Im August 2025 stieg das Live-Album von Roger Waters in Deutschland auf Platz eins der Album-Charts ein. Auf seiner Tour hatte der frühere „Pink Floyd“-Sänger in Deutschland zwei Jahre vorher Arenen ausverkauft. Zehntausende Fans jubelten ihm zu, obwohl Waters den Holocaust relativiert, auf Konzerten Ballons in Schweineform mit einem Davidstern aufsteigen ließ und in einem Mantel aufgetreten war, der an SS-Uniformen erinnerte. Man kann als Musiker also Antisemitismus verbreiten und wirtschaftlich sehr erfolgreich sein. In vielen kulturellen Milieus ist zumindest der Hass auf Israel sogar eine gute Geschäftsgrundlage. Comedians machen heute keine Witze mehr, sondern schimpfen einfach auf Israel: Dave Chappelle beendete sein jüngstes Netflix-Special damit, dass er seinem Publikum einen Code mitteilte – etwas, das er niemals sagen würde. An diesem Code sollen seine Fans künftig erkennen, wenn „sie“ ihn vereinnahmt haben. Der Satz lautet: „I stand with Israel.“ Jubel im Stadion, Mic Drop. Als Chappelle-Fan und Freund Israels lief es einem kalt den Rücken runter. Kritiker sahen eine „Normalisierung von Antisemitismus“ In diesen Zeiten sollte man sich also über jeden Künstler freuen, der sich abkehrt vom Antisemitismus – so wie aktuell der Rapper Ye, früher bekannt als Kanye West, oder vor ein paar Jahren Xavier Naidoo. Beide hatten jahrelang vor einer riesigen Gefolgschaft Antisemitismus verbreitet. Naidoo räumte 2022 in einem Video ein, dass er von Verschwörungserzählungen geblendet worden sei. Er bat um Verzeihung, er verurteilte Antisemitismus. Ende 2025 trat er dann zum ersten Mal wieder auf. Kritiker sahen darin eine „Normalisierung von Antisemitismus“. Man ebne „einem Täter den Weg zurück in die Mitte der Gesellschaft“, ohne dass er seine Taten „aufgearbeitet“ habe. Diese Aufarbeitung müsse Naidoo mit derselben Vehemenz betreiben wie die Verbreitung seiner Hassbotschaften. Aber wie soll das gehen, wenn man jahrelang manisch Verschwörungserzählungen verbreitet hat und vor der Kamera zusammengebrochen ist, weil angeblich Kindern Blut abgezapft wurde? Man muss ihn nicht dafür feiern Naidoo hätte sicher mehr machen können. Aber in der Welt von Verschwörungserzählern und Rechtsradikalen gilt es als Hochverrat, sich vom eigenen kruden Weltbild zu distanzieren – und dem verhassten Mainstream anzunähern. Diesen Schritt ist er gegangen, und er hat sich seit bald vier Jahren öffentlich keinen Rückfall geleistet. Dafür muss man ihn nicht feiern, man sollte es aber respektieren. Es ist richtig, sich Antisemiten mit aller Kraft in den Weg zu stellen. Aber jemandem den Weg zurück in die Mitte der Gesellschaft zu ebnen, sollte kein Vorwurf sein, sondern das Ziel. Natürlich muss er dafür ernsthafte Reue zeigen. Im RTL-Dschungelcamp kann man aktuell beobachten, wie man es nicht macht: Der Sänger Gil Ofarim hatte vor Jahren fälschlicherweise behauptet, ein Hotelmitarbeiter habe ihn antisemitisch beleidigt. Im Dschungel konnte man ihn nun so verstehen, dass er nur die Schuld auf sich genommen habe, um seine Kinder nicht zu verlieren. Dabei hat er nicht einfach Schuld auf sich genommen wie ein Heiliger, er hat sich schuldig gemacht und der jüdischen Gemeinde geschadet. Dafür bekommt er nun angeblich die höchste Gage aller Dschungelcamper. Auch Ye kann sich nicht ausruhen Auch bei Ye ist auffällig, dass er sich immer dann für seinen antisemitischen Wahnsinn entschuldigt, wenn gerade ein neues Album ansteht. Er war allerdings auch als wahnsinniger Antisemit ziemlich erfolgreich. Seine Ausfälle erklärt er nun mit einer psychotischen Episode, die Spätfolge eines Autounfalls gewesen sei. Der Teil mit dem Unfall ist medizinisch eher unwahrscheinlich, aber Menschen mit Psychosen ruinieren im Wahn wirklich oft ihr ganzes Leben. Auch ihnen sollte man den Weg zurück in die Gesellschaft nicht versperren. Trotzdem kann sich Ye auf dieser Erklärung nicht ausruhen. Eine führende jüdische Interessenvertretung in den USA schrieb: „Die aufrichtigste Entschuldigung wäre, wenn er sich künftig nicht mehr antisemitisch verhalten würde. Wir wünschen ihm alles Gute auf seinem Weg der Genesung.“ So kann eine Gesellschaft im besten Fall heilen Diese Worte kann man gar nicht hoch genug bewerten: Ye hat Hakenkreuz-T-Shirts verkauft, Hitler gefeiert, den Holocaust geleugnet – trotzdem schlägt man ihm nicht die Hand weg. So kann eine Gesellschaft im besten Fall heilen, auch nach einer Pandemie, die viele Menschen auseinander und in den Wahnsinn getrieben hat. Resozialisierung ermuntert andere dazu, sich auf den Weg zurück in die Mitte der Gesellschaft zu machen. Dort wird jeder gebraucht. In Deutschland suchen viele stattdessen lieber akribisch nach den kleinsten Fehltritten – um dann maximale Konsequenzen zu fordern. Das mag sich gut anfühlen, aber irgendwann wird es einsam mit den wenigen Menschen, die immer alles richtig machen. Oder man wird am Ende selbst noch vom Bluesky-Hof gejagt. Besser wäre es, sich im Kleinen im Vergeben zu üben – der Rapper Ye ist dann sicherlich das Endlevel.
