Im Saal der Karyatiden im Palazzo Reale in Mailand hat die Geschichte tiefe Spuren hinterlassen. Der ehemalige Prunksaal wurde von Giuseppe Piermarini, dem Architekten der Scala, erbaut, mit Fenstern, die zum Dom hinausblicken, und Wandspiegeln, in denen sich das Krönungsbankett Napoleons I. und andere Feste widerspiegelten. Die Erbauer schufen ein Gewölbe, das von Karyatiden getragen wird. Eine Bombe der Alliierten setzte es 1943 in Brand, die Flammen ließen die mit einem Fresko von Hayez dekorierte Decke einstürzen, die die Karyatiden enthauptete. Von diesem Moment an trug der Saal ihren Namen. Später wurde er so restauriert, dass die Verwundung sichtbar blieb, als ein Symbol für Schönheit, Verletzung und Wiedergeburt. Als Pablo Picasso zum ersten Mal den Raum besichtigte und die verwundeten Körper der Karyatiden sah, soll ihn das so berührt haben, dass er entschied, dort sein Werk „Guernica“ zu zeigen. Es war 1953 fünf Wochen lang als Kurzleihgabe in Mailand zu sehen. Metaphysik und biologische Identität Nun hat mit Anselm Kiefer ein weiterer weltberühmter Künstler eigens einen Bilderzyklus für den geschichtsträchtigen Ort geschaffen. Die Installation ist von diesem Samstag an zugänglich und heißt „Le Alchimiste“. Sie hat Frauen zum Thema, die sich vom Mittelalter an und bis zur Renaissance alchemistischen und medizinischen Experimenten widmeten. Ihre Namen sind wenig bekannt, da ihre Beiträge zur frühen Chemie und Medizin im Laufe der Jahrhunderte verloren gingen, während jene ihrer männlichen Kollegen Eingang in Bibliotheken fanden. Doch um Wiedergutmachung oder Geschlechtergerechtigkeit geht es Kiefer auch nicht. Kiefer besteht ausdrücklich darauf, dass die Schau keine feministische ist: „Ich bin zur Hälfte eine Frau. Wie kann die Ausstellung da feministisch sein?“, sagte er jetzt in Mailand. Ähnlich äußerte sich die Kuratorin Gabriella Belli. Die Schau sei „ein Akt der wichtigen Anerkennung und nicht unbedingt ein feministischer“. Angesichts des Themas ist das geradezu ein Kunststück. Kiefer ist es gelungen. „Le Alchimiste“ passt hervorragend ins Kulturprogramm der Regierung Meloni, das zunächst den Futurismus ins Visier genommen hatte und sich nun verstärkt der Metaphysik zuwendet. Im Rahmen des kulturellen Begleitprogramms der Olympischen Winterspiele wurden in Mailand neben den Alchemistinnen vier Ausstellungen konzipiert, mit denen man, wie es im Palazzo Reale heißt, die „metaphysische Kunst wieder zu ihrer schöpferischen Kraft zurückführen will“. Meloni lehnt moderne feministische Strömungen ab. Sie vertritt ein Frauenbild, das stark auf die biologische Identität ausgerichtet ist. Der erste Eindruck, wenn man die Sala delle Cariatidi betritt, ist – wie eigentlich immer bei Kiefer: überwältigend. Er hat 38 Monumentalwerke geschaffen, die wie Paravents stehen, zwischen denen man sich wie durch ein Labyrinth durch den Saal bewegt. Die bis zu sechs Meter hohen reliefartigen Bilder wirken, als hätte dieser von Feuerhitze gezeichnete Saal sie aus seiner Asche geboren. Chemikerin, Heilerin, Ärztin Farbe, durch Elektrolyse verbrannt, platzt von den Leinwänden; die erdigen Töne der dick aufgetragenen Ölfarbe finden sich im Boden und den Wänden wieder, das Blattgold, das durch dunkle Schichten scheint, schimmert auch auf den Rahmen der Spiegel. Die Leinwände sind mit alchemistischen Symbolen und Zeichen bevölkert, die auf Prozesse der Verbrennung und der Transformation verweisen. Gesichter und meistens nackte Frauenkörper tauchen aus den korrodierten Oberflächen auf. Mit wem man es zu tun hat, steht in goldenen Lettern auf den Bildern. Leona Constantia, Autorin der erfolgreichen Abhandlung „Sonnenblumen der Weisen“, die sich mit alchemistischen Prozessen und spirituellen Transformationen befasst; Marie Meurdrac, eine Chemikerin, die Frauen in diesem Wissenschaftszweig förderte; Caterina Sforza (1463 bis 1509), Tochter des Mailänder Herzogs Galeazzo Maria Sforza, die