FAZ 06.01.2026
18:26 Uhr

Anschlag in Berlin: Stammt das Bekennerschreiben aus Russland?


In sozialen Medien wird spekuliert, das Berliner Bekennerschreiben könne eine Übersetzung aus dem Russischen sein. Doch plausibel ist das nicht.

Anschlag in Berlin: Stammt das Bekennerschreiben aus Russland?

In sozialen Medien wird die Vermutung verbreitet, das von den Ermittlern für authentische gehaltene Bekennerschreiben zum Berliner Anschlag könne seinen Ursprung in Russland haben. Verschiedene – darunter auch anonyme – Accounts wollen Anhaltspunkte dafür entdeckt haben, dass der Text mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz aus dem Russischen übersetzt worden sein könnte. Eine gewisse Prominenz hat diese These dadurch gewonnen, dass ein entsprechender Beitrag auf X auch vom CDU-Bundestagsabgeordneten Roderich Kiesewetter geteilt wurde. Vance, Vans, Vens und Giffay Die Argumente, die für diese Mutmaßung angeführt werden, sind jedoch äußerst schwach. Teilweise zeugen sie auch von mangelnder Kenntnis des Russischen. So wird als Auffälligkeit angeführt, dass in dem auf der linksextremen Plattform Indymedia veröffentlichten Schreiben Namen falsch geschrieben werden. So wird der US-Vizepräsident JD Vance als Vans bezeichnet. Dieser Fehler wird als Rückübertragung aus der kyrillischen Schrift dargestellt. Aber das ist nicht plausibel. Fremdsprachige Eigennamen werden in Russland so ins Kyrillische übertragen, dass die Schreibweise möglichst nahe an der originalen Aussprache liegt. Die Rückübertragung der in den russischen Medien gebräuchlichen Schreibweise für Vance in die lateinische Schrift wäre daher Vens. Wenig plausibel ist eine russische Spur auch bei dem zweimal als „Giffay“ falsch und einmal richtig geschriebenen Namen der Berliner Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey. Die Fehler in Rechtschreibung und Grammatik sowie die vielen ungelenken Formulierungen bieten ebenfalls keine Hinweise auf einen russischen Urtext. Russische Propaganda nur in homöopathischer Dosis Die Russland-Hypothese wird in den sozialen Medien auch damit begründet, in dem Bekennerschreiben würden Narrative der russischen Propaganda aufgegriffen. Auch dieses Argument ist nicht schlüssig. Zum einen sind solche Elemente allenfalls in homöopathischer Dosis erkennbar. Zum  anderen stehen ganze Passagen des Schreibens in Widerspruch zur Propaganda des russischen Regimes. Der oder die Verfasser geben an, sie wollten ihre Tat „in den Kontext eines weltweiten Widerstandes stellen, ob in den USA, Lateinamerika, Asien, China oder Russland, in Europa oder Australien“. Wladimir Putin wird in der mit Donald Trump beginnenden und Chinas Präsident Xi Jinping endenden Aufzählung der Feinde der Menschheit zwischen Alice Weidel und Björn Höcke genannt. Auch wird Russland fälschlich beschuldigt, Europa noch immer über die Pipeline Nord Stream 1 mit Gas zu beliefern.