FAZ 27.12.2025
09:00 Uhr

Antike Straße in Frankfurt: „Eine Art römische Autobahn“


Der Grünzug „Römische Straße“ am Riedberg in Frankfurt folgt in seinem Verlauf einer bedeutenden antiken Fernstraße. Mit Stelen wird darauf hingewiesen.

Antike Straße in Frankfurt: „Eine Art römische Autobahn“

Alle Wege führen nach Rom: Heutzutage wird diese Redewendung gern als Metapher gebraucht, doch in der Antike war sie Realität. Das riesige Straßennetz, das das Römische Reich von den Britischen Inseln bis nach Nordafrika durchzog, verband alle wichtigen Provinzen mit der Hauptstadt. Neuesten Forschungen zufolge werde die Gesamtlänge dieser Wege auf insgesamt knapp 300.000 Kilometer geschätzt, sagt Carsten Wenzel, Kustos im Archäologischen Museum Frankfurt. Das gehe aus einem digitalen Atlas hervor, in dem Forscher unter der Überschrift „Itiner-e“ erstmals das komplette römische Straßennetz rekonstruiert haben. Allerdings sind die meisten dieser Trassen nur schriftlich überliefert; der Prozentsatz archäologisch nachgewiesener Römerstraßen ist Wenzel zufolge verschwindend gering. „(Fast) alle Straßen führen nach Nida“, steht in leichter Abwandlung der zitierten Redensart auf einer von sechs Informationstafeln in einer neuen Grünanlage auf dem Riedberg in Frankfurt. Der hier entlangführende Weg mit dem passenden Namen „Römische Straße“ folgt über eine Länge von knapp anderthalb Kilometern einer wichtigen antiken Fernstraße. Diese Trasse verband vom Beginn des zweiten Jahrhunderts nach Christus an in fast schnurgeradem Verlauf die antike Stadt Nida mit dem Römerkastell Saalburg auf einer für den Verkehr wichtigen Passhöhe im Taunus. Nida auf dem Gebiet des heutigen Stadtteils Heddernheim war einst Hauptort der Verwaltungseinheit Civitas Taunensium innerhalb der römischen Provinz Obergermanien und bestand bis etwa 280 nach Christus. Hinauf zur Saalburg Andrea Hampel bezeichnet die einst „extrem stark befahrene“ Trasse als „ein ganz herausragendes Denkmal“ – quasi „eine Art römische Autobahn“. Dass ein Teil ihres Verlaufs nun am Riedberg nachvollzogen werden könne, sei das Ergebnis eines Langzeitprojekts und eigentlich ein Wunder. Zunächst, so die Leiterin des Frankfurter Denkmalamts, habe die Bauplanung an dieser Stelle keinen Bezug auf historische Bedingungen nehmen wollen. Doch schließlich sei umdisponiert worden, um die Trasse zu schonen. Von neu gepflanzten Bäumen und Sträuchern begleitet, führt der nun hier innerhalb einer durchschnittlich 35 Meter breiten Grünanlage angelegte Fußweg an Rasenflächen, Spielplätzen, Sportgeräten und Bänken vorbei. Die sechs runden, etwa einen Meter hohen Sandsteinstelen am Wegesrand lassen an antike Meilensteine denken. Sie dienen mit ihren abgeschrägten Schnittflächen aber als Träger von Informationstafeln. Unter der Überschrift „Lebensadern eines Weltreichs“ etwa wird anschaulich demonstriert, dass eine römische Straße aus mehreren leicht nach oben gewölbten Lagen von Sand, Kies und Steinen bestand und von Entwässerungsgräben begleitet wurde. Bei archäologischen Untersuchungen des Frankfurter Denkmalamts 2007 und 2010 konnten solche Entwässerungsgräben an der von der Stadt Nida zur Saalburg führenden Trasse nachgewiesen werden. In diesen Gräben habe sich, so Hampel, noch Kies befunden, der von der einst fünf Meter breiten Römerstraße stammte. Immer wieder seien neben der Trasse verlaufende Fahrspuren entdeckt worden. „Dabei wurde klar“, heißt es in einem Grabungsbericht, „dass die römische Straße auf über zehn Meter Breite ausgeweitet wurde.“ Eine solche Ausweitung sei ein Indiz dafür, dass diese Trasse lange genutzt worden sei. In alten Karten ist für das Areal, durch das sie verläuft, der Name „Steinstraße“ überliefert: Wenzel zufolge ein „ziemlich starker Hinweis“ auf die Beschaffenheit der antiken Trasse. Skelettfund neben der antiken Trasse Händler mit schwer bepackten Fuhrwerken, Bauern mit Ochsenkarren, Reiter, Beamte auf Dienstreise, immer wieder Soldaten und andere Fußgänger mögen hier unterwegs gewesen sein. Beschauliche Ruhe wird auf dieser Straße vor etwa 1900 Jahren wohl kaum geherrscht haben. Vor allem nicht an jenem Tag, an dem in der Nähe des heutigen Biologicums der Goethe-Universität, direkt neben dem Fahrdamm, der Leichnam eines Mannes in die Erde gesenkt wurde. Sein von Mitarbeitern des Denkmalamts entdecktes Skelett konnte aufgrund einer ebenfalls an dieser Stelle gefundenen Bronzemünze ins zweite Jahrhundert nach Christus datiert werden. Warum dieser höchstens 40 Jahre alte, etwa 1,70 Meter große Mensch, dem die linke Hand fehlte und dessen Überreste mit auf dem Rücken verschränkten Armen gefunden wurden, nicht auf einem Friedhof, sondern neben einer Fernstraße vergraben wurde, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Vielleicht ist er einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen – oder einfach während einer Reise an einer Krankheit gestorben. Im oberen Drittel des Grünzugs deutet ein eingezäunter Bauplatz mit einem großen Schild mit der Aufschrift „Soon coming“ darauf hin, dass der Bau des Stadtquartiers Riedberg noch nicht abgeschlossen ist. Hier, am Rudolf-Schwarz-Platz, lädt auch das Restaurant „Westside“ mit „mediterraner Küche und italienischem Touch“ zum Verweilen ein. Doch leider weist in diesem Lokal nichts auf die römische Vergangenheit des Ortes hin. Auch Fabrizio Ciccarelli, der sogar aus dem Land der antiken Besatzer stammt, hat noch nie etwas von der hier einst vorbeilaufenden Römerstraße gehört. Der Mitarbeiter des „Westside“ würde seine Gäste gern darüber informieren, wenn er Flyer oder anderes Material über den geschichtlichen Hintergrund des Grünzugs „Römische Straße“ erhielte. Dann ließe sich direkt neben der antiken Trasse über die Zeitläufte an dieser Stelle sinnieren – im Sommer sogar im Freien und bei klarem Wetter mit wunderbarer Fernsicht bis hinunter auf ein Stück Frankfurt-Silhouette.