationen förderte. Überall im Land ließ die Regierung damals Plakate kleben, die Soros ohne Scheu vor antisemitischen Stereotypen als Großkapitalisten darstellten, der an einer Weltverschwörung arbeite. Auch Orbáns Umgang mit der Frage, wie viel Mitverantwortung seine Landsleute an der Ermordung von rund 600.000 ungarischen Juden durch die Nazis trugen, war immer wieder ambivalent, was sich etwa im Streit über ein Denkmal für die deutsche Besatzungszeit niederschlug, das Ungarn als wehrloses Opfer der Deutschen darstellte. Dabei hatte das NS-Regime nur einen kleinen Trupp von Besatzungskräften gebraucht, um 1944 mehr als 400.000 ungarische Juden in nur wenigen Monaten nach Auschwitz zu deportieren und zu ermorden. Für Jonatan Megyeri ist das Schnee von gestern. „Orbán musste den äußersten Rändern ein paar Happen hinwerfen“, sagt er. „So hat er es geschafft, die extremistischen Parteien im Land kleinzuhalten.“ Megyeri ist Rabbi in der orthodoxen Chabad-Bewegung und in Ungarn als so etwas wie ein jüdischer Influencer und Kommentator bekannt. Auf Facebook hat er Zehntausende Follower, ständig wird er in Diskussionsrunden vor allem in die regierungsnahen Sender geladen. „Dass ein Rabbiner in den Medien überall präsent ist, trägt zur Normalisierung bei“, sagt er. Das alles sei Teil einer sich wandelnden Stimmung. „Was ich kenne, muss ich nicht fürchten.“ Wie viele ungarische Juden stammt Megyeri eigentlich aus einer säkularen Familie, die kaum noch Bezug zu ihrer jüdischen Tradition hatte. Durch Holocaust und Sozialismus hatten die meisten verbliebenden Juden ihre Identität versteckt oder sich von ihr gelöst, sei es aus Angst, aus sozialistischer Überzeugung oder einfach, weil sie ohnehin schon den Weg der Assimilation eingeschlagen hatten. Als junger Mann ging Megyeri auf der Suche nach seiner Identität nach New York, wo er sich der Chabad-Bewegung anschloss. Heute betreibt die Bewegung, die Juden zurück zum Glauben führen will, eine ganze Reihe von Synagogen in Budapest, ein koscheres Café und macht auch Angebote für die israelischen Besucher, etwa mit der Chanukka-Zeremonie auf Hebräisch. In den alteingesessenen Gemeinden ist man nicht überall glücklich über die Expansion der amerikanisch geprägten Chabad-Bewegung. Aber spätestens seit dem 7. Oktober 2023 und der weltweiten Bedrohung will man die Gemeinsamkeiten betonen. „Wir sind eben deutlich agiler und dynamischer als die alten Gemeinden“, sagt Megyeri. „Aber wir wollen keine Konkurrenten sein.“ „Wie im Paris der sechziger Jahre“ Die Chabad-Bewegung rechnet sich selbst dem orthodoxen Judentum zu, will der Welt aber aufgeschlossen gegenübertreten. Mit Orbáns Kampf gegen den Liberalismus hat Magyeri durchaus Sympathien. „Ich will sicher nicht als Kreuzritter auftreten, der das christliche Europa rettet“, sagt er. Aber als Jude bekomme man die Folgen der Masseneinwanderung und den „importierten“ Antisemitismus aus muslimisch geprägten Ländern viel schneller zu spüren – außer in den wenigen Staaten wie Ungarn, die sich gegen den EU-Migrationspakt gestemmt hätten. „Es ist vollkommen klar, dass nicht alle Einwanderer ein Problem sind“, sagt er. „Aber am Ende ist es reine Mathematik, dass die Gefahr für uns Juden steigt, wenn so viele Menschen aus arabischen Ländern nach Europa kommen.“ Es ist das gleiche Thema, das einem überall in unterschiedlichen Varianten entgegenklingt. Shlomo Köves, der leitende Rabbi der Chabad-Gemeinden, erzählt, dass ihm als jungem Mann noch alte Damen zugeraunt hätten, er solle seine Kippa verstecken, weil ihn das in Gefahr bringen könne. „Heute kommen Juden von überall nach Budapest und genießen es, sich ohne Angst zeigen zu können“, erzählt er. „Manche Ältere schwärmen sogar, die Stimmung sei wie im Paris der Sechzigerjahre.“ Auch Köves’ Geschichte ist typisch für viele Budapester Juden. Seine Großeltern hatten den Holocaust überlebt und die eigene jüdische Identität selbst vor ihren Kindern verheimlicht. Er selbst fand mit elf zu seinen religiösen Wurzeln und tauschte den ungarischen Namen Máté gegen Shlomo ein. Natürlich seien die meisten ungarischen Juden weiterhin säkular eingestellt und würden nur selten in eine Synagoge gehen, sagt er. „Aber niemand muss sich mehr verstecken.“ Die Euphorie der Chabad-Gemeinden teilen freilich nicht alle in Ungarn. Auf einer Theaterveranstaltung am Abend erzählt eine Dame von dem „alten“ Antisemitismus, der im Land weiter schwele. Kürzlich erst habe sie bei ihrer Mutter durch das offene Fenster gehört, wie die Nachbarn darüber sprachen, dass man die „Sache mit den Juden“ damals doch hätte zu Ende bringen sollen. Immer wieder brächen solche Dinge plötzlich im Alltag hervor. Gerade im liberalen jüdischen Bürgertum war das Befremden über Orbáns Politik und seinen radikalen Kurs im Streit über die Migration früher groß. Die alte Dame kann aber vor allem die Anti-Soros-Kampagne von damals nicht vergessen: „Man hat das Gesicht eines alten Juden genommen und auf den Boden der Straßenbahnen geklebt, damit die Menschen auf ihn treten“, sagt sie. „Wie soll man das anders verstehen?“ Doch auch wenn das Verhältnis vieler ungarischer Juden zur Regierung nicht immer frei von Konflikten war, sagt der Präsident der Föderation der jüdischen Gemeinden (Mazsihisz), Andor Grósz, heute unmissverständlich: „Es lässt sich sagen, dass keine ungarische Regierung in den vergangenen 80 Jahren so viel für die Juden getan hat wie diese.“ Das habe schon damit begonnen, dass Orbán unmittelbar nach seiner Wiederwahl 2010 strenge Gesetze gegen Antisemitismus verabschiedet habe und die Regierung heute jüdische Einrichtungen im Land fördere, doch seit dem 7. Oktober 2023 sei ohnehin alles anders. Es bereite ihm tiefe Sorge, sagt Grósz, wie Israel in der Welt wahrgenommen werde. Man könne über Verhältnismäßigkeit und bestimmte Punkte der Kriegsführung streiten. Aber die extreme Art, wie in vielen Teilen der Welt über Israel geurteilt werde, befeuere den Antisemitismus. „Wenn wir die Nachrichten aus anderen Ländern hören, fühlen wir, wie unsere Vorfahren empfunden haben müssen“, sagt Grósz und schließt: „Hier in Ungarn können wir uns noch sicher fühlen.“