Der türkische Geheimdienst führte kürzlich eine Operation im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet durch. Dabei wurde laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu ein führendes Mitglied der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) festgenommen. Der Türke Mehmet Goren soll den Angaben zufolge mit der Planung von Selbstmordattentaten „in Afghanistan, Pakistan, der Türkei und Europa“ betraut gewesen sein. Er soll eng mit einem weiteren türkischen IS-Kader namens Özgür Altun zusammengearbeitet haben, der einige Monate vor ihm bei einer Geheimdienstoperation in Pakistan festgenommen wurde. Altun war demnach für die Anwerbung von IS-Rekruten in der Türkei und deren Ausbildung in Trainingslagern im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet verantwortlich. Seit Jahren nutzt die Terrormiliz die Türkei für die Logistik von geplanten Anschlägen in der Region und in Europa. Bisher konzentrierten sich die Ermittler meist auf ausländische Dschihadisten, vornehmlich aus Zentralasien. Die jüngsten Razzien gegen mutmaßliche IS-Anhänger in der Türkei deuten darauf hin, dass die Zahl der türkischen Rekruten zunimmt. Bei einem Zugriff am 29. Dezember im westtürkischen Yalova kam es zu einem Feuergefecht, bei dem drei Polizisten und sechs mutmaßliche IS-Anhänger getötet wurden. Seither diskutiert die Türkei darüber, wie es so weit kommen konnte. Autokorso mit schwarzen Flaggen Die salafistische Szene in der Küstenstadt Yalova, eineinhalb Autostunden südlich von Istanbul, ist seit Langem im Fokus der Ermittler. In den vergangenen Jahren wurden dort immer wieder Extremisten festgenommen. Mehrere Politiker forderten in der Vergangenheit ein härteres Vorgehen gegen die örtliche Salafistenszene, die sich offenbar so sicher fühlte, dass sie im August in einem Autokorso mit schwarzen Flaggen durch die Stadt fuhr. Berichten zufolge organisierte sie sich um die salafistische Zeitschrift „Moral und Sunna“, an der auch frühere IS-Kämpfer beteiligt gewesen sein sollen. Vier der sechs türkischen Männer, die in dieser Woche in dem Feuergefecht mit der Polizei getötet wurden, waren Brüder. Laut türkischen Medien stammten sie aus Bitlis im Osten der Türkei und kamen nach Yalova, um dort auf Werften und Baustellen zu arbeiten. Einer von ihnen soll sich über Kontakte zu islamistischen Netzwerken radikalisiert und seine Brüder, Schwestern und Schwägerinnen angestiftet haben, während der Vater versuchte, sie davon abzubringen. Er betrieb eine salafistische Buchhandlung. Im Oktober 2024 sollen die Brüder laut polizeilich überwachter Chatnachrichten überlegt haben, sich dem afghanisch-pakistanischen IS-Ableger anzuschließen. Gegen sie wurde ein Ausreiseverbot verhängt. Zwischenzeitlich waren sie in Haft, wurden im Oktober 2025 jedoch vom Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung freigesprochen. Insgesamt wurden 42 mutmaßliche Extremisten in Yalova inhaftiert. Anschläge auf Neujahrsfeiern waren in Planung Es war nur eine von mehreren Antiterroroperationen, bei denen laut dem Innenministerium im Dezember rund 760 mutmaßliche IS-Anhänger in verschiedenen Provinzen des Landes festgenommen wurden. Demnach lagen der Polizei Erkenntnisse über geplante Anschläge auf Neujahrsfeiern vor. „Die Zeit vor Silvester ist ein besonders symbolträchtiges Datum für terroristische Anschläge“, heißt es in den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes zur Türkei. 2017 hatte ein usbekischer IS-Terrorist in Istanbul in der Silvesternacht im Nachtclub Reina 39 Personen getötet. Die IS-Netzwerke in der Türkei haben sich im Laufe der Kriege in den Nachbarländern Syrien und Irak entwickelt. Viele frühere IS-Kämpfer, die in den Jahren 2013 und 2014 aus aller Welt über die Türkei nach Syrien einreisen konnten, kehrten nach dem Zusammenbruch des IS-Terrorstaates im Jahr 2019 dorthin zurück. Das schließt Frauen und Kinder früherer IS-Kämpfer ein. Laut einem Bericht der Denkfabrik International Crisis Group deportierte die Türkei zwischen 2019 und 2021 mehr als 1500 frühere IS-Angehörige in ihre Heimatländer. Andere wurden inhaftiert und nach dem Ende ihrer Haftstrafe freigelassen. Wieder andere ließen sich unbehelligt nieder. Viele unterliegen der Überwachung durch den Sicherheitsapparat, der zu Abschreckungszwecken regelmäßig Hunderte solcher Personen für wenige Tage festnimmt – gewissermaßen als Gefährderansprache. Immer wieder gibt es Hinweise, wonach der afghanische IS-Ableger ISKP die Türkei als Transitland nutzt. So hielten sich zwei der Attentäter, die im März 2024 eine Konzerthalle bei Moskau angriffen, vor der Tat in Istanbul auf. In einer Anklageschrift der Istanbuler Staatsanwaltschaft heißt es, die Terrorgruppe nutze die Türkei, um gefälschte Pässe, Geld und Waffen zu beschaffen, und betreibe dort Unterschlüpfe für potentielle Attentäter. Der Politikwissenschaftler Nurettin Kalkan von der Bingöl-Universität warnt, dass der Salafismus auch unter türkischen Islamisten auf dem Vormarsch sei. Ein Grund dafür seien Korruption und Zersplitterung der konservativen türkischen Ordensgemeinschaften, die traditionell islamistisch Gesinnte absorbierten und inzwischen an Attraktivität verloren hätten.