Wissenschaftlerin, Führungspersönlichkeit und Autorin eines Manuskripts mit über vierhundert alchemistischen, kosmetischen und therapeutischen Formeln und Rezepten war; die Dichterin und Gelehrte in Pharmakopöe Lady Mary Herbert; Christina von Schweden, die sich nicht mit der Praxis befasste, aber als außergewöhnliche Bibliophile galt und sich zu einer Expertin für Hermetik und Alchemie entwickelte; die als Hofalchemistin am Hofe Herzog Julius’ von Braunschweig-Lüneburg tätige Anne Maria Ziegler, die versprach, den Stein der Weisen herzustellen. Als es misslang, wurde sie 1574 vor Gericht gestellt, wegen Mord an einem Kurier, versuchter Vergiftung der Herzogin Hedwig (Julius’ Frau) und anderer Anklagen. Sie wurde verurteilt, 1575 an einen Stuhl gefesselt und verbrannt. So erzählt es der Katalog zur Ausstellung, der die Frauen in Kurzbiographien vorstellt. In der Schau selbst muss man sich mit den Bildern begnügen, die Kiefer den Frauen hat angedeihen lassen. Seine Alchimistinnen sind mächtig – weil das Unwissen über sie die eigene Vorstellungskraft mobilisiert. In den Gemälden erscheinen die Frauen vor allem als Objekte des Geheimnisses und als wilde, antirationale und theosophische Wesen, die zwischen Erdverbundenheit und Ekstase oszillieren. Da wird nackt auf dem Boden herumgekrochen, um eine Heilpflanze aus der Nähe betrachten zu können; wild getanzt oder Arme und Kopf gen Himmel gerissen, entblößte Rücken krümmen sich im freien Fall, nackte Brüste wippen im Sprung, Gewänder werden bis über den Kopf hochgeworfen, sodass das Antlitz verborgen ist, während man freien Blick auf Scham und Oberkörper hat und der Stoff sich wie Engelsflügel über den Armen aufbauscht. Die Alchemie erscheint als Mittel, die Vernunft zu umgehen, Regeln der Gesellschaft zu überwinden und unterdrückte Wünsche oder Phantasien zu entfesseln. Geburt, Zerstörung, Erneuerung Der Künstler Kiefer lässt sich selbst gern als Alchemist ansprechen. Während die Alchemie Blei in Gold umwandeln wollte, sind es bei ihm Blei, Asche, Stroh, getrocknete Blumen und Erde, die zusammengeschmolzen oder verbrannt zu verdichteten Erinnerungen und Visionen werden. Für Kiefer bedeutet Malerei die Umwandlung von Materie – wie im Prozess der Alchemie ist sie Geburt, Zerstörung, Erneuerung, Geburt, Zerstörung, Erneuerung. Schaut man sich die Kunstmarktpreise für seine Werke an, dann erschafft er tatsächlich aus unedlen Stoffen künstlerisches Gold. Die wahren Alchemisten fanden den Stein der Weisen dagegen nie. Die Darstellung von antirationalen, dem Okkultismus verbundenen Frauen boomt, spätestens seitdem die Venedig-Biennale 2022 surrealistische Künstlerinnen in den Mittelpunkt stellte. Eine der wenigen Protagonistinnen in Mailand, die bekleidet ist und lächelt, ohne dabei wild oder irre zu wirken, ist Caterina Sforza. Sie tritt dem Betrachter als eine Art Kräuterweibchen mit Mistelast entgegen, und Kiefer hat ihr ein züchtiges, zeitloses schwarzes Gewand gemalt. Vielleicht ein Verweis darauf, dass sie viele Jahre ihres Lebens auf ihre Rolle als Witwe ausrichten musste. Oder es ist ein Zugeständnis an die Gastgeber. Vorsicht vor der Schafgarbe Caterina Sforza war Mailänderin, und auch Kiefer hat eine lange Geschichte mit der Stadt. Seine Installation „Die sieben himmlischen Paläste“ ist eine Dauerausstellung im Hangar Bicocca. Bei der Presseführung jedenfalls bauten die italienischen Fernsehteams ihre Kameras vor allem vor Sforzas Porträt auf. Zwei Schritte daneben wäre der Blick aus den Wohnzimmern auf das Gemälde gefallen, das Kiefer Susanne von Klettenberg gewidmet hat. Nackt auf den Fersen sitzend, den Oberkörper nach hinten geneigt, während sich das Becken nach vorne schiebt, scheint sie einen Stängel Schafgarbe zwischen ihre Schenkel nehmen zu wollen. Die Pflanze ist gefährlich, bei Berührung kann sie Verbrennungen hervorrufen. „Anselm Kiefer. Le Alchimiste“ läuft noch bis zum 27. September im Palazzo Reale in Mailand. Der Katalog kostet 38 Euro.
