FAZ 16.01.2026
17:06 Uhr

„Antigone“-Premiere in Berlin: Dies ist das Theaterstück, das man jetzt sehen muss


Am Berliner Ensemble inszeniert Johan Simons „Antigone“ von Sophokles in Hölderlins Fassung mit Jens Harzer, Constanze Becker und Kathleen Morgeneyer. Ein Abend, der ungeheuren Mut beweist. Ein Abend, der sich selbst überfordert. Ein Abend, den man gesehen haben muss.

„Antigone“-Premiere in Berlin: Dies ist das Theaterstück, das man jetzt sehen muss

Das kriegt man so nirgendwo sonst zu sehen. An keinem Theater des Landes. In keinem anderen Medium der Welt. Diese Hingabe. Diese Präzision. Dieses Risiko. Das ist die höchste Kunst, die schwerste Gewichtsklasse: Sophokles’ „Antigone“ in Hölderlins Fassung. Nahezu unverändert. Nahezu unbeirrt. Diesen hohen, von Zeitgenossen als fanatisch beschriebenen Ton zu halten, zwei Stunden lang, diesen schwierigen Text so zu sprechen, als wäre er einfach da, als würde nicht jeder Satz alle Konzentration erfordern. Als wäre das Ganze nicht ein hochgradig heikles Balancieren auf einem vor Spannung zitternden Seil. Das konzentrierte und doch so lässig wirkende Sprechen ist das eine. Aber das andere ist: Sie spielen auch noch dabei. Sie lassen sich tragen von diesen fernen Sätzen, als würden sie ihnen ganz vertrauen, geben ihnen ihren Ausdruck, ihre Gesten, ihr Lachen, ihr Zittern, als könnten sie immer nur so von sich sprechen, sich einander immer nur so zeigen. Drei Schauspieler, die Ungeheures vollbringen: Jens Harzer, Constanze Becker, Kathleen Morgeneyer. Der leere Raum Die drei stehen auf offener Bühne mit viel weißem Zeug. Als hätte der Engel der Geschichte seine Einkaufstüte ausgeleert, liegen Gipsabgüsse von Teekochern, Telefonhörern, Salzstreuern verstreut neben Dinosaurierskeletten, Büsten und Masken. In der Mitte lässt Bühnenbildner Johannes Schütz eine langgezogene Tunnelkonstruktion mit papierenen Wänden schweben. Oben im Schnürboden kann man die nackten Traversen und Seilwinden sehen. Und auch unten wird die Szenenfolge von Kargheit bestimmt. Ein Hemd, ein Stock, ein bisschen Farbe – der leere Raum, die arme Kunst, aus dem Bühnenhimmel winkt glücklich Peter Brook herab. Zum Hasse nicht, sondern zur Liebe Jens Harzer ist Antigone. Jene Tochter aus schicksalsgeschlagener Familie, deren Seele von heftigen Stürmen zerzaust ist. Zuletzt hat sie die beiden Brüder verloren, im blutigen Kampf um ihre Heimatstadt Theben, aber Kreon, der Herrscher, will nur den einen der beiden begraben lassen. Der andere soll vor den Toren der Stadt liegen bleiben bis die Vögel ihn finden. Dagegen sträubt sich Antigones Ehrgefühl. Nicht aus politischen, sondern aus anthropologischen Gründen verstößt sie gegen die vorgegebene Ordnung und tritt als erste Anarchistin der Literaturgeschichte auf. „Nie ist der Feind, auch wenn er tot ist, Freund“, ruft Kreon, aber Antigone erwidert: „Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich.“ Harzer sagt diesen Satz resolut, fast entrüstet, als gäbe es gar keine andere denkbare Begründung für das Menschsein. In Wahrheit aber schimmert durch diesen Satz erstmals die Idee einer modernen Subjektivität, bereitet er den Konflikt zwischen liebesfreiem Individuum und hartherzigem Gemeinwesen vor, der bis in gestrige Woodstock-Tage hinein größte Sinneskräfte band. Im Original aber ist es vor allem ein Konflikt zweier Sphären, den Antigone hier auslöst: auf der einen Seite die Polis-Welt mit ihrer regelbasierten Ordnung, auf der anderen die Oikos-Welt, in der es nicht um das Tun, sondern um das Sein eines Menschen geht – das Recht der Familie ringt mit dem Recht der Stadt. Und doch wirkt Kreon, so wie ihn Constanze Becker hier anlegt, nicht wie ein rachsüchtiger Ideologe. Im Gegenteil hat er kluge Argumente auf seiner Seite. „Es ist der Staat, der uns erhält“, sagt er und fragt nicht zu Unrecht: „Ist’s Tat dem huldigen, was gegen eine Welt ist?“ Denn anders als die Romantiker, insbesondere Friedrich Schlegel, meinten, stellt Kreon nicht einfach den unerbittlichen Tyrannen dar, der sich der humanen Gesinnung einer neuen Zeit verschließt. Im Gegenteil verteidigt er den Rechtsstaat gegen den disruptiven Impuls der Moral, hält er die kollektive Ordnung für heiliger als die individuelle Gesinnung. Ihm ist das Vaterland das höchste, er glaubt, es im Sinne der göttlichen Gesetzgeber zu erhalten. Herrlichste Gestalt auf Erden Darin allerdings irrt er. „Mein Zeus berichtete es nicht“, entgegnet Antigone ihm und beruft sich ebenfalls auf die Götter, die es für frevelhaft halten, wenn eine liebende Schwester ihren toten Bruder nicht begraben darf. Harzers Antigone beißt die Zähne zusammen, argumentiert unerbittlich, mal frech, mal furchtvoll und manchmal auch überraschend kolloquial: „das betrübt mich alles gar nicht“, sagt Harzer einmal trotzig und später fast schon im lockeren Fallada-Tonfall: „Man stirbt doch nicht so allgemein“. Soll heißen: der Tod, den diese Antigone stirbt, ist ein überzeugter Tod, ist ein Tod für eine Idee. Wegen eben dieser Suggestion einer sittlichen Überlegenheit haben spätere Bewunderer wie Hegel in Antigone die „herrlichste Gestalt, die je auf Erden erschienen ist“ gesehen. Wie herrlich ist sie wirklich? „Dich hat verderbt das zornige Selbsterkennen. Dich stürzt ein selbstgerechtes Trachten“, wirft der Chor der thebanischen Alten der jungen Rebellin vor. Und wirklich wirkt sie in Harzers Darstellung nicht in erster Linie wie eine gefasste Heldin. Nervös und fahrlässig probiert sie stattdessen verschiedene Tonlagen aus, um ihrer Gesinnung Gehör zu verschaffen, bricht, wenn sie nicht weiterweiß, plötzlich los, schlägt die Arme nach oben und rennt im Kreis, um sich zu fangen. Hölderlin schreibt in seinen „Anmerkungen“ zum Stück, dass Antigone „mit einem Kampfspiele von Läufern zu vergleichen“ sei, „wo der, welcher zuerst schwer Atem holt und sich am Gegner stößt, verloren hat“. Dieses Bild hat Harzer sich zu Herzen genommen. Er spielt diese humane Natur als zittrige Kippfigur, die immer wieder die panische Angst vor den Folgen ihrer eigenen Courage packt. Nur wenn ihr die sorgenvolle Schwester begegnet, wird sie ganz großmütig. Ismene, gespielt von Kathleen Morgeneyer, bietet dieser Antigone ein spannungsvolles Gegenüber, die Szenen, in denen die beiden miteinander ringen und Sorge in Verachtung übergeht, gehören zu den größten des Abends. Im Schatten der Form Ein Abend, der einsamen Mut zur Schwierigkeit beweist. Der das Publikum heraus- und sich überfordert. Wie sollte es anders sein? Das ist kein Text, der sich Bildern unterordnet. Das ist eine Kraft, die für sich wirken will. Man spürt die Fassungslosigkeit, die darüber im Berliner Promi-Publikum herrscht. Denn Johan Simons radikal reduzierte, von allem Einfall freie Inszenierung bietet dem zeitgenössisch konditionierten Gemüt keine Brücke in seine Gegenwart. Im Gegenteil ist Fremdheit und Ferne hier das unerklärte Ziel. Natürlich werden die meisten einwenden, dass deswegen „die Erzählung“ leidet, dass Haemons Parole: „Es ist kein rechter Staat, der nur einem Menschen gehört“ hier zu sehr im Schatten der Form stünde. Und mancher wird vielleicht sogar Manierismus sagen. Na und? Das ist eben einmal kein Abend, den man leicht zu fassen bekommt. Kein Abend, der sich selbst ganz kennt. „Was sind das denn für Gesetze, ich verstehe sie immer noch nicht“ flüstert Harzer kurz vor Schluss und schnippst dabei unwillig, als wollte er seinem lahmen Verstand auf die Sprünge helfen. Aber es kommt keine Lösung. Es bleibt bei der zittrigen Suche nach etwas mehr Licht. Am Schluss, als der etwas unsichere Applaus verebbt ist, sieht man Harzer wie nach einem Marathonlauf schwer atmend auf dem Boden sitzen. Sieht, wie die schwierigen Sätze der letzten zwei Stunden in ihm fortwirken. Spürt, was das hier gewesen ist: eine ungeheure Mutprobe, ein Akt der Sprache durch den freien Willen der Kunst.